Freie Universität in Dahlem

Vom Keller in den Olymp

Exzellenz hat Vor-und Nachteile: Einige Studenten finden keine Prüfer wegen der Lehrermäßigung. Gelernt werden muss trotzdem.
Exzellenz hat Vor-und Nachteile: Einige Studenten finden keine Prüfer wegen der Lehrermäßigung. Gelernt werden muss trotzdem.
Das Rennen um die Perfektion geht weiter. Am 15. Juni entscheidet sich, wer sich in den nächsten fünf Jahren den Titel "Exzellenzuniversität" geben darf. Die Freie Universität in Dahlem geht gut vorbereitet in den Wettbewerb.

Höher, schneller, weiter scheint das Prinzip der Freien Universität zu sein, seitdem der frühere, sogenannte „Professor Speed“, Präsident Dieter Lenzen, sie für die Exzellenzinitiative 2007 fit gemacht hatte. „Strategische Zentren“, ein „Exzellenzrat“ und ein „International Council“ sind die Gremien, die sie im internationalen Vergleich auf Höchstniveau halten sollen. Das einzige, was sich reduziert hat, ist der Energieverbrauch – letztens „zum elften Mal in Folge“.

Früher war alles schlechter

Nun soll sich das Wunder wiederholen. Bund und Länder entscheiden am 15. Juni in Bonn darüber, welche der 15 Bewerber den Exzellenzstempel aufgedrückt bekommt. Ihr neues, hart erarbeitetes Selbstbewusstsein und die Zuschüsse von bis zu 42 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre will die FU natürlich nicht verlieren.

Noch in den neunziger Jahren war die Uni mit über 60.000 Studierenden überfüllt und phlegmatisch. Kurz nach der Wende fiel das Urteil des Philosophen Jürgen Mittelstraß bezüglich der Gremien der Uni so aus: „Beschlussunfähigkeit scheint das Schicksal der FU zu sein.“ Hinzu kam, dass die Stadt der Humboldt als Vorzeigeobjekt den Vortritt gab, auch auf Kosten der FU. Nur durch harte Sparmaßnahmen, Leistungsbelohnung und ein Anziehen der internen Bürokratiestrukturen schaffte es die Universität aus der Krise.

Wie gut ist exzellent?

Mit nur circa der Hälfte der eingeschriebenen Studierendenschaft im Vergleich zu 1992 und einem DFG-Ranking, das sich sehen lassen kann (Platz 1 bei den Geistes- und Sozialwissenschaften, Top Ten bei Natur- und Lebenswissenschaften) stellt sich die Frage, wie sich das denn eigentlich so anfühlt, dieser ganze Erfolg. Die Trophäen für Innovationen und Familienfreundlichkeit vor dem Büro des Präsidenten strahlen Selbstsicherheit aus. „Wir können was!“, lautet die Botschaft auch von Peter-André Alt, seit Sommer 2010 ist er FU-Präsident. Weniger selbstherrlich ist er als Lenzen, weniger angriffslustig: „Mit ihm kann man ganz anders kommunizieren, das Verhältnis ist sehr vertrauensvoll. Er macht überhaupt eine sehr gute Figur“, findet ein Professor. Auf die Bremse drückt er aber auch nicht: „Wir sind mit Volldampf unterwegs“, meint er.

Der linken Mehrheit im Akademischen Senat ist eine „ökonomisierte“ und „undemokratische“ Uni jedoch zuwider. Sie hinterfragen das Elitesystem. Andere können sich mit ihren Ausbremsungen nur schwer abfinden: „Das geht völlig an den Interessen der FU vorbei“, ist die Meinung von Doris Kolesch, der Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften.

