Ein Berliner Original und 68er geht von uns

Goodbye, Elsenbrücke!

Goodbye, Elsenbrücke!
Die Elsenbrücke, eine wie jede andere? Nicht ganz, es gibt da ja noch den Turm. Und die prominenten Nachbarn: Allianz Tower und Molecule Men.
Irgendwie muss ich dieser Tage häufiger an die Elsenbrücke denken. Nicht etwa, weil sie so schön wäre oder so malerisch, sondern weil es sie bald nicht mehr gibt. Da wird man natürlich wehmütig...

Man vermutet ja nicht unbedingt, dass man als normaler Mensch so eine Brücke überlebt. In diesem Sinne möchte ich mich hier offiziell von ihr verabschieden. Tschüss, Elsenbrücke, tschüss! Danke für deine Dienste.

Ein tiefer Riss verläuft durch unser beider Herz. Meiner metaphorisch, deiner weniger. 25 Meter mal 1,8 Millimeter ist deiner tief. Das sind gerade einmal 0,045 Quadratmeter. Nicht gerade gigantisch, aber für dich ist der Riss einfach zu groß, dein Stahl nicht richtig verbaut. Du bist ja auch Altachtundsechziger, das war eine wilde Zeit damals. Da wollte man sich nicht so schnell binden und was für uns Menschen gilt, das gilt auch für Brücken wie dich. Ich verstehe das, das Leben ist ein bisschen Rock’n’Roll, auch so als Brücke.

50 Jahre Elsenbrücke – heute wollen wir nicht trauern, sondern dein Leben feiern

Aber jetzt ist es zu spät. Gerade einmal 50 Jahre hast du gepackt, unvorstellbar lange ist das, maßgenommen an der Lebensspanne eines Hundes oder einer Katze. Für eine Brücke… reden wir da nicht drüber. Was haben die Römer uns jemals gebracht? Außer haltbaren Brücken. Haltbare Brücken, das versteht sich ganz von alleine.

Nun wirst du abgerissen, aber bis dahin bringst du eben auch Menschen zusammen. Deine bessere Hälfte im Nordwesten bleibt ja. Zunächst. Und da rücken Autofahrer und Lkw und natürlich Radfahrer und Fußgänger nun enger zusammen, ist ja auch schön. Wintermonate sind Kuschelmonate und wir Berliner eh viel zu kaltschnäuzig. Einfach mal den Nebenmann im Verkehr auf halber Armlänge anlächeln und nett winken. Dank dir auch dafür! Brücken haben ja auch die Aufgabe, Menschen zu verbinden!

Ist ja auch nur temporär. Wie so vieles in Berlin nur temporär ist. Prenzlauer Berg war eine kurze Zeit lang mal cool. Auf ebenso unverständige Reaktionen wird man dereinst stoßen, wenn man von deinem Abriss berichtet. 2028 schon steht die neue Elsenbrücke, da werden wir Berliner uns an die A100 gewöhnt haben und – wenn bis dahin fliegende Autos und Jetpacks nicht die Regel sind – die neue Elsenbrücke feierlich eröffnen.

Nur diesen zögerlichen Umbau im Schneckentempo finde ich persönlich fast schon schade. Ich denke da gerne an Bane in The Dark Knight Rises, der ja einfach alle Brücken Gotham Citys sprengte. Das stelle ich mir auch über der Spree malerisch vor. An einem lauen Sommerabend vielleicht, da stehen ja immer mal wieder Leute mit Spiegelreflexkameras auf der Elsenbrücke und fotografieren in Richtung Sonnenuntergang. Und die Spree ist ohnehin schon voll mit lauter Zeugs, neulich erst standen mit Muscheln überwucherte Fahrräder an der Spree Spalier, die ein Mutiger heraus fischte.

