Franzosen-Siedlungen in Reinickendorf

Angst vor der ruhigen Zukunft

Eigentümer der Siedlung Cité Pasteur ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die stellte klar, es gebe Bestandsschutz für die Siedlung. Doch von Sanierung oder Aufwertung war nicht die Rede.
Eigentümer der Siedlung Cité Pasteur ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die stellte klar, es gebe Bestandsschutz für die Siedlung. Doch von Sanierung oder Aufwertung war nicht die Rede.
Am 2. Juni 2012 gegen 22.50 Uhr wird das letzte Passagier-Flugzeug vom Flughafen Tegel aus abheben. Mit der Abgeschiedenheit der Franzosen-Siedlungen Cité Pasteur und Cité Guynemer, die direkt am Airport liegen, dürfte es damit auch vorbei sein.

Der Flug-Lärm ist nicht das Problem. Die Nachbarn von Otto Lilienthal sagen auch noch „Schön ruhig hier“, wenn hinter ihnen eine Boeing vollen Schub gibt. Manuel Schwarz, ein langer Dünner mit Bartstoppeln „hätte nix dagegen“, wenn der Flughafen Tegel einfach so bliebe, wie er mal gedacht war. Mit Lärm und Kerosingestank. In dieser Gegend ist Berlin am Ende. Die Rue Ambroise Paré führt direkt an die Lärmschutzwand, ein Bretterzaun, der vor rund drei Jahren installiert wurde, weil es mal wieder lauter geworden ist. Rechts davor steht ein großer rechteckiger Kasten mit verrammelten Fenstern, eine ehemalige Schulturnhalle.

Die Cité Pasteur

Am südöstlichen Flughafenrand liegt die Cité Pasteur, eine ehemalige Siedlung der französischen Streitkräfte, jetzt eine Zone der Ungewissheit. Unter den rund 600 Bewohnern gab es immer mal wieder Gerüchte über Abrisspläne. Viele Häuser müssten dringend saniert werden, einige stehen leer. Eigentümer ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die stellte klar, es gebe nach Stilllegung des Flughafens Bestandsschutz für die Siedlung. Von Sanierung und Aufwertung war nicht die Rede.

Das „schön ruhig“ der Bewohner bezieht sich vor allem auf die dörfliche Abgeschiedenheit ihrer Siedlung. Es gibt nur eine Zufahrt vom Kurt-Schumacher-Damm. „Keene Randale, jeder kennt jeden“, erzählt der 21-jährige Schwarz, dessen Familie vor allem wegen der günstigen Mieten zugezogen ist. Hier gibt es eine Vielzahl an leeren Parkplätzen und Garagen.

Wer in der Cité Pasteur wohnt, wollte dorthin, direkt an den Flughafen. Die Bewohner hat es eher verärgert, dass die Lärmschutzwand vor drei Jahren gezogen wurde – weil sie die Sicht versperrt. Genau wie ihre Besucher, die „Planespotter“, Flugzeugfreaks, die Fotos machten, wenn die dicken Jumbos krachend in den Himmel stiegen. Nebenan, im Fitness- und Squashcenter von Jeffrey Burton, haben die Planespotter Pause gemacht und was getrunken. Auch Burton wird den Flughafen vermissen.

Der ADAC betreibt nebenan sein Testgelände, hinten liegt „McParking“, der Billigparkplatz mit Shuttle-Service. Globeground, die Firma für den Flughafenservice, betreibt ein kleines Lagerhaus. Ohne den Flugbetrieb wird es hier noch stiller.

Die Cité Guynemer

Das nördliche Pendant zur Cité Pasteur ist die Cité Guynemer. Hier geht es beschaulicher zu, die Mietshäuser sind frisch gestrichen. Zwischendrin liegen Einfamilienhäuser mit Gärten. Hier können Spaziergänger mittig die Kopfsteinpflasterstraßen entlanglaufen. Die Einfahrt in die Siedlung ist nur Anwohnern erlaubt. Eine Polizeistreife beschützt die Ruhe der Menschen, denn gelegentlich rollt eine Limousinenkolonne durch die Stichstraße mit dem Ziel Regierungsflughafen. In einem der Autos sitzt dann Kanzlerin Merkel.

Auch hier hört man die Flugzeuge aufsteigen, aber hier ist der Lärm nicht ohrenbetäubend. „Sehr gute Nachbarschaft“, findet Sabine, die mit ihrem Partner vor drei Jahren zugezogen ist. „Einige WGs mit Pflegebedürftigen gibt es hier.“ Einen schönen Blick hat Sabine von ihrem Balkon auf den Flughafen. Der Freund der Tochter schätzt den Ausblick ganz besonders. Und nur ein paar hundert Meter entfernt befindet sich der Flughafensee, mit Badestrand. Perfekt im Sommer.

Das Gebiet zwischen den Cités

Dazwischen – direkt unter der Einflugschneise, zwischen Scharnweberstraße und Autobahnzubringer – liegt eine merkwürdige Siedlung, sie ist eine Mixtur aus Gewerbegebiet und Datschenidyll. Wenn gerade kein Flugzeug startet, wirkt Tegel hier im Gegenlicht der untergehenden Sonne wie die afrikanische Savanne. „Mein ganzes Haus zittert, wenn da so eine große Maschine drübergeht“, sagt eine ältere Frau am Gartentor. 1927 wurde ihr Häuschen gebaut, da dachte noch niemand an einen Flughafen. „Früher war das mal eine richtig schöne Siedlung.“ Ihre Nachbarn haben längst aufgegeben und sind weggezogen. Die Grundstücke übernahm der Senat und verkaufte sie an Unternehmer.

Zukunftspläne für die Siedlungen

Insgesamt ist das Flughafengebiet 460 Hektar groß. Künftig sollen dort fünf Prozent der gesamtstädtischen Gewerbeflächen Berlins entstehen. Die Cités sind aber als Standorte zum Wohnen gesichert. Reinickendorfs Baustadtrat Martin Lambert (CDU) erhofft sich auch für die Nachbarn, die weiter weg wohnen, an Schäfersee und Residenzstraße, eine deutliche Steigerung der Lebensqualität. „Dort hatten wir 20 Jahre lang keine Nachfrage.“ 2010 gab es erstmals wieder Anfragen zum Bau von Mietshäusern. Auch für das Einkaufszentrum am Kurt-Schumacher-Platz hofft Lambert auf eine Belebung. „Höher bauen ging dort bisher nicht.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Angst vor der ruhigen Zukunft, Rue Ambroise Pare, 13405 Berlin

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