Sandhaufen im Tierpark

Ein teurer Berg voll Ärger

Ein teurer Berg voll Ärger
Ein weites Beschäftigungsfeld. Der neue Zoo-Chef Andreas Knieriem muss in der nächsten Zeit viele Probleme in Zoo und Tierpark lösen. Der Tierpark ist so gut wie pleite.
Die Entsorgung von giftigem Sand kostet 2,4 Millionen - rund fünf Mal mehr als gedacht. Und Zoo-Chef Knieriem hat noch viel mehr zu tun. Ein Zwischenstand.

Ein gutes halbes Jahr ist Zoochef Andreas Knieriem jetzt im Amt. Der Mann hat schon viel bewegt, aber noch jede Menge Arbeit. Neueste Hiobsbotschaft: Die Beseitigung des vergifteten Sandbergs im Tierpark würde 2,4 Millionen Euro kosten. Das geht aus einem Brief des Senats hervor, der dem Tagesspiegel vorliegt. Bisher hatte der Senat immer von 360.000 bis 570.000 Euro gesprochen.

Die Grünen sind empört. „Die haben uns angelogen“, sagt die tierschutzpolitische Sprecherin Claudia Hämmerling. Dass die Zahl herauskam, ist ihrer Fraktionskollegin Silke Gebel zu verdanken, die für Umweltpolitik zuständig ist. Sie hatte Akteneinsicht beantragt. „Auf diesen Kosten darf nicht die Allgemeinheit sitzen bleiben“, sagt Gebel. Ob Knieriem vorhat, denjenigen auf Schadensersatz zu verklagen, der ihm die Chose eingebrockt hat, nämlich seinen Amtsvorgänger Bernhard Blaszkiewitz, dazu wollte sich der Zoo-Chef noch nicht äußern. Knieriem war am Mittwoch im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses, da dort die benötigten fünf Millionen Euro für den Tierpark freigegeben werden sollten. Zuvor hatte er dem Tagesspiegel seine größten Baustellen erklärt.

Tierpark praktisch pleite             

Zunächst: Der Tierpark ist praktisch pleite. Es gibt ein Konzept, wie seine Attraktivität schnell gesteigert werden soll; auf dessen Grundlage gab der Hauptausschuss am Mittwoch die bisher zurückgehaltenen fünf Millionen Euro frei. Obwohl der Tierpark vor der Insolvenz stehe und null Geld für Investitionen da sei, würden dort jährlich zwei Millionen Euro für Energiekosten verschleudert, so Knieriem, der höchstens die Hälfte für normal hält. Es müsse ein Energiekonzept her. Daran werde gearbeitet.

Und natürlich sind die erwähnten Sandhaufen ein großes Problem. Knieriem sagt nichts Böses über seinen Vorgänger, aber es ist spürbar, dass er ihm diese Altlast übel nimmt. Auf einem riesigen Berg Müll aus dem Tierpark hatte Vorgänger Blaszkiewitz giftigen Sand aufschütten lassen. „Wir sahen über Wochen Lastwagen heranfahren“, sagt eine Besucherin. „Auch das Dezernat Umweltdelikte beim Landeskriminalamt wurde eingeschaltet, aber es geschah nichts.“ Die Grüne Claudia Hämmerling bestätigt das. Sie habe selbst Fotos ans LKA geschickt. „Der Berg ist so hoch wie ein zweistöckiges Haus“, sagt Hämmerling. Die Polizei wies die Vorwürfe zurück. Sie habe sofort nach Eingang der Hinweise reagiert und im Januar ein Strafverfahren eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass Ermittlungen gegen drei Beschuldigte laufen, nämlich Blaszkiewitz, den technischen Leiter des Tierparks und die Firma, die den Sand geliefert hat. „Wir haben ein Bodengutachten anfertigen lassen, das jetzt bei der Umweltverwaltung liegt“, sagt Knieriem.

Zudem soll bis Jahresende für beide Betriebe ein Ziel- und Entwicklungsplan stehen, der das gewünschte Szenario über die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte beschreibt, und zwar auf allen Gebieten: Technik, Gebäude, Gestaltung, Verwaltung, Besucheransprüche und natürlich Tierhaltung. Das ist ein Riesenvorhaben. „Da werden wir uns noch ein paar Nächte um die Ohren schlagen müssen“, meint Knieriem. Derartiges in einem halben Jahr für zwei ganz verschiedene Zoos zu schaffen, sei ehrgeizig. Normal sei eher: zwei Jahre für einen Zoo. Das Jahresende kommt schnell.

„Jeden Tag entdecke ich neue Baustellen“

Auch bei der Personalpolitik liegt manches im Argen. Die Mitarbeiter müssten Vertrauen in ihre Einrichtung, deren Führung und vor allem sich selbst gewinnen, sollen also lernen, selbst Entscheidungen zu treffen. Das sind sie nicht gewöhnt. „Die Pfleger im Tierpark haben den aufrechten Gang verlernt“, sagt Grünen-Politikerin Hämmerling. „Sie mussten sich in der Diktatur unter Blaszkiewitz jede Kleinigkeit absegnen lassen – die treffen keine eigenen Entscheidungen.“

Und wenn, dann kann das nach hinten losgehen. So ging neulich durch die Zeitungen, Knieriem habe Wildschweine erschießen lassen. Dass dies aber so plakativ geschah, hatte dem Vernehmen nach ein Pfleger eingefädelt, der zu Blaszkiewitz’ Lieblingen gehören soll. So ging gleich eine erste Empörungswelle über Knieriem hinweg, und er bekam eine Ahnung von dem Geflecht aus Intrigen und Misstrauen, das im Tierpark die Kräfte lähmt. Hinzu kommt, dass sich Knieriem nicht so oft blicken lässt. Blaszkiewitz ist jeden Morgen seine Runde gegangen, das hat der Neue abgeschafft. Einige kritisieren das, doch Knieriem lässt sich nicht beirren: „Ich mache das, was dran ist, und nicht das, wovon andere denken, dass es dran ist.“

„Jeden Tag entdecke ich neue Baustellen“, sagt Knieriem. Zoo und Tierpark befänden sich circa auf dem Stand von 1980. Technisch sei man hinterm Mond; eine Tüv-Zertifizierung undenkbar. Ein Privatleben habe er derzeit sowieso nicht. „Der arme Mann hat wirklich viel zu tun, etwas Zeit muss man ihm schon geben“, sagt Hämmerling in Richtung der Kritiker, denen es nicht schnell genug geht. „Allein im Tierpark ist kein Gehege in adäquatem Zustand, es gibt viele Unfälle.“ Für den Zoo wird ein technischer Leiter gesucht. Und dann sind da noch die Dienstwohnungen und -häuser. Sie sollen nur noch von Mitarbeitern bewohnt werden. Derzeit werden mehrere Immobilien für oft nur symbolische Mieten von Ehemaligen bewohnt. Knieriem will das ändern, ohne neue Ungerechtigkeiten zu schaffen.   

Dann die übergroße Zahl von Tieren. Tiere zu töten, erzeugt schnell Empörung, kann aber sinnvoll sein. Ein paar sichtbare Neuerungen gibt es den Kritikern zum Trotz aber doch: Zu den Herbstferien bekommt der Tierpark einen Wegeplan. Jeder Besucher bekommt ihn mit der Eintrittskarte ausgehändigt. Und es gibt mittlerweile Tierbeschäftigung, also Spielzeug für die Tiere. Beides hatte Blaszkiewitz strikt abgelehnt. Der hat mittlerweile in den Bürotrakten Hausverbot.


Quelle: Der Tagesspiegel

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