Interview

Element of Crime begeistert uns für den Weltuntergang

Element of Crime begeistert uns für den Weltuntergang
Laut Sven Regener haben Bands keine Träume. In einer Band zu sein, sei die Realisierung eines Traums.
Diese Band ist wirklich einzigartig. Oder eigenartig? Niemand sonst schafft es, so schräg, melancholisch, humorvoll und tiefsinnig erfolgreich Songs unter die Leute zu bringen. Nun erscheint das 14. Album. Unser Gespräch mit Sven Regener und Jakob Ilja war in jedem Fall ein Vergnügen...

Müde wirken die beiden Musiker, als wir uns zum Interview treffen. Das liegt aber nicht an der klischeemäßig harten Feierei von letzter Nacht… im Gegenteil: Jakob Ilja und Sven Regener von Element of Crime kommen direkt aus dem sauerstoffarmen Proberaum. Auch andere Rockstar-Bilder, die man im Kopf hat, treffen auf die Musiker nicht (mehr) zu. „Man müsste ja mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn man das in unserem Alter noch immer jeden Abend krachen lassen würde“, meint Jakob Ilja, der Gitarrist der Band. „Die ganzen Drogen, die Rockstars sich früher eingeschmissen haben, wurden sicher nur aus Langeweile genommen“ – diese Theorie habe die Band sich selbst auf einer langen Tour überlegt. „Vor dem Soundcheck und dem Konzert am Abend passiert den ganzen Tag einfach gar nichts“, erklärt Ilja weiter. „Früher haben wir sicher auch mehr getrunken“, wirft Sven Regener ein: „Man war jung, hatte kaum Geld und es gab immer Drinks umsonst. Aber ein 25-Jähriger, der einen im Tee hat und auf der Bühne steht, ist ja vielleicht noch sexy, aber bei einem 55-Jährigen wirkt das einfach nur tragisch und doof.“

Geschichte und Geschichten

In 33 Jahren Bandgeschichte haben sich unzählige Anekdoten angesammelt. Element of Crime hat anfangs natürlich auch wie alle anderen Bands vor wenigen Leuten in ranzigen Lokalen gespielt. Später sind sie zu DDR-Zeit ohne Genehmigung in Ost-Berlin aufgetreten. Sie haben in schimmligen Backstage-Räumen abgehangen und in Kellern von Clubs geschlafen, wurden auf Etagenbetten untergebracht – bewacht von zwei Schäferhunden, die angeblich den Unterschied erkennen konnten, ob jemand nachts noch mal auf Toilette muss oder die Absicht hat, sich an der Bar zu bedienen. Ein Glück, dass das Budget von Element of Crime heute großzügiger ist und man es sich leisten kann, in Hotels zu nächtigen und nicht mehr jedes Jahr ein neues Album rauszuhauen. Für das neue Album Schafe, Monster und Mäuse, das am 5. Oktober erscheint, ließ sich die Band vier Jahre Zeit. „Keine neuen Lieder, wenn die alten noch nicht aufgebraucht sind“, zitiert Sven Regener einen ehemaligen Lichtsetzer und lacht.

Zuverlässig schräg

Nörgler werfen Element of Crime vor, sich immer auf dieselben Zutaten zu verlassen. Aber die Band selbst ist stolz auf ihren enormen Wiedererkennungswert. „Wir haben unseren eigenen Stil und das ist toll“, erklärt Jakob Ilja. „Wäre ja auch Quatsch, was anderes zu machen, dann könnte man gleich eine neue Band gründen“, ergänzt Sven Regener ein wenig genervt. Er hasst es, seine Texte oder die Musik erklären zu sollen. „Jetzt eine Techno-Platte herauszubringen, wäre echt sinnlos“, lockert Jakob Ilja das Gespräch wieder auf. Und Sven Regener hat natürlich Recht, wenn er meint, es sei sowieso müßig, über Wenns nachzudenken: „Wir mögen das, wofür Element of Crime steht, selbst immer noch sehr gern. Wenn das nicht mehr der Fall ist, lösen wir uns auf.“

