Lichtenberg
Ein aufklärender Parcours für Jugendliche

Cannabis denn Sünde sein?

Cannabis denn Sünde sein?
"Ich möchte nie regelmäßig kiffen, nur ab und zu." Diese und andere Aussagen werden im Workshop verschiedenen Risikogruppen zugeordnet.
Lichtenberg - Ein Parcours unter der Projektleitung der Jugendeinrichtung KARUNA pr|events nähert sich spielerisch dem schweren Thema Cannabis. Die Stationen sind spaßig, doch das starre Bewertungssystem wird der 'weichen Droge' nicht immer gerecht. Umso wichtiger ist eine gute Nachbereitung durch die Pädagogen.

In einem größeren Raum im ersten Stock der staubigen Einkaufspassage in der Mauritiuskirchstraße sind fünf Stationen aufgebaut, die vor allem Jugendlichen die Gefahren des Cannabiskonsums näher bringen sollen. Cannabis meint nicht die Hanffasern, sondern wahlweise Mariuhana, Hasch oder Cannbis-Öl – je nach Ernteart. Ein Raum, drei Konsumarten, fünf Stationen – das klingt übersichtlicher als es im Endeffekt ist. Denn mit dem Parcours „Cannabis denn Sünde sein?“ kann man sich wirklich schwer tun. Warum, das klärt sich erst, wenn man bei der Betrachtung der eigenen Punktzahl am Ende eine Sekunde innehält und sich fragt, was man eben falsch gemacht hat.

Die Aufgabenstellungen an den Stationen sind verständlich und klar definiert – mal wird das Wissen über den rechtlichen Status der weichen Droge abgefragt, mal entdeckt man die nebenwirkenden Zusatzstoffe in den Pflanzen. Das ist erfrischend spielerisch und interaktiv gestaltet, über die Zusatzstoffe klärt beispielsweise ein Memory-Spiel auf. Wer hätte vorher gedacht, dass Quecksilber und Auto-Schmiermittel als Streckmittel und Pflanzendünger in den Joints verborgen sein können?

Die Risikosäule ist das Highlight

Highlight dürfte eine Station sein, bei der man kleine Tafeln mit Alltagssätzen zum Thema Drogenkonsum auf eine Säule pinnt, um die sich eine Treppe windet. Auf der ersten Treppenstufe und damit relativ niedrig an der Säule befestigt man Sätze wie „Kiffen interessiert mich nicht“ und markiert damit ein geringes Risikopotential zur Abhängigkeit. Ganz oben die Treppenstufen hinauf, einmal um die Säule rum, pinnt man Sätze wie „Ich kann aufhören wenn ich will. Morgen dann“ oder „Aufhören schaff‘ ich nicht“. Plastischer kann man den Anstieg des Abhängigkeitsrisikos nur darstellen, wenn man Junkies direkt interviewt.

An manchen Stationen hakt es aber, und das ist zum Teil dem etwas gewollten Konzept der Interaktivität geschuldet. Ein Workshop sieht vor, beispielsweise den wohlfühlensten Gegenstand in einer düsteren Box zu ertasten. Blickt man durch eine andere Box, erscheinen verschiedene Bilder – man soll das schönste auswählen. So geht es mit jedem Sinnesorgan an der Station. Das Spiel will einen Vergleich ziehen, zeigen, dass es schöne Orte gibt, schönes Riech- und Fühlbares, auch ohne Drogen. Halb so wild, dass sich die Station höchstens noch assoziativ am Cannabis-Thema anlehnt, aber die Frage ist doch: Wo die Grenze ziehen? Wieso ist bei dieser Aufgabe der Vanille-Geruch die richtige Lösung? Dass eine Jugendgruppe weniger Punkte bekommt, wenn ihnen der Geruch von Klosteinen mehr zusagt oder der von Kaffee, bedarf einer Erklärung.

Wo die Grenze ziehen?

