Berliner Flohmärkte

Second-Hand-Träume

Auf Berlins Flohmärkten gibt es nicht nur Schnäppchen und Trödel, sondern auch edle Vintage-Teile.
Auf Berlins Flohmärkten gibt es nicht nur Schnäppchen und Trödel, sondern auch edle Vintage-Teile.
Flohmärkte hat Berlin zuhauf - und die sind sehr beliebt und werden immer mehr. Warum, könnte man sich fragen, wo sie doch so voller Plunder sind? Es mag daran liegen, dass die Organisatoren sich sehr um ein schickes, trendy Image bemühen.

Sicher, wir könne nicht mit einem zweiten Marché aux Puces wie der an der Porte de Clignancourt in Paris aufwarten. Auch werden „Flohmarkt“ und „Trödelmarkt“ oft als ein und dasselbe gesehen. Ein gewisser muffiger Geruch steigt einem bei dem Gedanken an dieses wirtschaftliche Phänomen in die Nase. Man denkt an Plunder. Aber das vielfältige Angebot der modernen Flohmärkte wiederspricht dieser Ausschließlichkeit. Das Bild des Schnoddermarkts ändert sich langsam, wird trendiger, bekommt Stil und zieht immer mehr jüngeres Publikum an. Sowieso steigt die Zahl derartiger Märkte in Berlin. Selbst die Internetseite Berlin.de kann mit ihren zwei Dutzend Eintragungen keinen Anspruch auf  Vollständigkeit erheben. Wie es scheint, können die Berliner nicht genug von Flohmärkten bekommen.

Kater Holzig in der Michaelkirchstraße in Mitte zum Beispiel war eigentlich nur die Wiederauferstehung der Bar25. Inzwischen hat das Spaßareal ein Kino, eine Konzertbühne, ein Restaurant, einen Wellnessbereich und – wie sollte es anders sein – einen Flohmarkt, der im Kiez noch gefehlt hat. Pächter für die Standplätze zu finden, war für Koordinator Amir Kassem zumindest kein Problem. Das Gegenteil war der Fall: „Wir mussten einige Anfragen ablehnen“, erinnert er sich an den ersten Katermarkt vor einigen Wochen. Mit einer recht niedrigen Standgebühr von zehn Euro wollte er sicher gehen, dass jeder teilnehmen und die Preise seiner Waren niedrig halten kann. Er träumt davon, dass der Katermarkt ein Platz wird, an dem sich die Leute gerne eine Weile lang aufhalten. Seine Idee für den perfekten Tag besteht aus einer Mischung zwischen Rummelplatz, Flohmarkt und „Freakshow“. Dort könnte es Kostüme, Bastelmöglichkeiten, Auftritte von Künstlern und Schießbuden geben.

Ein kleines Konsum-Dorf am Maybachufer

Der Traum könnte Wirklichkeit werden. Schließlich dienen Flohmärkte schon seit einiger Zeit nicht mehr nur dem Kauf und Verkauf. Sie sind eher zum Treffpunkt für Menschen geworden, die mit anderen zusammenkommen wollen. Das ist zumindest die Sicht von Michael Groß. Und da, wie er fand, in Neukölln noch ein Platz für Kiez-Zusammenkünfte fehlte, gründete er vor rund zwei Jahren am Maybachufer den Nowkoelln Flowmarkt. Inzwischen mutet der Markt mit seinen über hundert Ständen und tausenden Schaulustigen „wie ein kleines Dorf“ an, erzählt der Marktleiter stolz. Selbst eine Zweigstelle gibt es schon – den Kreuzboerg-Flowmarkt am Moritzplatz in den Prinzessinnengärten.

Groß definiert einen guten Flohmarkt so, „dass man dort zufällig genau das findet, von dem man gar nicht wusste, dass man es braucht“. Das ist sicher die Essenz des Ganzen und kann besonders auf die alteingesessenen Märkte, wie den auf der Straße des 17. Juni, am Fehrbelliner Platz oder im Mauerpark angewendet werden. Genauso ist es in der Arena-Halle in Treptow, wo man sich jedes Wochenende durch Auto- und Fahrradersatzteile kämpfen kann, wo Barhocker neben Teppichen, Waschbecken und Bilderrahmen stehen und sich Mützen und Mäntel bis zur Decke türmen. Das sieht nicht sehr hübsch aus, ist aber recht brauchbar für Bastelfreunde.

Frische Namen und edles Image

Klangvolle Namen wie Nowkoelln- oder Kreuzboerg-Markt, sowie Katermarkt lassen schon vermuten, dass die Organisatoren den Plunder als hippes Trendprodukt an den Mann oder die Frau bringen und den modrigen Geruch schon mittels des Namens auslüften und umzudeuten versuchen. Wenn dazu noch ein produktives Partykollektiv wie WMP Unterstützung bietet, geht es gleich besser. Solch ein Glück konnte Jo Hunter aus England bereits 2008 ausnutzen, um in der Markthalle IX in Kreuzberg einen Vintage-Flohmarkt zu gründen, der Vorbildern in London nachempfunden ist. Dabei ist Retro-Mode aus früheren Dekaden das Herzstück des Verkaufs. Die bekannten Second-Hand-Prinzipien greifen hier nur bedingt.

Auch im szenigen Teil Neuköllns ist der Aufschwung eines Flohmarkt-Trends zu spüren. Vor dem Café Sing Blackbird wird sich in einträchtigem Hipstertum getroffen und die abgelegte Klamotte gegen neue alte Ware getauscht. Das Café in der Sanderstraße mit seinem  angeschlossenen Second-Hand-Laden hat Hochbetrieb, wenn die Flohmarktbesucher heranstürmen. Auch die Standbetreiber profitieren: Wer den Stand für 15 Euro mietet, bekommt im Laden Rabatt. „Wir wollen, dass es zwischen dem Flohmarkt und unserer Boutique einen Austausch gibt“, erzählt Mitarbeiterin Olga Zmiejko.

Im Vergleich zu diesem neuen Kleinod der Marktkultur, findet sich am Boxhagener Platz im unverwüstlich szenigen Friedrichshain ein Klassiker unter den Flohmärkten. Die uneingeschränkt professionellen Verkäufer und die gepfefferten Preise lassen die Vermutung zu, dass die Kunden hier an ausreichend Barem verfügen. Für die halten die Händler ein paar recht ausgefallene Sachen bereit. So kann der Markt allerhand Werke von Künstlern und designten Zwirn bieten. Darunter wird besonders der Stand der Galerie Zozoville angelaufen. Die Kiez-Treffpunkt, oder auch Flohmarkt, ist vornehmlich den Künstlern und Straßenmusikern vorbehalten. Wer ihn besuchen will, sollte darauf vorbereitet sein.

Weitere Infos zu Berliner Flohmärkten finden Sie hier


Quelle: Der Tagesspiegel

Second-Hand-Träume, Rathausstr. 15, 10178 Berlin

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