Von Krisen leben Songs

Mit dem Begriff Midlife-Crisis können die beiden Musiker nichts anfangen. Krisen gebe es das ganze Leben lang. „Der Mensch ist ja ein melancholisches Tier, der sich in dem Moment, in dem er zurückschaut, der Vergänglichkeit bewusst wird“, wirft Regener ein, „und das macht man nicht erst mit 40, das Gefühl kennen schon Kinder“. Sven Regeners Liedtexte selbst drehen sich entsprechend oft um Krisen, gescheiterte Lieben und Erinnerungen an alte Zeiten. „Songs handeln doch grundsätzlich von Knotenpunkten im Leben, von Momenten, in denen sich Dinge verändern. What a difference a day made…“, verweist Sven Regener auf den meist gecoverten Song von Dinah Washington: Was sich an einem einzigen Tag alles ändern kann. Und auch wenn Element of Crime in ihren Songs gern Miseren aufgreifen, schauen die Bandmitglieder durchaus optimistisch in die Welt. „Man darf die Kunst nicht mit den Künstlern gleichsetzen“, räumt Jakob Ilja mit weiteren Klischees auf. „Das Beeindruckendste, was ich je gesehen habe, war, wie Jimmy Hendrix ein ekstatisches Gitarrensolo hinlegte, dabei aber Kaugummi kaute und schließlich in die Kamera zwinkerte. Ein echter Showman!“ Die Banalität des Alltäglichen nimmt nichts von der Wirkung des Gitarrengotts. „Lieder weisen über das normale Leben hinaus“, fügt Regener hinzu, „und bei Songs ist es ja viel wichtiger, was sie bei dir auslösen, und nicht was für ein Typ der Künstler hinter der Bühne ist.“

Schafe, Monster und Mäuse

Halten wir fest: Die Songs von Element of Crime lösen bei uns so einiges aus. Das neue Album fühlt sich an wie ein Nachhausekommen nach langer Zeit. Vieles ist vertraut, Neues überrascht. Man lacht schwermütig und suhlt sich in trauriger Heiterkeit. Widersprüche sind Programm, in Wort und Ton. Die Texte mit genialen Metaphern und im besten Sinne merkwürdigen Geschichten passen hervorragend zu dem Mix aus Folkrock, Blues, Shanty und Kinderlied. Der Band, die es mit ihrer eigenwilligen Art geschafft hat, sogar ohne Radio-Unterstützung Hits zu produzieren, wird seit jeher der Untergang prophezeit. „Es schien die Leute schon immer zu reizen, uns zu sagen, dass wir mit dieser Art und dieser Musik nicht funktionieren können“, amüsiert sich Regener. Dabei galt für die Band jeder einzelne Schritt schon als Gewinn: „Erfolg ist ein rein gesellschaftlicher Begriff, der nichts mit Musik zu tun hat“, meint Regener weiter. Element of Crime habe schließlich schon in angesagten Clubs als Vorband gespielt, später sogar als Hauptband Hallen gefüllt, tausende Platten verkauft und auch außerhalb Berlins Konzerte gegeben, lange bevor sie als erfolgreiche Band galten.

Von wegen Berliner Band

Wenn sie zurückblicken, erinnern sich Regener und Ilja an tolle Orte und Menschen, die sie getroffen haben. Einiges davon nehmen sie in ihre Songs auf. Festlegen lassen will sich Sven Regener aber auf nichts. Ob er über den Kurfürstendamm singe oder über das Schlesische Tor, habe manchmal auch nur mit dem Klang zu tun, wehrt er sich außerdem dagegen, Element of Crime als typische Berliner Band einzuordnen. „Was soll das schon aussagen? Seeed ist eine Berliner Band und Rammstein auch. Hier wohnen drei Millionen Berliner, die sind genauso wenig alle gleich.“ Trotzdem steigen in uns sofort heimatliche Gefühle hoch, wenn Regener von Spätis, dem Friedrichshain oder durchzechten Nächten am Schlesischen Tor singt. „Ich bin ja nicht der Texter“, besänftigt Jakob Ilja mal wieder, „aber wenn ich Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang höre, denke ich reflexartig an meine Kindheit in den 1960er-Jahren, als ich noch in der Nähe des Kurfürstendamms wohnte“, gesteht er. „Es ist doch toll, wenn Songs an einen Ort gebracht werden, der etwas Besonderes hat. Zugleich kann ein guter Song trotzdem total universell funktionieren.“ Und so kann auch ein Münchner, Kölner oder Dresdner etwas mit den Songs von Element of Crime anfangen, ohne je in Berlin gewesen zu sein.

