Berlin
Wenn Muttis über Kinder schreiben

Warum es immer mehr Berliner Familien-Blogs gibt

Warum es immer mehr Berliner Familien-Blogs gibt
So süße Bilder wie dieses von einem Papa mit seinem Baby könnte man der ganzen Welt zeigen? Machen viele Blogger ja auch.
Zu allen möglichen Themen gibt es einen Blog aus Berlin. Immer mehr Mütter und Väter schreiben ihre Erlebnisse online auf - auch weil sie im Internet eher Gleichgesinnte finden. Oder warum sollten sie sonst über ihre Kinder schreiben?

Die Protagonisten heißen K1 und K2, Tochter und Sohn, geboren 2007 und 2010. „K3 wird im August 2016 erwartet“, schreibt Anne-Lu Kitzerow-Manthey im Blog grossekoepfe.de, den sie seit vier Jahren gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Die kurze Familien-Vita ist neben jedem Blogeintrag zu sehen. Zum Beispiel neben dem zum Kita-TÜV: „So ein Kita-Entwicklungsgespräch, das ist immer ein bisschen wie ein TÜV. Fährt das Auto-Kind denn auch noch richtig? Funktionieren die auch im Realbetrieb? Man weiß eigentlich nie ob die Eltern und das Kind den TÜV bestehen werden und was man danach für Konsequenzen ziehen soll.“

Der Eintrag gehört zu den beliebtesten auf grossekoepfe.de. Locker und selbstironisch beschreiben die beiden den Berliner Alltag mit demnächst drei Kindern als Vollzeit-Berufstätige. Einen pädagogischen Ratgeberanspruch haben sie nicht: „Es geht uns darum, Geschichten aus unserem Alltag zu erzählen, eine Spielwiese zu haben“, sagt die Kulturwissenschaftlerin, die im öffentlichen Dienst arbeitet.

 

Ein von A-Lu K-m (@aluberlin) gepostetes Foto am

Das Spielerische spiegelt sich auch optisch im Blog, statt Kinderfotos finden sich Zeichnungen der ältesten Tochter. „Auch wenn wir das Offene des Blogs lieben, schützen wir unsere Privatsphäre.“ Immer häufiger fragt sie ihre Kinder auch, was sie von den Geschichten halten. Mit dem Heranwachsen dürfen sie mitentscheiden, und die Medienerziehung läuft so gleich nebenher mit.

Berlin ist einer der Blogger-Hotspots

„Berlin ist einer der Blogger-Hotspots“, sagt Anne-Lu Kitzerow-Manthey. Rund 2000 deutschsprachige Elternblogs existieren derzeit, mit deutlich steigender Tendenz, und sie sind ebenso heterogen, wie es auch Eltern ohne eigenen Blog sind. Der Nachwuchs ist oft nur der kleinste gemeinsame Nenner, schließlich streift das Leben mit Kindern eine Fülle von Themen: Schule, Bürokratie und Finanzen, auch juristische, medizinische, gesellschaftliche und technische Inhalte werden ebenso angesprochen wie die durchs Kinderchaos oft strapazierte Partnerschaft. Sicher geht es oft um Kindergeburtstagsbespaßung, Windeln oder Wimpelketten – aber eben längst nicht nur.

Auch die Sprache der Blogger ist höchst unterschiedlich, es wird mal witzig, mal jammernd, mal meinungsstark diskutiert – immer aber subjektiv, sagt Janni Orfanidis vom Blog ichbindeinvater.de: „Wir Elternblogger sind hoch emotionalisiert. Andere Bloggerszenen wie Technik- oder Modeblogger interessieren sich für Produkte, aber bei Elternbloggern geht es ums Gefühl. Und wir sind auch nicht zu schüchtern, uns mitzuteilen.“ Und anders als in anderen Sparten geht es den Elternbloggern eher weniger darum, mit dem Blog Geld zu verdienen.

