• Donnerstag, 28. März 2013

East Side Gallery

Mauerfall im Morgengrauen

  • East Side Gallery Lücke
    Von der südlichen Spree-Seite beobachtet QIEZ, wie früh am Morgen des 27. März Mauerstücke aus der East Side Gallery entfernt werden. Hinter der Mauer stehen bereits Bagger für die weiteren Arbeiten bereit. Foto: QIEZ - ©Jürgen Pranschke

Die Berliner fühlen sich übergangen: Im Morgengrauen wurde die East Side Gallery durchlöchert – mit viel Polizei und wenigen Protestlern. Senat und Bezirk wollen davon nichts gewusst haben.

Es ist fünf Uhr morgens, als der Bagger ratternd seine eigene Sprache spricht. Vier Segmente alte, bunt bemalte Berliner Mauer reißt er aus der East Side Gallery, bewacht von 250 Polizisten. Eine minutiös geplante Aktion unter höchster Geheimhaltung. Nicht mal der Senat will davon gewusst haben. Gegen sechs Uhr erhält Senatssprecher Richard Meng eine Info per SMS. Woher, bleibt unklar.

War nicht gerade die ganze Stadt mit Krisengesprächen befasst, um das längste noch erhaltene Mauerstück zu erhalten? Noch am Montag saßen sie zusammen, der East-Side-Investor Maik Uwe Hinkel und Franz Schulz (Grüne), Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. Am Dienstag dann die große Runde im Roten Rathaus: Feuerwehr, Baubehörden, Architekten und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Das Thema ist immer das Gleiche: Das Mauerdenkmal retten. Und der Senat verkündet anschließend: Die Rettung ist möglich. Nun gehen die Bauarbeiten weiter, und der Bauherr Hinkel verliert langsam die Geduld.

"Wir hatten seit Wochen das Gefühl, dass Herr Hinkel auch mit dem Gedanken spielt, Fakten zu schaffen", sagt Senatssprecher Richard Meng. Der Senat werte die Aktion deswegen als "Affront, völlig kalkuliert". Der Investor habe damit Vertrauen zerstört. Dennoch sollte es am Nachmittag weitere Gespräche geben, wieder in großer Runde im Roten Rathaus. Wowereit ist wieder dabei.

Gut bewachte Leerstelle

Sechs Meter breit sind die Fakten, als der Bagger abrückt. Die Mauerlücke wird gut bewacht. Bei Eiseskälte stehen Dutzende Polizisten in Grüppchen am Durchbruch, rot-weiße Geländer schirmen den Bereich ab. Und auch hinter der Mauer werden Fakten geschaffen: Ein riesiger, orangefarbener Bohrer treibt unter großem Getöse Löcher in den Boden, mehrere Bagger heben auf dem ehemaligen Todesstreifen eine Grube aus. Der Ansturm der Demonstranten bleibt derweil aus. Trotz einer Mahnwache an der Mauer hat die Nacht- und Nebel-Aktion auch die Bebauungsgegner im Schlaf überrascht.

"Alles wird jetzt noch verrückter", sagt Franz Schulz, "das kriege ich nicht zusammen". Investor Hinkel habe zugesichert, die Mauer nicht mehr anzutasten, solange die Gespräche laufen. Auch er habe von der Aktion nichts gewusst, beteuert Schulz. Die Polizei dagegen wusste, dass eine Baustellenzufahrt geschaffen werden sollte. Man war seit einer Woche vorgewarnt, erklärte ein Sprecher. Nur der genaue Termin für den Abriss sei kurzfristig mitgeteilt worden. Und der Innensenator. Was wusste der? "Dass dieser Einsatz durch Baumaßnahmen des Investors tatsächlich erforderlich wird, hat sich erst heute morgen bestätigt und ist der Innenverwaltung demzufolge zur Kenntnis gelangt", erklärte ein Sprecher von Innensenator Frank Henkel.

Investor Hinkel geht am Morgen nicht an sein Handy. Stattdessen verschickt seine PR-Agentur eine ausführliche Mitteilung. Auch die ist offensichtlich von langer Hand vorbereitet. Man setze die Bauarbeiten fort und habe dazu eine "provisorische Bauzufahrt" eingerichtet. Alles temporär, heißt es. Und warum im Schutz der Dunkelheit und bei höchster Geheimhaltung? "Wir haben alle maßgeblichen Stellen informiert", heißt es seitens des Investors. Welche das sind, sagt er nicht. Seit vier Wochen verhandele man mit Senat und Bezirk – ohne Ergebnis. "Unser Vorschlag für eine gemeinsame Zuwegung der Grundstücke liegt dem Bezirksamt vor, darauf gab es keine Reaktion." Konnte es gar nicht geben, kontert Schulz. Das Papier habe man erst am Montag gehabt. Am Dienstag hätten die Fachleute darüber beraten, anschließend sollte mit den Investoren geredet werden.

Adresse

Mühlenstraße 17-26
10243 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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