Preisgekrönte Jugendarbeit

Yalla, schraub’!

In der Fahrradwerkstatt Velo-fit im Kreuzberger Fürbringerkiez erlernen Jugendliche unterschiedlicher Kulturen den fachmännischen Umgang mit Fahrrädern.
In der Fahrradwerkstatt Velo-fit im Kreuzberger Fürbringerkiez erlernen Jugendliche unterschiedlicher Kulturen den fachmännischen Umgang mit Fahrrädern. Zur Foto-Galerie
Kreuzberg, deine Jugend. Die ist echt hitverdächtig. Nimmt fremder Leute Fahrräder auseinander, schraubt an ihnen herum und macht sie zu Barem. Und die finden das gut, die Fahrradbesitzer. Die zahlen dafür. Wie geht das denn?

Ein frecher Fahrradklau gab den Anstoß. Jörg Raddatz muss ganz schön sauer gewesen sein – sein treues Rad, einfach gezockt. Doch Raddatz wurde nicht etwa fuchsteufelswild, er begann auch nicht, seinen Kummer zu ertränken. Er tat etwas viel Klügeres. Er besprach sich mit anderen aus der Gegend. Wenig später öffnete die Fahrradwerkstadt „Velo-fit“ ihre rot gestrichene Tür zum ersten Mal. Zielgruppe: die Besitzer kränkelnder Räder. Eigentliche Zielgruppe: Die Kinder und Jugendlichen aus dem Kiez. Damit sie etwas Sinnvolles zu tun haben in ihrer Freizeit und nicht aus lauter Langeweile losziehen und Unsinn machen, Fahrräder klauen zum Beispiel. Über fünf Jahre ist das jetzt her.

Seitdem wird in der Zossener Straße 5 unter Anleitung geschraubt. Zehn bis 16 Jahre alt sind die Bastler, und sie kommen freiwillig. Wenn die Schule dichtmacht, macht der Werkstattladen auf. Die Teenager reparieren Räder, Sozialarbeiter und Handwerker zeigen ihnen, wie’s geht. Titus Gramann leitet die Werkstatt. Vier Tage die Woche ist er vor Ort, drei Tage die Woche kommen die Kids. Im Moment sind es elf. Ein Mädchen ist auch darunter. „Das Witzige ist: In ihrer Gruppe ist sie die Fitteste“, so der diplomierte Sozialarbeiter. Er grinst bis über beide Ohren, wenn er das sagt, Vorurteile zu entkräften bereitet dem Mann einen diebischen Spaß.

Titus Gramann, Werkstattleiter bei Velo-fit

Spagat zwischen Wirtschaftsbetrieb und Jugendbetreuung

So, wie die meisten der Schrauber irgendwo zwischen Kindheit und ferner Zukunft leben, so befindet auch der Werkstattladen irgendwo dazwischen: Auf der einen Seite ist da der Aspekt der Kinder- und Jugendarbeit. Für die Jugendlichen – vorrangig aus dem Kiez – ist die Werkstatt ein Ort, an den sie immer wieder kommen können, an dem sie ihre Kumpels treffen können. Etwas lernen, ohne, dass es sich wie Paukerei anfühlt, etwas, das sie wirklich interessiert. Hier meistern sie knifflige Aufgaben, bekommen Lob und sogar Taschengeld. Wer sich zum Beispiel für bestimmte Tage ansagt und dann tatsächlich wie geplant auftaucht, dem zahlt Gramann am Ende des Monats einen „Verbindlichkeitsbonus“ aus, fünf Euro, bar auf die Hand.

Auf der anderen Seite steht das Geschäftliche: Kunden zahlen für Reparaturen oder Durchsichten, manche kaufen hier sogar günstig ein komplett überholtes Gebrauchtrad. „Es ist eine der größten Herausforderungen, diesen Spagat hinzukriegen zwischen Wirtschaftsbetrieb und Jugendbetreuung“, sagt Gramann und wird plötzlich ernst. „Ohne Spenden geht es nicht.“ Die Werbetrommel für Spendengelder rührt Claudia Held von der Berliner Stadtmission. Die Mission gehört zur Diakonie, dem Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche in Deutschland. Raddatz und der Verein „Starthilfe ’85 e. V.“ sind zwar die Gründer des Fahrradladen-Projekts, mittlerweile jedoch hat die Mission die Werkstatt unter ihre Fittiche genommen.

Preis beim Tag der offenen Tür: ehemals Teil eines Fahrradrahmens, jetzt Stifthalter.

Gemeinsame Sprache gegen kulturelle Vorurteile

Nur weil eine christliche Dachorganisation das Projekt stützt, herrscht aber noch längst nicht permanent eitel Sonnenschein. Manchmal zum Beispiel muss Gramann Kunden wieder wegschicken: „Gerade am Anfang der Saison kann es vorkommen, dass wir montags schon zwölf Räder da haben. Das ist genug für die Woche, mehr schaffen wir nicht. Wenn man dann zum Kunden sagt: ‚Sorry, im Moment geht’s nicht‘, versteht das nicht jeder.“ Und wenn die jungen Leute sich nicht mehr konzentrieren können, Schabernack treiben statt weiter zu schrauben, wenn also „der Punk abgeht, bleibt auch mal Arbeit liegen“, so Gramann.

Das wiederum rappelt oft genug die Kids selbst. „Yalla!“, spornen dann die einen die anderen an, los jetzt, mach’ mal hin! Es ist das einzige Wort, das Gramann versteht, wenn seine Schützlinge in ihre Muttersprachen umschwenken. Arabisch und türkisch sprechen die meisten, früher war kein einziger Deutscher dabei. „Durch die unterschiedlichen Kulturen gab es anfangs oft Stress“, erinnert sich der 32-Jährige. Streitereien waren an der Tagesordnung. Die Lösung war eine neue Verhaltensregel: Bei Velo-fit spricht man deutsch, ausschließlich. „Seit wir das eingeführt haben, konnten wir Stück für Stück die Abneigung abbauen, die da zwischen den Jungs herrschte“, sagt der Sozialarbeiter und grinst wieder in seinem Kapuzenpulli. Nur das Yalla blieb, aber das ist schon okay.

Tag der offenen Tür am 3. April

Ordentlich was zu lachen haben alle Beteiligten am Dienstag, den 3. April. Dann nämlich wird Velo-fit preisgekrönt: Die gemeinsame Initiative von Bundesregierung und Wirtschaft „Deutschland – Land der Ideen“ zeichnet die Fahrradwerkstatt als „Bildungsstandort“ aus. Geld gibt’s keins, dafür freut sich Gramann über „größere Bekanntheit und vielleicht die Chance auf eine Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer. Dann könnten wir in Zukunft nämlich sogar unsere Jugendlichen in Ausbildungsplätze vermitteln.“ Bevor es hoffentlich bald dazu kommt, wird aber am Dienstag erst mal gefeiert. Von 15 bis 19 Uhr ist jeder zum Tag der offenen Tür bei Velo-fit eingeladen. Junge Fahrradfans sollten sich das nicht entgehen lassen. Nix wie hin – yalla!

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