 

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Blick zurück

Dann lenkt Sven Regener doch noch ein und spricht mit uns über die Hauptstadt als Vorlage der Songs. Es ist also kein Zufall, dass die Party im gleichnamigen Song am Schlesischen Tor steigt: „Im Augenblick ist Berlin ja gerade das Ziel für den Partytourismus und das Schlesische Tor ist sicher ein Zentrum dafür, vor allem am Wochenende.“ Jakob Ilja lacht: „Ja, und für meine Großmutter war das Schlesische Tor einfach der Bahnhof, an dem die Züge nach Osten fuhren.“ „In den 1920er Jahren hörte Berlin hier einfach auf“, fügt Sven Regener hinzu, „und vor der Wende spielten die Kinder auf der Straße. So grenznah gab es keinen Verkehr, was sollte man auch hier.“ Von dem Gentrifizierungsgejammer halten beide nicht viel. „Seit der Kaiserzeit ist Berlin interessant genug, dass andere hier leben wollen“, greift Jakob Ilja weit zurück in der Historie. „Erst kamen die Brandenburger aus dem Umland, dann die Schlesier, die Polen… seither siedelten sich immer mehr Leute in Berlin an und da gehören die Schwaben ebenso dazu wie alle anderen auch.“ Ab der nächsten Generation sind das einfach alles echte Berliner. „Wer was gegen Schwaben hat, ist auch nur ein Rassist“, bringt Regener es auf den Punkt. „Natürlich kann man sich grundsätzlich darüber unterhalten, dass die Reichen Häuser aufkaufen und sich das Milieu deswegen verändert, aber so einfach, sich irgendwen rauszugreifen und draufzuschlagen, ist es nicht“, regt sich Jakob Ilja auf.

 

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Stillstand ausgeschlossen

Berlin verändert sich laufend. Das Gegenteil wäre schließlich Stillstand. Das durch seinen Roman Herr Lehmann bekannt gewordene Weltrestaurant in der Markthalle schließt, ein neues Restaurant soll folgen. Und auch wenn Sven Regener das schade findet, zeigt es nur den Wandel auf. Er selbst kannte den Laden schon, als der noch eine rustikale Kneipe war, wo man ein Kutscherfrühstück bekam. In der Markthalle wurden damals Heftchenromane getauscht und es gab einen Friseur, einen Plattenladen und einige Lebensmittelstände. Dann kamen Drogerien und ein Supermarkt. Und dass das nun alles so schick und angesagt ist, sei doch auch ein Teil der Gentrifizierung. „Jetzt machen sie dort Foodsausen. Wir sind nicht dafür zuständig das zu bewerten.“

Berlin ohne Wohnzimmer

Gemeinsam werfen wir trotzdem noch einen letzten Blick zurück, einfach weil es Spaß macht. Wir erinnern uns an das alte Berlin als es noch schummrige Eckkneipen gab, als die Oberbaumbrücke als nutzloses Bauwerk langsam verfiel, als die alte badische Kneipe Zum Hecker noch als der Szenetreff galt und man zu Element of Crime-Konzerten ins Quartier Latin oder Wohnzimmer ging. „Das ist alles nicht mehr da, aber das macht nichts, es kommen andere Dinge“, schließt Sven Regener den Rückblick, „und ich will mich nicht zum Sprachrohr einer Verharrung machen lassen. In Berlin verändert sich dauert etwas.“ Für Kulturpessimismus sind beide nicht zu haben, obwohl Jakob Ilja noch zugibt: „Ich bin etwas wehmütig – manchmal. Aber man muss den Wandel einfach sportlich sehen.“

Das neue Album Schafe, Monster und Mäuse ist ab 5. Oktober 2018 zu haben und die CD kostet 14,99 Euro. Es wird auch auf Schallplatte und als Songbook-Edition erscheinen.

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