Das Gleiche passiert an einer anderen Station: Mit einer Warenscan-Pistole, wie man sie vom Supermarkt kennt, teilt man verschiedene Nebenwirkungen in „körperliche“ und „soziale“ Probleme ein, die als Barcodes auf einer Puppe mit Kapuzenpulli und tiefhängender Hose befestigt sind, die einen typischen Kiffer symbolisert (denn seit Trayvon Martin wissen wir, dass Jugendliche mit Kapuzenpulli mindestens böse sind). Doch wo beginnen soziale Probleme des Cannabiskonsums? Ist das ausfallende Langzeitgedächtnis, die Bronchitis, eine beginnende Psychose allein körperliche Nebenwirkung oder hat sie nicht unweigerlich sozio-ökonomischen Einfluss?

Mit dem starren Bewertungssystem des Parcours in „richtig“ und „falsch“ unterläuft ihm glatt der Fehler, den die Aufgaben oftmals zu vermeiden suchen: Cannabis so vorsichtig wie möglich anzufassen, gerade weil es eine weiche Droge ist, kein zahnfleischätzendes Acid; gerade weil sich eine liberale Gesellschaft mit der Frage auseinanderzusetzen hat, warum Cannabis im Gegensatz zu beispielsweise Alkohol illegal ist. Mit anderen Worten: Es fallen jene Grauzonen aus der Bearbeitungslogik der Workshops, die sie doch thematisch aufzugreifen versuchen. Der reflexive Umgang ist angedeutet beim Thema Cannabis, findet aber in den Workshop-Lösungen nicht statt. Dass die Einteilung in rein „körperliche“ Probleme wie auch die Einteilung in „wohlriechend“ einer normativen, fast willkürlichen gesellschaftlichen Festsetzung unterliegt, wird damit aus Versehen zum unhinterfragtem Vergleich mit der illegalen Droge.

Es lohnt sich – bei guter Nachbereitung

Lediglich die Wissensfragen à la „Was ist der Wirkstoff von Cannabis? a) Nikotin. b) THC c) Ethanol“ erläutern sofort die richtige Lösung. Was bei den Stationen Not tut, ist die Post-Parcours-Arbeit. Welche Gefühle den Jugendlichen bei den Aufgaben durch den Kopf gingen, welche Workshops sie kritisch gesehen haben – diese Eindrücke sich artikulieren zu lassen ist erstens keine Selbstverständlichkeit im Bildungswesen, zweitens nötig für das tiefergehende Verständnis für so manche Aufgabe des Parcours und drittens nötige Kritik für die Optimierung des Parcours selber.

Gruppen ab zehn Personen aus Schulen, Ausbildungsbetrieben und Förderzentren können den Parcours durchlaufen, sehr gerne auch pädagogische Multiplikatoren wie Referendars- und Lehramtsgruppen – und so viel ist klar: Es lohnt sich! Aber gerade jene Pädagogen sollten vorher die Workshops besuchen, die sie ihren Jugendlichen mit „Cannabis denn Sünde sein?“ anbieten werden. Denn wer sich ab der 8. Klasse nicht mit einem normativen „falsch“ oder „richtig“ zufrieden geben wird, und sei es nur beim Kaffee als Lieblingsgeruch, wird vom Lehrer ein paar ziemlich gute Deutungsansätze hören wollen.

KARUNA pr|events betreut außerdem vier weitere Risiko-Parcours, über das Rauchen, Glücksspiel (und Internetsucht), Alkoholkonsum und gesunde Ernährung. Telefonisch oder per Mail kann ein passender Termin gefunden werden, ein Parcours kostet jeden Teilnehmer 4 Euro.

KARUNA pr|events, Mauritiuskirchstraße 3, 10365 Berlin

Telefon 030 55 15 33 29
Fax 030 55 15 35 82

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normalerweise von 8:00 bis 16:00 Uhr

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