Simulationsflugzeug

Von Wedding in die ganze Welt

Von Wedding in die ganze Welt
Auf die Rollfläche mit dem Simulationsflugzeug: Aus dieser Perspektive fliegt man nur selten.
Auch wenn der neue Flughafen in Schönefeld noch nicht fertig gestellt ist, heben die Maschinen hier schon längst ab. Wie das? Ein Flugsimulator in Wedding macht es möglich. Ein Selbstversuch.

Zugegeben, perfekt war die Landung nicht. Der Flieger schwankt und kommt auch sehr schräg rein. Und dass wir fast mit der Air-Berlin-Maschine auf der Landebahn zusammengestoßen wären – was soll‘s. Viel wichtiger, wir sind unten und vor allem sind wir pünktlich. Und das soll ja was heißen auf der BER-Baustelle in Schönefeld.

Der neue Flughafen, der ursprünglich am 3. Juni 2012 in Betrieb gehen sollte, steht auch gar nicht in Schönefeld, jedenfalls nicht der, auf dem wir stehen. Es handelt sich eher um ein Bürogebäude in Wedding. Darin steht sich ein Flugsimulator: eine echte Kanzel einer alten Boeing 737 Baujahr 1967. Sie wurde bis in die 1990er eingesetzt, musste allerdings in Belgien notlanden. Der Grund: Fahrwerksbruch.

Jetzt trainieren hier Berufspiloten und Menschen, die schon immer mal ein Steuerhorn halten wollten. Sie zwängen sich in das enge Cockpit, setzen sich in einen der zwei Sitze, gurten sich an und blicken auf eine große Leinwand, auf die drei Beamer eine 180-Grad-Rundumsicht werfen. „Kann’s losgehen?“, fragt Maik Schindler, der Kopilot an diesem Tag. Er steuert sonst einen Privatjet aus der Flugstaffel eines Dubai-Scheichs, heute fliegt er über Brandenburg – eine kleine Runde von BER nach BER. In der Realität ist das auf der Flughafenbaustelle nicht möglich.

Lärmender Start

Unsere Maschine steht vor der Glasfront des gewaltigen BER-Terminals. Auf dem Bildschirm ist niemand zu sehen, verwaist sind die Fluggastbrücken für die A380-Vögel. Dann geht’s gemächlich los. Der Weg streckt sich, einige Kilometer rollt das Flugzeug über das neue Vorfeld zur Startbahn im Norden. Die Piste misst fast 4000 Meter. Kopilot Schindler kann beruhigen: Auch er müsse oft warten, in New York schon mal über eine Stunde, am BER werde das hoffentlich nicht so drastisch.

„Ready for Take-off“, ist aus dem Lautsprecher zu vernehmen. Der Tower meldet sich, die Geräte dröhnen, alles blinkt, alles quasselt, das Triebwerk grölt auf, der Wind heult – kann denn hier nicht mal kurz Ruhe sein, bitte?! Dann jagt die Maschine los, ohne Fahrgäste, das ist vielleicht auch besser so. Der Schubhebel ist nach vorn geschoben, die Turbinen drehen hoch, leichte Stöße sind spürbar. Bei 130 Knoten – das sind umgerechnet knapp 250 Stundenkilometer sein – wird das Steuerhorn nach hinten gezogen. Das erfordert mehr Kraft als gedacht. Darauf schwingt sich die 55 Tonnen schwere Maschine in die Lüfte. Wir fliegen!

Bevor Erkner unter uns auftaucht, drehen wir eine lang gezogene Kurve nach Süden, überqueren Zeuthen, Königs Wusterhausen und drehen anschließend wieder gen Westen. Die lange Schlange da unten, das müsste der Berliner Autobahnring sein und das da – das ist Rangsdorf. Wahrhaftig viel erkennt man nicht, als Pilot soll man ja auch nicht die Landschaft genießen, sondern ein Flugzeug steuern.

Einmal selber fliegen für 130 Euro

Weiter geht’s gen Westen, vor uns taucht Potsdam auf. Am Seddiner See drehen wir eine Runde, kippen das Flugzeug scharf nach rechts und machen uns auf den Weg zurück nach Schönefeld. Gut 30 Kilometer müssten es bis zum neuen Flughafen BER sein. Aus dem linken Cockpitfenster, also im Norden, ist der Fernsehturm zu sehen und auch die Hochhäuser am Potsdamer Platz.

Der Flugsimulator, zu dessen Team acht Piloten gehören, ist gut ausgelastet. An Wochenende ist die 737 von sieben bis 23 Uhr im Einsatz. Ein einstündiger Flug plus Einweisung kostet 130 Euro. Von Wedding geht es am Simulator in die ganze Welt, Hongkong, Mombasa, Paderborn. Und wie der Simulator in der Luxemburger Straße werden auch die anderen Anlagen in allen Ländern auf den BER umgerüstet. Auch Computerspielehersteller planen neue Szenerien.

Die Boeing schaukelt plötzlich ganz schön stark beziehungsweise: das Bild auf dem Monitor. Das Flugzeug reagiert nämlich auf nahezu realistische Weise auf Wind- und Wettereinflüsse. Und für den Piloten bedeutet dies, dass er die Flugbewegungen ständig ausgleichen muss. Knapp 3000 Fuß über dem Autobahndreieck Nuthetal – dort, wo man vom Ring zur Avus abbiegt – gehen wir langsam in den Sinkflug über. Bei Ludwigsfelde wird es dann ziemlich hektisch, die nördliche Landebahn wird angepeilt. Fahrwerk raus, der Anflug wird durch die Thermik von Wald und Wiesen sehr unruhig, ständig muss korrigiert werden.

„Links, links, links“, sagt der Kopilot. „Rechts, rechts!“, ruft der Kopilot. Und: „Nase nach oben, nach oben!“

Ein paar Mal hat Maik Schindler den neuen Flughafen schon virtuell angeflogen. Für einen erfahrenen Piloten stellt „Willy Brandt“ genauso wenig eine Herausforderung dar wie Frankfurt am Main. Interessanter und bei den Kunden des Flugsimulators noch beliebter sind New York, Hawaii, aber auch Mallorca – und Tempelhof. Aber der ist nun wirklich seit 2008 Geschichte. Die letzte Phase des Anflugs auf den Flughafen BER hat begonnen, das Flugzeug kommt schief rein, Schindler nimmt den Schub zurück, hilft bei der Korrektur der Seitenlage, dann setzt die Maschine in Schönefeld auch schon auf. Gelandet, mit feuchten Händen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Flugsimulator Berlin, Luxemburger Straße 20B, 13353 Berlin

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