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Ein blinder Held: Wie Doku-Fiction gelingen kann

Otto Weidt (Edgar Selge) mit seiner geliebten Alice (Henriette Confurius).
Otto Weidt (Edgar Selge) mit seiner geliebten Alice (Henriette Confurius).
Spandauer Vorstadt - Der ARD gelingt mit dem etwas anderen Doku-Drama über den Fabrikanten Otto Weidt und seine Liebe zu einer jüdischen Angestellten seiner Blindenwerkstatt am Hackeschen Markt ein überzeugendes Stück Fernsehen. QIEZ hat sich mit der Zeitzeugin Inge Deutschkron unterhalten.

„Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ lautet der vollständige Titel des Films, der am 6. Januar in der ARD zu sehen ist. Kritische Fernsehzuschauer könnte da der Verdacht befallen, dass es sich um ein typisches Exemplar der Gattung Doku-Spiel oder Doku-Fiction handelt – schnell changierend zwischen Zeitzeugen-Interviews und hölzernen Spielszenen.

Doch nicht in diesem Fall. Sandra Maischberger hat für die Geschichte über die Liebe des blinden Bürstenfabrikanten Otto Weidt in einem unmenschlichen Umfeld einzig und allein die letzte verbliebene Zeitzeugin Inge Deutschkron befragt. Die spätere Journalistin arbeitete zwischen 1941 und 43 als Sekretärin in der Blindenwerkstatt Weidts – so wie ihre Kollegin Alice Licht, in die sich der Fabrikant verliebte. Wie die meisten Mitarbeiter der Werkstatt waren die beiden Frauen jüdischen Glaubens.

Ein Pazifist und die Gestapo

Lange Zeit konnte sie der Fabrikant – laut Deutschkrons Worten ein „Pazifist“ – aufgrund seiner Geschäftsbeziehungen und ein wenig Bestechung vor der Deportation durch die Gestapo schützen. 1943 werden die sehbehinderten Arbeiter doch abgeholt – und die beiden ohne Wissen der Behörden tätigen Sekretärinnen müssen untertauchen. Das Versteck von Lichts Familie wird verraten und die junge Alice nach Auschwitz deportiert – damit findet sich Otto Weidt jedoch nicht ab …

Inge Deutschkron bleibt in ihren Verstecken in Berlin unentdeckt und hat sich mit über 90 Jahren bereit erklärt, Sandra Maischberger die ganze Geschichte noch einmal für den Film „Ein blinder Held“ zu erzählen. Ein Grund, warum dieser wirklich sehenswert geworden ist: Die Drehbuchautoren und Regisseur Kai Christiansen bleiben nahe an den Erinnerungen Deutschkrons, einer begnadeten Berichterstatterin. Die Interviewsequenzen sind gekonnt mit der Spielhandlung verwoben. Außerdem brilliert Edgar Selge als Otto Weidt – demgegenüber treten die Nebenrollen deutlich in den Hintergrund, was dem Film jedoch kaum schadet.

Erzählerin Inge Deutschkron kam mit 18 Jahren auf Vermittlung eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde zu Otto Weidt. Im Gespräch vor Ort, im heutigen Museum Blindenwerkstatt in der Rosenthaler Straße, erinnert sie sich trotz ihres hohen Alters noch gut an das Geschehen. Sie erzählt von ihrer glücklichen Kindheit in der Hufelandstraße in Prenzlauer Berg, von sportlichen Hobbys wie Schlittschuhlaufen und Schwimmen. Doch dann kündigte sich das heraufziehende Unheil an: „Meine Mutter hat mir eines Tages gesagt, dass ich Jüdin sei und mir nichts gefallen lassen darf“, berichtet Deutschkron.

Überleben im Versteck

Otto Weidt beschreibt sie als mitfühlenden Menschen: „Natürlich hatte er Gefühle für diese Menschen [seine Mitarbeiter, Anm. d. Red.]. Er war ja auch blind. (…) Die Sorgen, die wir hatten, teilte er mit uns.“ Den Großauftrag der Wehrmacht, dem die Angestellten der Werkstatt mit zu verdanken hatten, dass sie bis 1943 unbehelligt blieben, erfüllte der Fabrikant nur so weit unbedingt nötig – die meisten hergestellten Besen und Bürsten tauschte er bei Karstadt gegen andere Waren ein. Und auch die Gestapo wusste er bei den regelmäßigen Kontrollen zu täuschen: „Otto Weidt hat so getan, als sei er auch Nazi“, erinnert sich Deutschkron.

Nach der Deportation der Arbeiter verfolgt der Film das Schicksal von Licht und Weidt. Inge Deutschkron erzählt, wie es ihr selbst in der Folge erging. 1943 wohnte sie mit ihrer Familie in der Uhlandstraße in der heutigen City West. Die Inhaberin einer nahen Wäscherei überzeugte die Deutschkrons angesichts der Berichte vom Schicksal der Juden in Polen, unterzutauchen. Bis zum Kriegsende wechselte die Familie in Berlin rund ein Dutzend Mal das Versteck und überlebte unentdeckt.

Inge Deutschkron war später als Journalistin und Autorin in Deutschland und Israel tätig. Inzwischen lebt sie wieder in Berlin. Ihr ist es zu verdanken, dass die Geschichte des Otto Weidt und seiner Geliebten mit Authentizität und Leben erfüllt wird.

Der Film „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ ist am 6. Januar 2014 um 21.45 Uhr in der ARD zu sehen.

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt, Rosenthaler Straße 39, 10178 Berlin

Telefon 030 28599407
Fax 030 25762614

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