Interview mit Nils Binnberg

"Sind wir nicht alle ein bisschen essgestört?"

"Sind wir nicht alle ein bisschen essgestört?"
Nils Binnberg litt jahrelang unter der noch recht unbekannten Essstörung Orthorexie.
Mit einem schiefen Blick seines Freundes fing alles an. Am Ende aß Journalist Nils Binnberg nur noch Räucherlachs, Avocado, Fleisch, Salat und Nüsse. Ein Interview über Panikattacken im Supermarkt, Ernährungstagebücher und "Unverträglichkeits-Simulanten".

In seiner „Hoch-Zeit“ ernährte sich Nils Binnberg gleichzeitig gluten- und laktosefrei, folgte Low-Carb und Paleo. Gesunde Ernährung war für den Journalisten zum Zwang geworden, der als Orthorexie sogar einen Namen trägt. Inzwischen hat er die Essstörung überwunden und mit Ich habe es satt – Wie uns Ernährungsgurus krank machen ein informatives wie unterhaltsames Buch darüber geschrieben.

QIEZ: Herr Binnberg, Sie fragen, ob wir nicht alle ein bisschen essgestört sind. Was gab es heute bei Ihnen zu essen?

Nils Binnberg: „Bisher noch nichts. Ich habe morgens keinen Hunger. Ich verrate Ihnen aber, was es gestern Abend gab: eine Margherita. Ich war mit Freunden in einer Pizzeria in Neukölln. Bezeichnend ist, dass dort auf der Speisekarte genau aufgelistet ist, woher die Zutaten stammen. Der Mozzarella von einem Biohof in Brandenburg, das Mehl größtenteils aus ökologischem Anbau, die Tomaten aus Italien. Das zeigt, wie sehr Essen Teil unserer Identität und zum Statussymbol geworden ist. Wenn man Bio isst, demonstriert man anderen Menschen, dass man auf seine Gesundheit achtet. Man fühlt sich beim Verzehr rein und vollkommen, weil man kein Billigfleisch isst und nur Lebensmittel, die weniger als fünf Zutaten enthalten. Bestimmtes Essen kommt in unserer Gesellschaft einer Art Heiligkeit gleich. Nicht ohne Grund heißt einer der größten Essens-Trends Clean Eating.“

In einem deutschen Supermarkt stehen rund 170.000 Lebensmittel im Regal. Wie behalte ich da als Konsument den Überblick? Reduktion klingt da ja fast hilfreich.

„Food-Trends und Ernährungsregeln schaffen durchaus Orientierung – wie es auch Rituale und Traditionen tun. Ich würde aber nicht sagen, dass es hilfreich ist, wenn man sich zwanghaft an Regeln klammert. Ich selbst brauchte in meinen schlimmsten Phasen bis zu einer Stunde, um etwas zu Essen in einem Supermarkt zu finden, erlebte angesichts des Produkt-Tsunamis Panikattacken und ging meist sogar mit leeren Händen nach Hause. Ich folgte gleichzeitig Low-Carb, Paleo, aß gluten- und laktosefrei, achtete darauf, dass meine Nahrungsmittel ‚clean‘ sind. Da blieb nicht mehr viel übrig.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein von @nilsbinnberg geteilter Beitrag am Mär 12, 2019 um 10:29 PDT

Wann läuft man Gefahr, dass „gesund essen“ kippt?

„Die Schwierigkeit ist, dass man in unseren Zeiten von Selbstoptimierung die Trennlinie zwischen einem gestörten Essverhalten und einer Essstörung nur schwer ziehen kann. Es gibt aber einige Anzeichen für ein krankhaftes Essverhalten. Bei einem Orthorektiker kreisen die Gedanken 24 Stunden am Tag ums Essen. Hat man genügend Antioxidantien intus? Ist das Fleisch wirklich Bio? Ist es am Ende vielleicht sogar krebserregend? Reichen zwei Liter Wasser? Wenn der Alltag von solchen Gedankenspielen geprägt ist, sollten schon einmal die Alarmglocken schrillen. Wenn man sich zudem noch schuldig und beschämt fühlt, wenn man Lebensmittel gegessen hat, die den selbstauferlegten Regeln widersprechen, vielleicht sogar den Wunsch verspürt, sich zu erbrechen, können das Anzeichen einer Essstörung sein.“

„Toleranz fängt bei Laktose an.“ Sie beschreiben im Buch die Diskrepanz zwischen Menschen, die wirklich intolerant sind und denen, die es nur glauben zu sein. Wie begegnen Sie heute „Unverträglichkeiten-Simulanten“, wie Sie sie liebevoll nennen? Kriegt man sie mit Argumenten?

