• Freitag, 01. März 2013

Aktivisten protestieren

Bauarbeiten an der East Side Gallery lahmgelegt

  • Abriss der East Side Gallery
    Düstere Aussichten: Die Bagger für den Teilabriss der East Side Gallery stehen schon bereit. Foto: Der Tagesspiegel - ©Mike Wolff

Nachdem rund 250 Aktivisten die Bauarbeiten an der East Side Gallery gestürmt haben, bewegt sich kein Mauerstück mehr. Berliner Initiativen hatten zum Protest aufgerufen, um zu verhindern, dass das einzigartige Zeugnis Berliner Geschichte für Luxuswohnungen Platz machen muss.

Nachdem rund 250 Aktivisten gegen 9.45 Uhr die Bauarbeiten an der East Side Gallery gestürmt haben, um die Umsetzung weiterer Mauerstücke zu verhindern, bewegt sich nichts mehr. Die Arbeiten liegen still. Die Polizei bleibt gelassen und drängt die Leute nicht zurück. Die Stimmung ist weiterhin friedlich. Schon gegen 8.30 Uhr hatten sich rund 100 Aktivisten eingefunden, um zu protestieren. Um diese Uhrzeit war das erste Mauerstück bereits entfernt. An dieser Stelle steht jetzt ein Ersatz-Mauerstück aus Pappmasché mit dem Slogan "Mauer wieder zu". Die Aktivisten wollen mit einer Menschenkette verhindern, dass die Mauerstücke umgesetzt werden. Castor TV informiert seit 8 Uhr mit einem Livestream über den genauen Ablauf.

Begonnen hatte der Fall der Mauer am frühen Donnerstagnachmittag mit einer Mail der Initiative "Mediaspree versenken": "EILT EXTREM: Ab sofort wird die East Side Gallery abgerissen. Sofort vorbeikommen!", hieß es darin. Zur Umsetzung kam es gestern aber doch noch nicht. Bauarbeiter demontierten lediglich die Rundstücke von der Oberkante der Mauersegmente, um die weiteren Arbeiten vorzubereiten. Betroffen sind drei Bilder von insgesamt 23 Meter Länge. Auch gesägt wurde schon, jedoch tauchten unerwartet Aktivisten auf und störten die Bauarbeiten. "Mein Kollege ist hier zufällig entlang gelaufen und hat gesehen, dass die einfach anfangen, die Mauer abzureißen. Kein Mensch wurde informiert, noch nicht einmal die Künstler", sagte der aufgebrachte Nico Hesslenberg. Er engagiert sich in dem vor einer Woche gegründeten Bündnis, dessen Name noch nicht fest steht. "Irgendwas zwischen "Die Mauer soll bleiben" oder "Millionäre im Todesstreifen", sagt er. Auf den Namen kommt es auch nicht an, Hauptsache, das Ziel sei klar: "Wir wollen die Eastside-Gallery retten!"

Bezirk ist "nicht mehr zuständig"

Die bunt verzierten Mauerteile sollen versetzt werden, um Platz für Bauarbeiten zu schaffen. Das Bezirksamt erklärte sich am Donnerstag für nicht mehr zuständig: "Wir hören nur, dass da angeblich was abgetragen wird", hieß es im Büro von Bezirksbürgermeister Franz Schulz. Der Grünen-Politiker hatte am Vorabend die Bezirksverordneten über das Projekt informiert, aber der unmittelbar darauffolgende Baubeginn hatte dann doch einige überrascht. Die Mauerstücke müssen weichen, weil an dieser Stelle die noch zu bauende Brommybrücke an die Mühlenstraße angeschlossen wird. Außerdem soll hier ein Fluchtweg zwischen dem öffentlich begehbaren Grünstreifen an der Spree und der East Side Gallery geschaffen werden.

Von der Lücke in der Mauer profitieren dürften allerdings auch die künftigen Mieter und Wohnungseigentümer des gut 60 Meter hohen Wohnturmes "Living Levels", der an dieser Stelle entsteht - aus Sicht der Protestierenden der eigentliche Grund für den Mauerfall. Schon in den vergangenen Tagen, als sie erstmalig gegen den geplanten Teilabriss protestierten, ließ Bauherr Maik Uwe Hinkel keine Zweifel an seinen Absichten entstehen: "Für uns steht fest, dass wir Living Levels ab Frühjahr bauen werden", sagte er. Beobachter vermuten, dass Hinkel auch jetzt die Arbeiten beginnen lassen muss, weil sonst die Baugenehmigung verfallen würde. Für eine Stellungnahme stand Hinkel bisher nicht zur Verfügung.

Ein Denkmal für kommende Generationen

Zur Mauer waren am Donnerstag 25 bis 30 Leute gekommen: Presse, Aktivisten und ein paar Künstler. Unter ihnen: Thierry Noir. Er hat ein großes buntes Bild kreiert, unmittelbar neben dem Stück, das abgerissen werden soll. "Ich bin entsetzt. Wie kann die Stadt so mit diesem wertvollen Erbe umgehen? Wir haben diese Bilder für die kommenden Generationen gemalt. Als Mahnmal, das nun einfach versetzt wird. Heimlich, still und leise." Er ist fassungslos. Mancher Aktivist munkelt, dass die entwurzelten Stücke in den Mauerpark kommen sollen. Doch müssen sie erst entfernt werden.

Die Bauarbeiter ließen durchblicken, dass der finale Abriss am Freitag zwischen 14 und 16 Uhr anstehe. Offiziell bestätigt wurde das nicht. So flüsterte der ein oder andere, dass es sich bei dieser Zeitangabe um ein Täuschungsmanöver handeln könnte, um Demonstranten fernzuhalten, und die eigentlichen Arbeiten früh am Morgen beginnen könnten. Genau so ist es nun gekommen, die Arbeiten haben begonnen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Investoren der Blick auf die Spree ermöglicht wird. Bereits beim Bau der O2-World wurden etwa 50 Meter Mauerstreifen versetzt - eine Bedingung der Bauherren.

Adresse

Mühlenstraße
10243 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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