Spandau-Neustadt im Film

Drei Brüder sagen: Nichts geht über die "Familiye"!

Drei Brüder sagen: Nichts geht über die
Miko (Arnel Taci) hat richtig Mist gebaut und sein Bruder Danyal (Kubilay Sarikaya) soll es ausbaden. Im Hintergrund ihr Bruder Mohammed.
Korruption, Spielsucht, Sozialamt und Drogenhandel! Willkommen in Spandau-Neustadt – schaut wie wir hier leben: Diesen Satz hört man die Regisseure Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya förmlich durch die Linse ihres Films Familiye sprechen. Co-Produzent ist keiner geringerer als Moritz Bleibtreu. Wir gehen die Reise mit.

Die ersten Bilder in dem schwarz-weißen Spielfilm Familiye beinhalten bereits die zentralen Themen des Films: den Kiez und die Familie. Zu sehen gibt es scheinbare Aufnahmen aus der Kindheit der Regisseure aus den 80ern im Lynarer Kiez sowie Videomaterial von jugendlichen Gruppen, die mit Spielzeugwaffen spielen. Diese Idylle endet aber abrupt mit einem brutalen Gangster mit echter Waffe, der die Hauptfigur Danyal (Kubilay Sarikaya) zu erschießen droht. Weg sind die leisen Klaviertöne, zu hören sind schnelle, pochende Beats ,während die Kamera sich ihren Weg von den Spandauer Arcaden über die U-Bahn-Station Rathaus Spandau wieder im Lynarer Kiez bahnt und schließlich beim gleichnamigen Casino anhält. Eine Kinderstimme sagt: „Bei uns im Viertel wird immer gezockt, dein Leben läuft ab wie beim Poker. Zuerst kommt der Small Blind, das ist der Mindesteinsatz, den hier jeder zahlen muss, manchmal auch mit seinem Leben…“

Zukunftsaussicht: Schwarz

Passenderweise sind die Geschäfte mit Spielautomaten ein probates Mittel für die Lynarer Kriminellen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und so ist auch das Casino einer der Schauplätze des Films. Hier trifft der Zuschauer zum ersten Mal auf Miko (Arnel Taci). Der spielsüchtige junge Mann ist gefangen in seinem Teufelskreis aus Schulden, Geld stehlen und Geld verspielen – Zukunftsaussicht: Schwarz. Zu Hause wartet viel Verantwortung auf ihn, denn sein älterer Bruder Muhammed (Muhammed Kirtan) leidet am Down-Syndrom. Doch anstatt wichtige Formulare für ihn auszufüllen, vertröstet er den Sozialarbeiter Herr Mais stets auf später. Diese Aufschiebe-Taktik führt aber dazu, dass Muhammed ins Heim soll und zwei finstere Geldeintreiber sind Miko zudem auf den Fersen. In dieses Chaos kommt Danyal nach fünf Jahren Gefängnis wieder zurück – er ist der älteste Bruder im Bunde der Tanis-Familie und seitjeher derjenige, der alles regelt. Und so sieht Danyal bald keinen anderen Ausweg als wieder den kriminellen Weg einzuschlagen.

Organisierte Kriminalität wird oftmals mit Neukölln oder Wedding in Verbindung gebracht – in Spandau da gibt es doch nur gesetztes Familienleben oder? Pustekuchen! Der Film Familiye bringt dich an den Rand der Gesellschaft, zeigt dir, wie es ist, wenn die Frage nicht ob, sondern wann und für wie lange du ins Gefängnis wanderst. Dabei wird die Lebensrealität der Kiezbewohner bedingungslos gezeigt: Fäuste fliegen, bevor gesprochen wird. Und Tage ziehen sich wie Kaugummi, in denen eigentlich nichts passiert, außer dass die Charaktere noch tiefer in ihrer Sucht oder Kriminalität versinken. Insgesamt wirkt der Kiez wie eine ferne Insel, die Ämter nur mit Polizeischutz betreten und dann auch schnell wieder weg wollen. Besonders gelungen ist, dass nicht allein Action und Gewalt von Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan gewählt werden, um ihre Hood filmisch zu präsentieren. Vielmehr ist es die Tristesse und dann wieder der Zusammenhalt der Familie, die herausragen. Auch wenn Miko seinen Bruder Danyal in eine unmögliche Situation bringt – Danyal bleibt loyal.

Taxi Driver und der Pate in Spandau

In Gedächtnis ist uns auch die Szene zwischen Danyal und dem Bäcker geblieben, der von dem Rapper Giwar Xatar Hajabi gespielt wird. Die beiden philosophieren über das Leben im Kiez, indem sie über Brot sprechen. „Brot ist Leben – eine Steigerung ist Gier, das sind dann die Oliven, der Käse, der Wein. Das ist der Unterschied. Wir sind hier, um besser zu leben, der Rest der Welt will überleben“, so der Bäcker. So macht er Danyal klar, dass seine Kämpfe dazu da sind, etwas an seiner Lebenssituation zu ändern, aber der Einsatz des Lebens ist zu hoch.

Deutlich kann man in Familiye die Liebe der beiden Regisseure zu Streifen wie Taxi Driver oder Der Pate spüren, wenn Muhammed beispielsweise mit Knarre vor dem Spiegel steht und die berühmte Szene mit Robert DeNiro fast spiegelt und Gangster-Drohungen wie: „Pass auf, wenn es regnet, wirst du nass“ fallen. Der Film lebt von der direkten Sprache auf der Straße, die unter anderem dadurch entstand, dass die Regisseure auf Laien gesetzt haben, die mit ihren eigenen Worten das Drehbuch interpretieren. Übrigens: Muhammed Tanis wird von Sedat Kirtans realem Bruder Muhammed Kirtan verkörpert. Die Authentizität wird durch den Soundtrack gesteigert. Songs der Rapper Xatar und Haftbefehl tauchen die Straße in die Farben – die nur diejenigen kennen, die die Gesetze der Straße kennen.

Der Film Familiye ist ab dem 3. Mai im Kino zu sehen.

Spandau Arcaden, Klosterstraße 3, 13581 Berlin

Telefon 030 3300130

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