Doch auch die Exzellenz hat ihren Preis. Gekürte Forscher können sich aus einem Großteil der Lehre flüchten, was zum Neid der anderen, ebenso guten aber nicht gekürten Professoren und zum Leid der Studierenden geschieht. Denn es besteht aufgrund der Lehrermäßigung ein Mangel an Prüfungsberechtigten. Gelegentliche „Engpässe“ gibt auch Peter-André Alt zu. Trotzdem findet er den Wettbewerb „sinnvoll“. Größere Forschungsverbände, selbst „Cluster“, hält der Germanist für zeitgemäß – auch für Geisteswissenschaftler. „Ich habe selbst unendlich viel davon profitiert“, erklärt Alt. Und „Einzelkämpfer“ liefen Gefahr sich „zu isolieren“  und könnten an der Uni mit ihrem Fach „auf der Strecke bleiben“. Solche Praktiken lägen hauptsächlich in der Vergangenheit: „Die jüngere Generation glüht vor Ideen für die Zusammenarbeit“, kommentiert Alt.

Der Schlüssel heißt „Verwaltung“

Die jungen Akademiker werden auch im „Zukunftskonzept“ bedacht. Die „Dahlem Research School“ (DRS) half schon in den letzten fünf Jahren den Doktoranten weiter, nun sollen auch die Post-Docs davon profitieren. Das Center for Cluster Development (CCD) und das Center for International Cooperation (CIC) hingegen hatten einige personelle und menschliche Reibereien mit der Verwaltung. Inzwischen ist das geklärt und die Stellen sind sehr hilfreich dabei, internationale Projekte anzukurbeln und Schwerpunkte der Forschung zu organisieren. Die Theaterwissenschaftlerin Kolesch möchte auf die Leistung der Zentren „nicht mehr verzichten“. Alt ist der Meinung das CIC und das CCD seien eine „Erfolgsgeschichte“: „Kleinere Kombos wären untergegangen.“ In absehbarer Zukunft soll die Verwaltung von den Forschungsknotenpunkten als think tanks profitieren.

Der Fokus auf die Verwaltung ist auch gut für die innere Ruhe. Andere Unis könnten Probleme haben, neue entstandene Professuren nach Ablauf der Förderung weiterzubezahlen. Noch mal zu fasten wäre auch nicht gut für die Fachbereiche: „Wir haben nichts mehr abzuspecken“, sagt Alt. „Das Konzept ist klug.“

Ein guter Freund macht alles besser – auch Forschung

Zur weiteren Netzwerkbildung will Alt, dass die Professoren der Freien Universität mit ihren Nachbarn vom Max-Planck-Institut ins Gespräch kommen. Bald werden auf dem „Campus Dahlem2“ kooperative Projekte, Doktorandenprogramme und Juniorprofessuren anlaufen. Das soll „Identität stiften“, freut sich ein Professor. Seiner Meinung nach wäre die Perfektion erreicht, wenn man statt neuer Einfamilienhäuser einen Wohnplatz für Studierende auf der Königin-Luise-Straße errichten würde.

Abgesehen von dieser Zukunftsmusik steht jetzt die Frage nach dem Titel am schwarzen Brett. Mit „bräsigem Selbstbewusstsein“ würde man nicht in die Entscheidung gehen, wird verlautet. „Wir zittern aber auch nicht.“ Falls es doch nichts wird – möglicherweise, weil die Humboldt-Universität durch ihr politisches Netzwerk glänzt, dann wäre es auch kein Beinbruch, meint ein Akademiker: „Niemand zweifelt mehr an uns. Die FU ist kein Patient am Tropf der Exzellenzinitiative. Sie ist kerngesund.“


Quelle: Der Tagesspiegel

Freie Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin

Telefon 030 8381

Webseite öffnen


während des Semesters: von 07:00 Uhr bis 21:00 Uhr

Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin

Weitere Artikel zum Thema

Ausbildung + Karriere
Humboldt-Universität setzt auf Exzellenz
Es herrscht Aufbruchsstimmung Unter den Linden. Die Humboldt-Universität erstrahlt in neuem Glanz - teilweise zumindest. […]
Ausbildung + Karriere | Wohnen + Leben
Top 10: Tipps für Erstis in Berlin
Groß, anonym und manchmal ganz schön anstrengend! Berlin ist zwar keine klassische Studentenstadt, dennoch sind […]
Ausbildung + Karriere | Wohnen + Leben
Top 10: Besondere Berliner Bibliotheken
Hunderte Regalmeter mit noch unbekanntem Lesestoff. Gemütliche Sitzecken zum Stöbern. Und die nötige Ruhe, um […]