Ein Diskussionsabend in Spandau

Wieder über Mieten reden

Manuel Heide (zweiter von rechts), stets zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen und Vergleiche zur Chaos-Zeit vergangenen WestBerlins ziehend: "Der graue Markt und Abstandszahlungen etc. werden wiederkommen, mit der Folge, dass nicht die 36-jährige Mutter die Wohnung bekommt, sondern die jungen Pärchen in Vollzeit.“
Manuel Heide (zweiter von rechts), stets zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen und Vergleiche zur Chaos-Zeit vergangenen WestBerlins ziehend: "Der graue Markt und Abstandszahlungen etc. werden wiederkommen, mit der Folge, dass nicht die 36-jährige Mutter die Wohnung bekommt, sondern die jungen Pärchen in Vollzeit.“ Zur Foto-Galerie
Wasserstadt - Miteinander über Mieten reden, diesmal über Spandau, das ist das halbe Thema im Fair-Miet-Salon. Der Club Aussergewöhnlich Berlin lädt dafür alle paar Monate Politiker, Mieter, Vermieter und Investoren an einen Tisch. Ein solcher Diskussionsabend bereitet eine persönliche Grundlage für feinstes Networking - dem anderen wichtigen Anlass des Treffens.

Was sich bewährt, kann weitergehen. So geht es dem Fair-Miet-Salon von Aussergewöhnlich Berlin. Beim ersten Mieter-Vermieter-Politiker-Treffen in Hellersdorf im September kamen gute Diskussionen zustande. Also wurde geschwind ein weiterer Termin für den illustren Club ausgemacht – diesmal in Spandau, in der Galerie Havelspitze.

Der schon immer etwas spezielle Bezirk hat schließlich einen mustergültigen Wandel hinter sich. Um es mit Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank zu sagen, hatte „auch Spandau Anteil an der Bevölkerungsexplosion. Und wir haben das nur durch Neubauten, Falkenhagener Feld für 30000 Leute, gelöst.“ Wieso also nicht das Seengebiet als Aufmacher nutzen für ein Gruppengespräch. Neben Kleebank sind Immobilieninvestor Karl Samoning und Reiner Wild vom Berliner Mieterverein dem Aufruf gefolgt, ebenso Manuel Heide, CDU-Mitglied im Abgeordnetenhaus, und seine Gegenspielerin Katrin Schmidberger von den Grünen in Kreuzberg. Roland J. Stauber, Geschäftsführer der berlinovo Immobilien Gesellschaft mbH, war schon beim ersten Treffen des Salons dabei. Neben den überregional aktiven „alten Hasen“ komplettierten die Spandauer Herren Al Zaben, El Ammar und André Wecker den Diskurs.

Wo die Diskrepanz herkommt

Im Laufe des Abends sagt Bürgermeister Kleebank einen Satz über seinen Bezirk, der symptomatisch für die problematischen Viertel Berlins ist: „Andere schauen mitleidig auf die Spandauer herab. Auf der anderen Seite sind die Spandauer mächtig stolz auf ihren Bezirk. Ich kann mir nicht erklären, wo diese Diskrepanz herkommt.“ Erklärungsansätze werden an diesem Abend viele gemacht, viele auch wieder verworfen. Interessant ist dabei, wie sich der Bogen von der Wasserstadt über „Problemkieze“ wie das letzmalig diskutierte Marzahn-Hellersdorf auf ganz Berlin spannt, sich beispielhaft aber immer wieder auf Spandau rückbezieht. Während in Randareale oftmals Familien zogen, ist das Mietproblem in Szenekiezen oftmals ein anderes, Reiner Wild konstatiert: „Wir brauchen neuen Wohnraum hauptsächlich für 1- und 2 Personen-Haushalte. Familien mit Kindern sind leider Ausnahmen.“ Katrin Schmidberger ergänzt, dass es sich um Berliner handelt, die oftmals „40-50% ihres Einkommens für die Miete aufbringen müssen.“

