Hortbetreuung

Wohin in den Ferien?

Leila und Naima können über ihre Zeit in der Ferienbetreuung der Scharmützelsee-Grundschule selbst bestimmen. Eine große Magnettafel gibt den Betreuern darüber Auskunft, wo sich die Schüler aufhalten.
Leila und Naima können über ihre Zeit in der Ferienbetreuung der Scharmützelsee-Grundschule selbst bestimmen. Eine große Magnettafel gibt den Betreuern darüber Auskunft, wo sich die Schüler aufhalten.
Künftig sollen Schüler der fünften und sechsten Klassen in den Ferien nicht mehr in den Schulen betreut werden. Damit kommt auf viele Eltern und Schüler eine zusätzliche Belastung zu. Die Scharmützelsee-Grundschule in Schöneberg zeigt, wie wichtig und vielfältig Ferienbetreuung sein kann.

Trotz der Ferienzeit brechen die beiden zehnjährigen Schülerinnen Leila und Naima allmorgendlich zur Scharmützelsee-Grundschule in Schöneberg auf. Die befreundeten Fünftklässlerinnen gehen zur „Ferienganztagsbetreuung“ weil ihre Eltern berufstätig sind und sie hier miteinander spielen können. Neben dem betreuten Spiel wird den Kindern auch ein breites kulturelles Angebot gemacht. Für die Osterferien etwa ist gemeinsam mit dem Jugendmuseum ein Theaterworkshop geplant.

Die Betreuung in der Scharmützelsee-Grundschule wird von 270 Kindern wahrgenommen, 24 von ihnen sind in der fünften und sechsten Klasse. Unterstützt wird die Schule von der Nachbarschaftshilfe Schöneberg. Sie organisiert an jeweils einer Schule in neun Berliner Bezirken die Ganztagsbetreuung. Grundsätzlich unterstzützt der Berliner Senat den Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten für Schüler der fünften und sechsten Klassen – doch die Betreuung in den Ferien scheint davon ausgenommen. Bei den Eltern stößt diese fehlende Initiative in Bezug auf ein Ferienangebot auf Unverständnis.

Betreuungsbedarf auch in den Ferien

Die Vollzeit-Redakteurin Vera Schrader etwa hat für ihren Sohn Daniel schon früh die Ganztagsbetreuung beantragt und auch über ein umfassendes Fereinangebot ist Schrader dankbar. Zwar besucht Daniel in der ersten Fereinwoche seine Großeltern, doch danach wird die Familie auf das Angebot der Ganztagsbetreuung zurückgreifen. Die zwölf Wochen, in denen die Berliner Schüler Ferien haben, könne sich die alleinerziehende Mutter nicht frei nehmen. Doch auch wenn die Eltern sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern, sehe die Lage nicht besser aus: „Entweder Kinderbetreuung oder Hartz IV“, fasst Schrader die Lage im Angesicht des  Arbeitsmarkts zsammen.

Zwar nutzen Fünft- und Sechstklässler das Hort-Angebot weniger als ihre jüngeren Schulkameraden, doch nicht alle Kinder werden zur gleichen Zeit selbstständig. Eine Mutter gibt an, sie würde ihre zehnjährige Tochter ungern unbeaufsichtigt zu Hause lassen. Computer, Fernsehen und Spielekonsole könnten dort die einzige Beschäftigung sein – eine Sorge, die viele Eltern teilen. Auch die warme Mahlzeit im Hort sei ein großer Vorteil der Ganztags- und Ferienbetreuung.

Privatisierung der Ferienbetreuung

Der Senat hingegen will die Verantwortung für die Betreuung von Fünft- und Sechsklässlern an außerschulische Einrichtungen wie etwa Sportvereine abgeben. Für die Eltern ist damit jedoch ein hoher Organisations- und Kostenaufwand verbunden. Das zwischen 13.30 und 16 Uhr angebotene Betreuungsprogramm der Scharmützelsee-Grundschule wird nach dem Verdienst der Eltern gestaffelt und kostet monatlich zwischen 30 und 157 Euro. Viele private Ferienangebote sind teurer.

