Flüchtlinge in WG unterbringen

"Eine homosexuelle, assyrische Christin, die vegan lebt!"

Mareike Geiling betreibt zusammen mit Freunden die Plattform "Flüchtlinge Willkommen". Zur Foto-Galerie
Kann ich einen Flüchtling bei mir wohnen lassen? Ja klar! Um die Vermittlung kümmert sich "Flüchtlinge Willkommen". QIEZ hat mit der Mit-Initiatorin Mareike Geiling über Mindestwohndauer, Sonderwünsche und Matching-Funktionen gesprochen.

QIEZ: Ist „Flüchtlinge Willkommen“ die Lösung der Flüchtlingskrise?

Mareike Geiling: „Der Krise sicher nicht. Einfach weil es unzählige Ebenen gibt, auf denen etwas schief läuft. Wir glauben, das was wir machen ist die einzige richtige Lösung, was das Wohnen anbelangt, weil es die nachhaltigste Art ist, Leute aufzunehmen. Denn was wir kritisieren, ist die zentralisierte Unterbringung der Geflüchteten, wo es keinen Kontakt zu Beheimateten gibt.“

Hast Du bei Dir einen Flüchtling aufgenommen?

„Ich musste 2014 für ein halbes Jahr beruflich nach Kairo. Dadurch wurde mein Zimmer in meiner gemeinsamen Wohnung mit Jonas frei. Und wir haben gesagt, es soll niemand über WG-gesucht dort einziehen, sondern eine geflüchtete Person – Bakary aus Mali. So entstand die Idee für „Flüchtlinge Willkommen“. Es war aber auch klar, dass ich wieder dort einziehe, sobald ich zurückkomme. Wir sind aber noch eng mit Bakary befreundet und sehen uns regelmäßig. Er wohnt jetzt in einer eigenen Wohnung.“

Was ist im Moment größer: Das Wohnungsangebot oder die Nachfrage von Flüchtlingen?

„Das ist schwierig zu sagen. Ich könnte es in Zahlen aufzeigen, das bringt aber nicht viel. Wir haben zwar 4.000 Angebote, aber nur 177 Vermittlungen. Diese riesige Diskrepanz liegt daran, dass 70 Prozent von denen, die sich anmelden, nicht auf unsere Anfragen antworten. Wir schließen daraus, dass es so ein „Ich teste das mal aus“-Gefühl gibt. Die Leute wollen sich mal anmelden und sehen, was passiert.“

Und bei den Flüchtlingen?

„Da ist es so, dass sich Geflüchtete zum Teil zweimal, dreimal, viermal anmelden, um sicherzugehen, dass ihre Anmeldung eingegangen ist. Das heißt, auch da sind 4.000 Anmeldungen nicht belastbar, das können im Grunde vielleicht 800 sein. Noch dazu muss man sagen: Nicht alle Geflüchteten wissen von unserer Website. Wir gehen davon aus, dass es einen deutlich stärkeren Bedarf auf Seiten der Geflüchteten gibt.“

Flüchtling Bakary mit Jonas und Mareike von "Flüchtlinge Willkommen" (v. l.). // Lars van den Brink

 

Woher bekommt ihr die Anfragen?

„Da gibt es unglaubliche Unterschiede. Letztens haben wir jemanden getroffen, der kam aus Somalia, ist nach Ägypten geflohen, hat dort schon von uns erfahren und uns gleich die erste Mail geschrieben. Wir haben auch das Gefühl, dass über die sozialen Netzwerke viel transportiert wird, weil es die Seite seit Januar auf Arabisch gibt. Dadurch werden wir anscheinend auch in entsprechenden Communitys geteilt. Ich glaube, ganz viel läuft über Mundpropaganda.“

Kann jeder bei sich zuhause einen Flüchtling aufnehmen?

„Grundsätzlich ja. Wir haben natürlich einige Bedingungen. Wichtig ist zum Beispiel, dass es kein Durchgangszimmer ist. Es darf keine leerstehende Wohnung sein, da es bei uns immer um das Zusammenleben geht. Deswegen liegt seit neuestem die Mindestmietdauer auch bei sechs Monaten.“

Kann ich mir meinen Flüchtling aussuchen?

„Wir kommunizieren viel im Vorfeld und fragen natürlichab, welche Vorstellungen beide Seiten voneinander haben. Viele Leute wollen zum Beispiel eine Frau aufnehmen. Das versuchen wir zu berücksichtigen. Wir achten sehr darauf, wer diese Vorstellungen hat. Es wird immer dann schwierig, wenn die Leute sagen: ‚Ich hätte gerne eine homosexuelle, assyrische Christin, die vegan lebt.‘ Solche Anfragen gibt es wirklich. Gerade der Wunsch nach einer vegan lebenden Person kommt so häufig, dass wir das mittlerweile in unsere FAQ aufgenommen haben. Und da müssen wir sagen: Das entspricht nicht der Realität der meisten Menschen auf der Welt. Also wir versuchen, alles zu berücksichtigen. Wenn die Leute sich dann aber das erste Mal persönlich treffen, öffnen sich die meisten auch und merken, das ist ein Mensch – und nicht mehr der anonyme, alleinreisende, muslimische Flüchtling.“

Was wird bei den Wohnraumgebenden oft unterschätzt?

„Es gibt den Punkt des Überschätzens und des Unterschätzens. Was die meisten überschätzen, ist die Zeit, die sie für den Geflüchteten aufbringen müssen. Da sagen wir nämlich: gar keine. Was wir fordern, ist das möblierte Zimmer. Alles, was darüber hinausgeht, hängt von euch und dem neuen Mitbewohner ab. Das ist kein zu betreuender Sozialfall. Der Mensch ist mindestens so viel unterwegs wie man selbst, er geht zu Ämtern, Ärzten, sucht Arbeit, trifft sich mit Freunden, baut ein Netzwerk und ein Leben auf.“

Und was wird unterschätzt?

Gerade junge Familien und WGs sagen, wir nehmen diesen Menschen in unserer Mitte auf und der geht dann in unserer Gemeinschaft auf. Und der Geflüchtete sagt unter Umständen: Das ist ein Schlafplatz für mich. Es sind ganz tolle WGs gewachsen, aber es gibt auch Fälle, wo es eine reine Zweckgemeinschaft ist.

Im Moment ist das System mit vier bis sechs Wochen recht langatmig. Die Leute melden sich an, ihr unterhaltet euch mit allen und stellt dann den Kontakt her. Geht das nicht einfacher?

Viele haben uns schon gesagt: Technisiert das, macht eine Matching-Funktion oder sowas wie Tinder. Wir glauben nicht, dass das sinnvoll ist. Von unseren über 170 Vermittlungen sind zwei gescheitert. Das ist weniger als ein Prozent. Das heißt, so wie wir es machen, funktioniert es sehr gut. Würden wir den Prozess technisieren, wäre er für alle Seiten komplizierter.

Noch ein letztes Wort an alle, die mit dem Gedanken spielen, Flüchtlinge privat aufzunehmen?

Es ist unglaublich bereichernd. Es ist ein Riesen-Erlebnis, man lernt unheimlich viel. Wenn wir Treffen organisieren mit Vermittlern, Begleitern und Supportern, ist es einfach lustig. Es ist wie eine große Party. Das klingt so hippiemäßig, aber die Leute verstehen sich einfach super. Jetzt haben wir für ein paar Tage einen Ägypter aufgenommen und auch das ist schon wieder lustig und macht Spaß. Es ist einfach etwas anderes, als mit einem Deutschen zusammenzuwohnen.

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