Pankow
Berliner Straßen

Dornröschen Pankow erwacht

Die Florastraße macht es vor: Auch Pankow hat das Zeug zum Familienviertel. Schön sanierte Bürgerhäuser geben der Straße etwas Freundlich-Lebendiges. Kinderfreundliche Cafés und Läden eröffnen. Und die Nachfrage nach Eigentumswohnungen steigt.

Der Berliner bestaunt ein stählernes gelbes Ungeheuer hinter dem Bauzaun an der Florastraße. Es ist drei Stockwerke hoch und treibt seinen schweren Bohrmeißel in die Erde. Der Boden bebt. Halb Pankow schreckt auf, wenn gegenüber dem S-Bahnhof gebohrt wird. „Da müssen wa durch“, sagt der Berliner und erläutert, was mit dem nicht besonders schönen, aber luftigen Garbatyplatz geschieht: Ein Unternehmen aus dem württembergischen Aalen baut für 20 Millionen Euro ein dreistöckiges „Handels- und Ärztezentrum“ auf den Bahnhofsvorplatz, der durch den dreißig Meter langen Gebäuderiegel zwar sicher keine Schönheit wird, aber kompakter wirkt. Die Produkte, die dort in Zukunft verkauft werden, gibt es schon jetzt bei den vielen kleinen Einzelhändlern der Florastraße.

„Früher war es hier beschaulich, ruhig und richtig langweilig“, sagt Brigitte Brunnemann, die seit 15 Jahren in einem der prachtvollen Häuser wohnt, die mit Stuck und Ornamenten überzogen sind. „Aber heute ist diese breite Straße mit ihren alten Bäumen längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Hier lebt es sich wunderbar. Alles da, was man so braucht. Viele kleine Geschäfte. Ein Zimmertheater, der Italiener „Firenze“, wo man gelegentlich Herrn Trittin bei Weißwein zum Fisch oder etliche bekannte Mimen, die in Pankow wohnen, treffen kann. Eigentlich ist das eine sehr junge Straße geworden: Second-Hand-Laden für Kindersachen, Kinderbuch-Geschäft, Kindercafé, Kindermusikschule, Kinder, Kinder“. Nur das Pflaster des Bürgersteigs sei mit hohen Absätzen eine Stolperfalle, kritisiert die alte Pankowerin.

Das junge Familienidyll

Trotzdem: Die Florastraße mit ihren schön sanierten Bürgerhäusern hat etwas Freundlich-Lebendiges. Sind es die vielen Kinder mit den bunten Helmen, die mit ihren Mini-Fahrrädern über den Gehweg jagen? Sind es die hübschen jungen Mütter, die im Garten vorm Kindercafé sitzen, Torte essen und rauchen, während die Männer im Buddelschiff mit den Kleinen Sand-Kuchen backen? Sind es vielleicht die Parterre-Läden, in denen man zu DDR-Zeiten wohnte, wo aber heute Jung-Unternehmer „Mode-Label für kesse Jungs und Mädels“ entwerfen und verkaufen?

Frank Schultz und Tobias Breyer sind mit ihrem Kommunikationsunternehmen „Bei Freunden“ von Prenzlauer Berg in die Flora 61 umgesiedelt. Noch ist das etwas Besonderes und förderlich fürs Geschäft, aber die Beiden haben das Gefühl, dass Pankow seine Beschaulichkeit verliert. Der Stadtteil verändert sich, leere Wohnungen und Räumlichkeiten gibt es kaum noch, jede Lücke wird geschlossen. „Und wer mit seinen Kindern aus Prenzlauer Berg wegen der Ruhe hier hergezogen ist, wundert sich jetzt, dass auch Pankow voll und voller wird“. Ein weiterer Grund für die innerstädtische Migration nach Norden ist die Aussicht auf Stille am Himmel: Tegel verabschiedet sich. Der Bezirk mit seinen vielen Bäumen und Grünanlagen kann aufatmen – bald brummt es woanders.

Industriedenkmäler und Verdichtungspotenzial

Wie etwa beim Wohnungsbau im Kiez. In der Neuen Schönholzer Straße wagte der Nürnberger Investor „Terraplan“ ein anspruchsvolles Projekt und baute das Industriedenkmal der alten Mälzerei mit ihren verwunschenen Schornstein-Türmchen am Rande der Mühlenstraße um. Niemand wollte die gelben Backsteinziegelbauten, bis die wackeren Franken kamen, fast 40 Millionen Euro investierten und 140 Wohnungen zwischen 45 und 270 Quadratmetern ausbauten. „Ich bin hier einfach nur happy“, sagt Karin Sparmann, die vor einem Jahr eingezogen ist. Seither kommen immer wieder Schaulustige vorbei und stellen Fragen, „manche Wohnungen sind bis zu sechs Meter hoch“, erklärt die glückliche Mieterin, „gewölbte Decken, exklusive Ausstattung, Parkett, Bäder inmitten der Stube, alles vom Feinsten“. Ein Schild verkündet: „Hier sind alle Wohnungen verkauft“. Für bis zu 3500 Euro pro Quadratmeter.

Pankows Verwaltung muss mit den Neubürgern kalkulieren – einer Studie zufolge werden in den kommenden Jahren 40 000 Menschen nach Pankow und Weißensee ziehen. Im Norden existieren teilweise noch dörfliche Strukturen, da spricht man im Rathaus von „Verdichtungspotenzial“. Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) erfreut die Entwicklung, die dem Bezirk mit seinen beinahe 370 000 Einwohnern nutzt. Doch die Kommune mit ihren 30 Millionen Euro Schulden muss auch die Infrastruktur ausbauen, um mit dem Wachstum Schritt zu halten – Schulen, Kindertagesstätten und Straßen werden benötigt.

Der Fortschritt scheint nicht aufzuhalten: Verlängert man die Florastraße in Gedanken, trifft sie auf den ehemaligen Rangierbahnhof Pankow – 40 Hektar groß. Das gesamte Areal zwischen Berliner Straße und Prenzlauer Promenade hat der Möbelunternehmer Kurt Krieger erworben. Der Chef der Höffner-Möbelgesellschaft, geboren und aufgewachsen in Pankow, plant dort für rund 350 Millionen Euro einen Park, eine Schule und natürlich zwei Möbelhäuser. Das Mammut-Projekt dürfte nicht die letzte große Baustelle in Pankow bleiben.
 

Dornröschen Pankow erwacht, Florastraße, 13187 Berlin

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