Darüber hinaus kommt es nicht allen Kindern zwischen zehn und zwölf Jahren entgegen, sich kurzfristig auf ein bisher fremdes Umfeld einlassen zu müssen. „Mein Sohn zeigt mir den Vogel“, lacht Vera Schrader, „der geht nicht irgendwohin, wo er niemanden kennt.“

Heike Marx, verantwortlich für die Betreuung an der Scharmützelsee-Grundschule, erklärt, dass die Schüler sich im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren in einer Übergangszeit befinden. „Die Kinder verselbstständigen sich. Aber das müssen sie auch lernen“, so Marx. Sie gehören an der Grundschule nun zu den „Großen“, entwickeln neue Interessen und werden zunehmend selbstständiger aber auch wählerischer. Die „Kleinen“ werden ihnen zu laut und sie beginnen sich abzugrenzen.

Betreuung im Interesse der Kinder

Auf diese neuen Verhältnisse wollen die 18 Betreuerinnen und Betreuer um Heike Marx eingehen. Wie für alle Kinder, sei es auch für diese Altersgruppe wichtig, dass auf die individuellen Interessen eingegangen werde. Eine große Magnettafel zeigt deshalb die unterschiedlichen Bereiche der Betreuungseinrichtung in der Scharmützelsee-Grundschule. Auf drei Etagen und dem Hof gibt es viel Platz zum Spielen, Klettern oder Basteln. Mit einem eigenen Magneten markieren die Schüler den Bereich, in dem sie sich aufhalten wollen und geben den Betreuern Bescheid.

Die älteren Schüler können sich freier bewegen und dürfen auf Geheiß einer Erzieherin kleine Einkäufe erledigen. Um den älteren Schüler allerdings ausreichend Platz zum Zurückziehen bieten zu können, wären mehr Räume von Vorteil, so Heike Marx. Trotz der Beschränkung hinsichtlich des Platzes liegt es ihr aber grundsätzlich am Herzen, dass jedem Fünft- und Sechsklässler die Möglichkeit der Betreuung offen steht. Vor allem für Kinder, die neben dem Heranwachsen andere Hürden wie das Erlernen von Deutsch als Fremdsprache oder schwierige familiäre Verhältnisse zu überwinden haben, sei die Ganztagsbetreuung auch in den Ferien besonders wichtig: „Wenn diese Kinder über die Ferien nicht kommen, können wir danach wieder von vorne anfangen“, so eine Betreuerin.

Viel Raum für Kreativität und individuelle Entwicklung

Gerade weil in der Ferienzeit weniger Kinder zu beaufsichtigen seien, könnte noch individueller auf die einzelnen Bedürfnisse eingegangen werden. Auch ein Schüler der fünften Klasse, der erst seit einigen Wochen den Hort besucht und hier Deutsch üben soll, fühlt sich im Kreis seiner Freunde wohl. Langeweile käme hier nie auf und zahlreiche Freunde und die Unterstützung bei den Hausaufgaben würden ihn gerne herkommen lassen, so erzählt er.

„Gerade in den Ferien ohne Hausaufgaben und AGs genießen die Kinder das freie Spiel“, so eine Erzieherin im Werkraum. Hier steht neben jungen Sprösslingen, die von der „Grüngruppe“ im Schulhof eingepflanzt werden sollen, eine selbst entworfene hölzerne Wurfmaschine für Schokoküsse. Der Fantasie der Schülerinnen und Schüler seien hier keine Grenzen gesetzt und wem partout nichts einfallen würde, der könne sich die Papiertüte „Für kleine Forscher“ holen, so die Erzieherin. Die darin enthaltenen Bauteile könnten von den Schülerinnen und Schülern nach eigenen Vorstellungen zusammengesetzt werden. Wenn die Jungen sich stattdessen lieber ins „Regenbogenland“ zurückziehen, sei das natürlich auch in Ordnung. „Dort sitzen sie dann auf dem Sofa und reden über Mädchen“, so die Erzieherin.


Quelle: Der Tagesspiegel

Scharmützelsee-Grundschule, Hohenstaufenstr. 49, 10779 Berlin

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