Da fällt doch eine Brücke im Wasser eigentlich nicht auf. Und es wäre zumindest ein szenischer Abschied für dich, nicht dieses Gehen in Teilen. Aber nun gut, aussuchen kann ich es mir leider nicht. Mein Hang zum Dramatischen gilt auch als der Grund, warum ich nicht Bausenator bin. Zumindest ist es einer von vielen Gründen.

Nich weinen! So toll war es noch nie

Und eigentlich ist die Elsenbrücke ja nur eine von vielen. Aber mir liegt sie irgendwie am Herzen. Denn über die Elsenbrücke joggt man in den Treptower Park oder radelt aus Friedrichshain, was vor zehn Jahren richtig hip war, nach Neukölln, was gerade noch so als richtig hip durchgeht. Klar, das geht immer noch, aber es fehlt das Gefühl der namenlosen Weite, das die Elsenbrücke immer irgendwie ausstrahlte. Man konnte sich auf dir so schön ausbreiten, auch seelisch, und die Unendlichkeit der Natur genießen. Auf der Oberbaumbrücke ist man irgendwie immer eingesperrt zwischen rasenden Lkw, der röhrenden U1 und dem Teil der Brücke, der als öffentliches Urinal dient. Bei dir hingegen konnte man schon immer einfach den Himmel genießen (abzüglich des ästhetisch grenzwertigen Allianzturms) oder auch gemächlich mit dem Tretboot unter dir hindurch fahren und fast schon verboten betörende Anblicke deines Unterbaus genießen.

Das alles war irgendwie charmant, denn du hast eben diesen stillosen Stil, den Charme des funktionalen Neubaus, in dem so viele Berliner (wie auch ich) groß geworden sind. Aber was soll man da jetzt noch lamentieren? Wenn es einfach nie so richtig funktioniert hat, hat es nie funktioniert. Und jetzt zeigen sich die tiefen Risse eben. Hat ein bisschen was von einer riskanten Beziehung, oberflächlich war es immer irgendwie cool. Aber darunter brodelte die ganze Zeit die Gefahr, in die Spree zu stürzen.

Noch ist dieses ganze Gesperre auch nur mäßig kritisch, aber was dann, wenn oder falls der BER irgendwann mal öffnet? Wenn die A100 fertig ist? Dann soll das Verkehrsaufkommen steigen und dann rücken sie noch dichter zusammen, die Autofahrer. Liebe Elsenbrücke, da hast du dir eigentlich einen ganz tollen Zeitpunkt ausgesucht für den plötzlichen, schnellen Infarkt. Du wirst jetzt noch mal zum Star!

Wenn Brücken in die Binsen gehen

Ganz davon abgesehen, dass die Oberbaumbrücke im Westen nur zweispurig und ohnehin schon bis zur Auslastung befahren wird, und die nächste Brücke im Osten… weiß es jemand auswendig? Lieber nicht drüber nachdenken. Immerhin, für den Stau und den Unterhaltungsfaktor, den so ein Verkehrsgewusel für ambitionierte Radfahrer und Fußgänger vor allem zum Feierabend hin hat, gibt es noch genug Platz, um ihn mit Popcorn in der Hand im Sonnenuntergang zu genießen.

Der Papst mahnte die USA mal dazu, man solle doch eher Mauern einreißen und Brücken bauen. Berlin ist ja nicht sonderlich religiös und da hört man dem größten aller Brückenbauer (kleiner Scherz für alle mit großem Latinum) eben nur mit halbem Ohr zu. Kleiner Wermutstropfen, Großbauprojekte gehen in Berlin ja in der Regel schnell voran und verlaufen ohne Komplikationen. Daher freue ich mich schon auf die neue Elsenbrücke, die „Elsenbrücke II – jetzt erst recht“. Und wer weiß, mit etwas Glück werde ich vielleicht auch die neue Elsenbrücke überdauern. Stahlbeton ist ja eine launige Geliebte.

Goodbye, Elsenbrücke!, Elsenbrücke, Berlin

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