„Es ist gesellschaftlich vollkommen akzeptiert, eine Lebensmittelunverträglichkeit oder auch Allergie zu haben. Auf den Speisekarten in Restaurants in Berlin oder anderen Großstädten wird man im Grunde schon mit der Bestellung aufgefordert, eine Unverträglichkeit direkt mit aufzugeben. Auf private Essenseinladungen erhält man E-Mails mit einer ganzen Liste von Intoleranzen. Es ist ja auch leichter zu sagen, man verträgt etwas nicht, als zuzugeben, dass man auf Diät ist – denn das steckt eigentlich hinter dem Phänomen. Ist so eine vorgeschobene Unverträglichkeit ein Problem? Für Menschen, die echte Unverträglichkeiten haben, hat dieser Trend sogar einen Nutzen: Es gibt heute ein großes Angebot von ‚frei-von‘-Produkten. Andererseits werden sie vielleicht nicht ernst genommen, was dazu führen kann, dass insbesondere in Restaurants nicht streng darauf Rücksicht genommen wird.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Willow Co (@willow_co_design) am Dez 10, 2017 um 5:38 PST

Studien sind oft widersprüchlich und wir als Konsumenten überfordert. Welche seriösen Quellen empfehlen Sie Leuten, die sich fundiert informieren möchten?

„Mir ist durch die Arbeit am Buch klar geworden, dass man den Einfluss von Ernährung auf unsere Gesundheit nicht genau messen kann. Der individuelle Lebensstil lässt sich nicht ausklammern. Vielleicht lebt ein Mensch, der vorwiegend Gemüse isst, sehr bewusst, treibt viel Sport, ist in einer glücklichen Beziehung oder sehr wohlhabend. Alles Faktoren, die unsere Gesundheit beeinflussen. Zudem ist ein Lebensmittel eine komplexe Sache. Welcher Inhaltsstoff hat am Ende wirklich gewirkt? Kann man nicht genau sagen. Wer also ein gesundes Verhältnis zu sich selbst hat und zum Essen, braucht keine Ernährungsempfehlungen. Er wird ohnehin abwechslungsreich und moderat essen.“

Wenn die Gurus alle falschliegen: Was empfehlen Sie Leuten, die abnehmen müssen, weil sie übergewichtig sind und krank?

„Ein paar Kilos zu verlieren, ist gar nicht die Herausforderung. Nach einer Abnehmkur das Gewicht zu halten, das ist die Kunst. Denn nach einigen Diäten verringert sich der Grundumsatz eines Menschen. Der Körper schützt sich vor dem Aushungern. Isst man danach wieder wie gewohnt, nimmt man automatisch zu. Das ist der berühmte Jo-Jo-Effekt. Im Grunde ist die Ernährung dann eine Lebensaufgabe. Man kann zum Beispiel einen Kochkurs machen und ein Ernährungstagebuch führen, um zu kontrollieren, wie viele Kalorien man zu sich nimmt. Hinter starkem Übergewicht oder Fettleibigkeit können sich psychische Probleme verbergen. In dem Fall würde man begleitend eine Psychotherapie machen.“

Paleo, no fat, low carb, clean eating. Welcher Trend kommt als nächstes, um zu bleiben?

„In Zeiten von Social Media werden Diäten immer extremer, weil man damit Aufmerksamkeit generiert. Und Aufmerksamkeit ist eines unserer höchsten Güter. Aktuell findet man unter #food knapp 340 Millionen Einträge auf Instagram. Trends wie Paleo, also die Steinzeitdiät, gehen da nach einiger Zeit schnell unter. Also kommt die nächste Stufe: ‚Raw Paleo‘, man isst also unverarbeitete Lebensmittel. Inzwischen zieht auch das nicht mehr und der neuste Trend heißt ‚Raw Paleo Vegan‘, das heißt im Grunde rohes Gemüse und Nüsse. Da man sich in den sozialen Medien eine eigene Filterblase schafft und nur Inhalte sieht, die man selbst auswählt, wird man in seinen eigenen Ansichten bestätigt. Der so genannte ‚Echokammer-Effekt‘ verstärkt das Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein. Wenn es dann plötzlich heißt, fünfundzwanzig Tage lang nur Wasser trinken, wird man es nicht absurd finden. Das ist natürlich fatal.“

Weitere Artikel zum Thema

Essen + Trinken | Lunch | Restaurants
Top 10: Italiener in Berlin
Ob Groß, ob Klein: Pizza und Pasta darf es ständig sein. Keine Küche eint verschiedene […]