• Freitag, 13. Januar 2012

Chor im Radialsystem V

Hinein ins Nichtsängerbecken!

  • Radialsystem V
    Im Radialsystem V in Friedrichshain geht dank Konzerten, Partys und Messen regelmäßig die Post ab. Foto: kompakt - ©Christian Kourik

Singen macht Spaß! Das steht außer Frage. Doch was tun, wenn man nicht singen kann? Am besten ins Radialsystem V gehen! Dort können Nichtsänger gemeinsam trällern. Unter vollem Körpereinsatz im "Ich-kann-nicht-singen"-Chor.

Fremde Pobacken berühren sich. Junge und alte, männliche und weibliche, große und kleine. Die dazugehörigen Münder juchzen bei jedem Kontakt von zwei Körpern fröhlich einen Ton: "Höy!". Um die hundert Leute laufen so durch den großen Saal des Radialsystems V in Friedrichshain. In der Mitte steht ein Mann mit Pferdeschwanz und dirigiert: "Das Weitergehen nicht vergessen", sagt er und lacht ins Mikrofon. Michael Betzner-Brandt ist Chorleiter. Die Höy-Sager sind sein Chor – zumindest für diesen Sonntagmorgen, etwa drei Stunden lang.

Notenblätter in den Händen, Brust raus, Aufstellung in Reih und Glied, der Sopran nach links, der Alt nach rechts – all das findet man hier nicht. Wer ins Radialsystem V kommt, springt ins Nichtsängerbecken: "Ich-kann-nicht-singen-Chor" nennt sich die Veranstaltung. Einmal im Monat findet sie sonntags an der Holzmarktstraße 33 statt. Kommen darf jeder.

So wie Christian, 49, der erzählt: "Mein Musiklehrer in der Schule meinte, ich solle lieber Steine klopfen statt zu singen und hat mir damit für lange Zeit das Interesse am Musikmachen vergällt.“ Nun versucht er es doch noch einmal. Bei Walter, 50, sieht es anders aus: Er ist in einem richtigen Chor, möchte aber mal "die blöden Noten beiseitelassen“.

Lustige Bewegungsspielchen

Da ist er bei Betzner-Brandt genau richtig: Der studierte Kirchenmusiker, der Chor- und Ensembleleitung in Leipzig und Berlin unterrichtet, hat gerade ein Buch veröffentlicht: "Chor kreativ – singen ohne Noten“. Eins stellt er gleich zu Anfang der Veranstaltung richtig: "Ich kann nicht singen ist eine Aussage, die so nicht stimmt.“ Bei niemandem. Denn: "Jeder, der sprechen kann, kann auch singen. Singen geht übers Fühlen – es soll sich gut anfühlen im Körper.“

Der erste Grundsatz seines Konzepts im Radialsystem: "Gemeinsam singen, heißt miteinander kommunizieren.“ Und: "Vielleicht lernen wir uns heute ein bisschen kennen und werden Freunde.“ Dazu müssen die Nichtsänger nur seinen Anweisungen folgen. Zum Beispiel beim Begrüßungsritual mit verschiedenen Körperteilen, darunter auch mit den Pobacken. Der Erfolg der Übung ist ganz unterschiedlich. Einem etwa zwölfjährigen Mädchen ist die Sache peinlich. Ein Mann Ende dreißig macht dagegen besonders enthusiastisch mit.  

Dann geht es weiter mit lustigen Bewegungsspielchen, in denen die Nichtsänger immer auch Töne von sich geben. Es ist ein bisschen wie die Sportstunde in der Grundschule, wenn der Musik- den Sportlehrer vertritt. Mit jeder Übung wird die Veranstaltung etwas musikalischer: Lange Töne werden in eine Richtung "geschickt“ und die Sänger gehen ihnen hinterher. Andere Töne werden "gepflückt“ oder vom Boden aufgenommen und "herumgezeigt“. "Nehmt mal eine gut geölte Jalousie in die Hand und zieht sie von oben nach unten“, sagt Betzner Brandt. Und dabei wird natürlich gesungen: Soa-oa-oa-oa-oa-o.

Vergessen sind die Alltagssorgen

Lutz, 70, ehemaliger Diplomingenieur im Karohemd, weiß zunächst nicht recht, welchen Arm er nehmen soll. Als er sich für den rechten entschieden hat, singt es sich fast von allein – wie bei den meisten Nichtsängern: Angenehm melodisch tönt das Soa-oa-oa-oa-oa-o durch den Raum.

Betzner-Brandt singt jetzt eine etwas schwierigere Tonfolge, die die Nichtsänger nachsingen sollen: "Bumduababydubao. Und dabei immer mit dem rechten Fuß im Rhythmus vor und zurück". "Bumduababydubao", singen hundert Stimmen immer wieder. Das sieht fast aus wie ein einstudierter Tanz. Der ganze Raum scheint sich zu bewegen.

Renate, 62, aus Dahlem und Anneliese, 64, aus Schöneberg sind begeistert. Sie sind schon zum dritten Mal dabei: "Hier kommt man aus allen Alltagssorgen raus", schwärmt Renate. Beim letzten Mal hat sie sich sogar für ein kleines Solo ans Mikrofon getraut.

Adresse

Holzmarktstraße 33
10243 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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