Karl Samoning zieht dabei gerne seinen als Smartphone getarnten Taschenrechner hervor und rechnet vor: „Wir brauchen vernünftige Mieten. Neubau geht nicht unter 10 Euro. Brandschutz, Grundwassserhaltung, Bauzeitverzögerungen. 10 Euro, dann darf im Neubau aber auch nichts schiefgehen. Dabei kommen 5 Prozent Rendite heraus, vielleicht.“ Für die Mieter agumentiert Wild, „bevor wir den Punkt erreichen, an dem Angebot und Nachfrage ausgeglichen sind, werden uns die Investoren abspringen.“ „Wir können nur die rechtlichen Rahmenbedingungen sichern“, erklärt Manuel Heide, dass es für den Mieter teurer werden kann: „Der Vermieter, das ist manchmal das schwarze Schaf.“

Der Vergleich zu London

Heide erinnert oft mahnend an das Chaos der früheren Ost-West-Teilung, sieht die heutige Hauptstadt im internationalen Vergleich aber gut gestellt: „Wir sind in Berlin noch gut durchmischt. Im Vergleich zu London, Paris haben wir hier keine Banlieues, keine Ghettos. Klar, wir haben auch Problemviertel. Aber wir brauchen dort wieder eine bessere Durchmischung der Bevölkerung.“ Wenn er und Karl Samoning von Londoner Verhältnissen sprechen, wo in einer Woche das an Miete gezahlt wird, was hier im Monat fällig wird, wenn der Investor Samoning sagt, „in Frankfurt und München zahlt man doppelt so viel für eine Wohnung“, fragt Schmidberger in die Runde, ob wir darauf zusteuern wollen: „Wir müssen uns doch gar nicht mit London vergleichen! Wir wollen keine Zustände wie in London und 3er WGs mit Vollverdienern.“ Auch Roland Stauber sieht den London-Paris-Vergleich kritisch: „Ich finde als Vergleich passt derzeit Washington besser. Hier gibt es Regierung und Tourismus. Wir müssen aufpassen, dass das wirtschaftliche Fundament breiter wird.“

Kleebank macht in solch brisanten Momenten oftmals einen Bezug zurück zu Spandau, gerade in den Momenten, in denen er nicht aktiv für seinen Bezirk spricht: „Man kann nicht wollen, dass Mitte schick und voll mit Zweitwohnungen von reichen Leuten, dafür aber ein toter Bezirk ist.“ Herr Al Zaben steht noch direkter für seinen Wohnort ein: „Nach Spandau kommen viele zur Familiengründung, denn Spandau ist ruhig und sicher und man hat alles für Kinder und Familie. Der Ruf von den Schulen ist hier besser als im Zentrum.“ Doch Spandau bleibt auch ambivalent: Fast unter Vollvermietung, aber kaum mit neuen Investoren gesegnet. Die Wasserstadt mit ihren vielen Grünflächen und Spazierwegen macht aus Spandau einen „romantischen Bezirk“, findet Herr El Ammar. doch der Nachbar André Wecker muss ergänzen: „Einige Spandauer Kieze haben bereits angefangen, sich negativ zu entwickeln, zum Beispiel die Heerstraße Nord.“

Wo sich alle einig sind

Wo sich alle einig sind: Trabantenstädte will keiner. Und „die eine Lösung“ für alle Mietprobleme gibt es erst recht nicht. Vielschichtig, ganzheitlich – de facto mit Alt- und Neubauten, mit Sanierungen und Sozialbau – muss das Wohnproblem angegangen werden.

Da bleibt die vorgeschobene „Miet-Diskussion“, was sie war: ein abendliches Pläuschchen zwischen Berliner Elite und lokalen Mietern – nicht festgefahren, aber doch zurückgelehnt und mit unabrückbaren Standpunkten belegt. Eine Talkrunde ohne Fernsehpublikum. Was bedeutet, nach der richtigen Diskussion fand der wichtige Visitenkartenaustausch statt. Jetzt können sich Karl Samoning und Katrin Schmidberger auch privat giftige Blicke zuwerfen, Roland Stauber sieht man bestimmt in der nächsten Runde des Fair-Miet-Salons wieder.

„Während der Diskussion dachte ich noch: Okay, netter Stammtisch. Das spätere Networking hat die eingeladenen Mieter dann aber vollends auf ihre Plätze verwiesen. Ein Kennenlernspielchen der großen Fische eben, bei denen der kleine Mann zu schmückendem Beiwerk wird.“

Foto Galerie

Galerie Havelspitze, David-Francke-Straße 1, 13587 Berlin


Mittwoch 18:00 bis 19:00 Uhr
Freitag 11:00 bis 13:00 Uhr

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