Filmprojekt

Eine Straße erinnert sich

Eine Straße erinnert sich
Zur Vorführung von "Bei uns nichts Neues" versammelten sich viele Anwohner aus der Thomasiusstraße. Zur Foto-Galerie
Alt-Moabit - Seit mehr als zwei Jahren arbeitet ein ganzer Kiez gemeinsam an der Aufarbeitung seiner traurigen Vergangenheit. Am 25. März konnte ein weiteres sichtbares Zeichen gesetzt werden: Die Stolperstein-Initiative Thomasiusstraße verlegte insgesamt 20 neue Gedenkquader - und erinnerte in einem ganz besonderen Film an das Schicksal der jüdischen Familie Löw, die 1943 aus ihrer Heimat Berlin ins Vernichtungslager Auschwitz transportiert wurde.

Shimon Lev und Astred Vehstedt. (c) Trieba
Bereits im vergangenen August wurden in der Thomasiusstraße die ersten 39 von insgesamt 115 Stolpersteinen verlegt, die an die ehemaligen jüdischen Bewohner des Viertels erinnern sollen. Das Besondere: Mit viel Einsatz und persönlichem Engagement setzen sich die Bewohner der Straße selbst für die Erinnerungskultur im Viertel ein. Rund ein Dutzend Anwohner machen sich im Rahmen einer Stolperstein-Initiative nicht nur dafür stark, dass weitere sichtbare Mahnmale verlegt werden. In Gesprächen und bei Veranstaltungen bemüht man sich außerdem darum, die ganze Nachbarschaft in die Aufarbeitung der Geschichte einzubeziehen. Mit großem Erfolg, wie nicht nur die gut besuchte Verlegung weiterer 20 Stolpersteine vor den Hausnummern 11 und 14 am 25. März bewies. Vor allem der am selben Tag im Gemeindesaal der Sankt Johannis Gemeinde präsentierte Film „Bei uns nichts Neues“ machte deutlich, dass eine ganze Straße ihrer verlorenen Nachbarn gedenkt.

Erinnerungen an Erna, Nuchem ... (c) Trieba
Erarbeitet wurde das filmische Projekt von Regisseurin und Schriftstellerin Astrid Vehstedt, wohnhaft in der Thomasiusstraße 11, und Shimon Lev, dem Enkel von Nuchem und Erna Löw. Letztere wurden gemeinsam mit ihrer Tochter Liane am 17. Mai 1943 mit dem „38. Transport Ost“ ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Einzig der Sohn Willy überlebte: Er war mit einem der letzten Kindertransporte nach England geschickt worden und gelangte über Umwege nach Kanada. Auch über die große Entfernung hinweg bemühte sich die Familie bis zuletzt, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Aus den zahlreichen erhaltenen Briefen und Rotkreuz-Postkarten, die dem Leser das Schicksal der Familie Löw vor Augen führen, haben Vehstedt und der in Israel lebende Shimon Lev – wiederum in enger Zusammenarbeit über alle Ländergrenzen hinweg – den Film „Bei uns nichts Neues“ erarbeitet.

„Bei uns nichts Neues“

... Liane und Willy Löw. (c) Trieba
Wechselnde Anwohner aus der Thomasiusstraße lesen darin an authentischem Ort – in Wohnzimmer, Hinterhof oder am Küchentisch – den erhaltenen Briefwechsel der Familie Löw aus den Jahren 1940 bis 1943 vor. Dazwischen werden historische Wegmarken und judenfeindliche Erlasse – etwa das Verbot, Zeitungen zu kaufen, Geld zurückzulegen oder öffentliche Telefone zu benutzen – eingeblendet. Die Intensität des Films entsteht unter anderem aus diesem krassen Gegensatz: Dem NS-Terror gegen die jüdische Bevölkerung einerseits und dem Bemühen von Erna, Nuchem und Liane Löw, den schweren Alltag in Berlin in ihren Briefen auszublenden.

„Bei uns nicht Neues“ heißt es dort immer wieder, statt von Politik und Anfeindungen wird vom neuen Klassenlehrer berichtet, es werden Grüße aus der Familie weitergegeben und vor allem die Mutter sorgt sich darum, dass ihr Sohn sich vor Erkältungen hüten, zum Zahnarzt gehen und das Rauchen besser bleiben lassen möge. Nur an wenigen Nebensätzen lässt sich ablesen, wie schwer der Alltag für die Löws in Berlin gewesen sein muss. Lediglich ein sehr emotionaler Brief eines Freundes der Familie aus dem Jahr 1945 macht den Schrecken noch einmal auf sehr persönliche Art und Weise greifbar. Er bildet den Abschluss des etwa einstündigen Films, der womöglich bald auch auf Festivals oder in kleineren Berliner Kinos gezeigt wird.

Neue Stolpersteine in der Thomasiusstraße. (c) Trieba
Die emotionale Betroffenheit der zahlreichen Zuschauer war am Ende der Filmvorführung Ende März deutlich spürbar. Nach einer spontanen Schweigeminute wurden schließlich im lichtdurchfluteten Gemeindesaal bei Kaffee und Kuchen Gedanken zum Film und dem Schicksal der Familie Löw miteinander und auch mit dem anwesenden Shimon Lev ausgetauscht. Und so hatte man schon vor der anschließenden Gedenkfeier mit Musik und der Verlesung aller jüdischen Opfernamen aus der Thomasiusstraße das Gefühl, dass zumindest ein Teil der jüdischen Geschichte Moabits in den Kiez zurückgekehrt ist.

Ansehen kannst du dir den Film über die Geschichte der Familie Lev hier.

Foto Galerie

Eine Straße erinnert sich, Thomasiusstraße 11, 10557 Berlin
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