Mit drei weiteren Jungvätern hat Janni Orfanidis sein Bloggerkollektiv gegründet und gehört damit zu der kleinen Minderheit der bloggenden Väter – Mamablogs sind immer noch die große Überzahl. Einzelne Blogs berichten auch aus beiden Perspektiven – wie der von Anne-Lu Kitzerow-Manthey. Gemeinsam mit Janni Orfanidis hat sie die Konferenz Blogfamilia organisiert, die soeben im Umfeld der re:publica in Berlin stattfand – Elternblogger aus ganz Deutschland konnten dabei rechtliche und strategische Themen diskutieren und der Lieblingsaktivität eines jeden Bloggers nachgehen: der Netzwerkpflege. Es ging auch darum zu lernen und darüber zu diskutieren, wie sich das Bloggen auch finanziell lohnen kann.

Die Community der Elternblogger sehr unterstützend

„Der Markt wächst rasant, aber während frühere Blogger einfach angefangen haben, Geschichten zu schreiben und ihren Seelenmüll abzuladen, machen sich die heutigen Anfänger viel mehr Gedanken. Sie schreiben einen Businessplan und suchen nach Strategien, bekannt zu werden. Dabei ist die Community der Elternblogger sehr unterstützend, der Kuchen ist groß genug für uns alle“, sagt Kitzerow-Manthey. Und mit Themen gedeckt sei der Markt noch keineswegs: „Ich würde zum Beispiel gern mehr über queere oder muslimische Familien lesen, über Eltern mit Pflegekindern oder über getrennt lebende Paare, die sich die Erziehung 50/50 teilen, also da ist noch viel Raum frei nach oben.“

Und auch wenn es doch oft ums Backen und Basteln geht, wachse die gesellschaftspolitische Relevanz der Elternblogs seit einiger Zeit massiv, sagt Kitzerow-Manthey: „Es werden Themen sichtbar gemacht und immer mehr von den Medien und der Politik aufgegriffen, das Familienministerium lädt Blogger zu Konferenzen ein und politische Parteien fragen uns nach unserer Meinung. Denn ob es nun um Bildung, ärztliche Versorgung oder den Alltag berufstätiger Mütter und Väter geht – das Private ist nun mal politisch.“

Natürlich kann das Private auch einfach nur alltäglich sein – was die Blogger-Community allerdings nicht langweilt, sondern im Gegenteil noch mehr zusammenschweißt. In der Bestätigung, dass andere Eltern täglich einen ähnlichen Wahnsinn erleben wie man selbst, scheint der Reiz vieler Elternblogs zu liegen. Hinzu kommt die meist fehlende Großfamilie, sagt Kitzerow-Manthey: „Wenn ich heute eine Frage habe, ruf’ ich doch nicht meine Mutter in Hintertupfingen an, sondern ich fange an zu googeln.“

Frauen erzählen von Geburten

Aus genau diesem Grund begann auch die Berliner Hebamme Jana Friedrich vor vier Jahren an zu bloggen. Sie stellte fest, dass immer mehr Schwangere in Internetforen Rat suchten: „Zunächst sagte ich denen immer, dass sie diesen Quatsch lieber nicht lesen sollten. Aber dann habe ich mich entschieden, einfach mitzumachen und ein Forum zu schaffen, wo ich selbst Wissen vermitteln kann.“ Ihren Blog hebammenblog.de nennt sie einen Hybrid: Sie gibt einerseits handfeste Tipps, erzählt aber auch Geschichten, lässt Frauen von ihren Geburten erzählen und kommentiert diese.

Mittlerweile ist die einstige Blog-Skeptikerin Friedrich begeistert: „Das Tolle an den Elternblogs ist, das jeder seinen Clan und viel Unterstützung findet. Wenn ich zum Beispiel Attachment-Parenting (bindungsorientierte Erziehung – Anmerkung der Redaktion) toll finde, aber mein ganzes Umfeld dagegen ist, kann mir die Blogcommunity hier den Rücken stärken und mir zeigen, dass ich nicht allein bin. Das Ganze ist bunt und bereichernd.“

Oder, wie die Studentin Marie Jordan vom Blog kalinchens.de es auf den Punkt bringt: „Das ist eine Gemeinschaft mit den verschiedensten Varianten der Erziehung und des Zusammenlebens, und durch die digitale Vernetzung kriegt auch jeder mit, was in der Bloggerhood so abgeht. Wir Elternblogger sind halt selber eine riesengroße Familie!“

 

Ein von FrauRaufuss (@kalinchens) gepostetes Foto am

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