Deutsche Guggenheim Ausstellung

Müll: Spiegel unserer Gesellschaft

Müll: Spiegel unserer Gesellschaft
Gabriel Orozcos Austellung "Asterisms" wird im Deutsche Guggenheim gezeigt. Hier ist die Plastik "Sandstars" zu sehen. Zur Foto-Galerie
Der mexikanische Künstler Gabriel Orozco zeigt noch bis zum 21. Oktober seine Ausstellung "Asterisms" in der Deutschen Guggenheim Unter den Linden. Der Mann mit den Adleraugen sammelt auf, was andere liegen lassen und verarbeitet es zu einer Kunst, die unsere Zeit widerspiegelt.

Solche Szenen möchte man am liebsten für die Ewigkeit festhalten: Zwei Damen in mondänem Schwarz krümmen den Rücken, um in den gläsernen Schaukasten zu blicken und untersuchen: einen alten, platten Kaugummi, Zigarettenreste, Bonbonpapier und einen kaputten Gummi. Das sind alles Kleinteile, die sie auf dem Sportplatz, den Gabriel Orozco mit Interesse und Geschick abgesucht hat, links liegen lassen würden. Orozco jedoch erhebt die Fundstücke auf ein Podest und stellt im Deutsche Guggenheim ästhetische Plastiken her, die er aus dem gesammelten Abfall formt.

Die Kriterien, denen er sich unterwirft, sind schnell durchschaut: Die bunten, kleinteiligen Abfälle sind nach Farben und Materialien sortiert. Schmales, Breites, Glattes, Wolliges. Bei der Betrachtung des Ganzen breitet sich die horizontale Arbeit „Astroturf Constellation“ auf einer quadratischen Fläche aus und erzielt die Wirkung eines strapaziös rekonstruierten Mosaiks, das Einblicke in die Kultur und die Lebensweisen des 21. Jahrhunderts gibt.

Müll als Objekt der Ironie

Nahe der überschaubaren Vitrine, deren Inneres von einem New Yorker Kunstrasen zusammen geklaubt wurde, wird dieses Prinzip auf dem Betonboden der Ausstellungshalle fortgeführt. Der einzige Unterschied ist, dass sich das zweite Exponat „Sandstars“ unaufhaltsam in die Länge zieht und aus ungleich größeren Fundstücken entstand.

Astroturf Constellation, © Gabriel Orozco 2012
Bunte Glasflaschen kuscheln sich an farbenfrohe Glühbirnen. Vom Meerwasser angegriffene Bojen, Treibholz und eine riesige Kugel, die einst als Mine im Meer untergangen sein muss – all das fand Orozco in einem mexikanischen Schutzreservat für Wale. Der Unrat hat sich dort innerhalb kurzer Zeit im Sand des Ufers angesammelt. Die Ironie des Schicksals greift mal wieder: Das Betreten dieses Lebensraums ist verboten, und trotzdem droht der Natur die Überschwemmung durch zivilisatorischen Abfall.

Es wäre aber dürftig, den mexikanischen Künstler einzig als einen schlichten Kritiker der Wegwerfgesellschaft zu bezeichnen. Orozco, der in den letzten Jahren des Öfteren auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel unter den Ausstellern war, holt sich von dem Inspiration, was ihm das Jetzt zur Verfügung stellt. Der extreme Konsum ist ein Teil davon. Was die Leute schmerzlos gehen lassen, weil es ein neueres Modell welcher Art auch immer gibt, das beleuchtet der 1962 Geborene in seinem spektakulären Werk erneut.

Perspektivwechsel

Einzige Bedingung: Es muss entsorgt und von Orozco wieder entdeckt worden sein. Nur auf diese Weise kann dem Stück jene poetische Energie zuteilwerden, die einen frischen Blickwinkel schenkt. So werden aus Müll plastische Elemente von anziehender Schönheit gemacht. Ein Vorgang der Verwandlung, den Orozco inzwischen fast schon lässig beherrscht. In den neunziger Jahren machte er sich mit an den Citroen DS, damals noch eine Legende der Fortbewegung, die für die Zukunft und Schönheit stand. Durch den künstlerischen Prozess speckte er das legendäre Fahrzeug um satte 60 Zentimeter an den Seiten ab und machte es so einzigartig aerodynamisch – aber leider auch unbrauchbar. Eine technische Wunschfantasie als museales Nachbild, das später der französische Staat erwarb. Mehr auf den Punkt ließ sich schwerlich aufzeigen, wie ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs dank seiner cleveren Verfremdung in einen völlig anderen Kontext eingebettet werden kann.

Detail of Astroturf Constellation, © Gabriel Orozco 2012

Dieser Grundlage bleibt der Künstler treu, sein Werkstoff wird aber zunehmend lapidarer. Auch mit dem Wegwerf-Material bekommt Orozco erstaunlich universale Bilder zusammen. Im Deutsche Guggenheim, das die Werke in der Reihe seiner Auftragskunst ausstellt, verknüpft er die amerikanische Großstadt mit dem Ozean, den Mikro- mit dem Makrokosmos. Eine Verbindung stellen die Fotografien an der Wand dar, die jedes kleinste Stück Unrat einzeln zeigen und die plastischen Bilder anschließend zu 13 Tableaus kombinieren, auf denen alles seinen Platz zu haben scheint.

Dass Orozco die wissenschaftliche Darstellung der Typologisierung nur aufgreift und man außerdem auf nicht Gewolltes schaut, ist genauso schnell im Hinterkopf verschwunden wie die divergierenden Größenverhältnisse. Ein Schutzhelm für den Kopf – diese findet man scheinbar zuhauf am Ufer des Ozeans – wird vom Künstler in derselben Größe fotografiert wie die von ihm gefundenen Muscheln oder Tennisbälle. Doch lassen sich durch diese Konfrontation der Gegenstände formale Ähnlichkeiten erkennen: Die Formgebung von Helm und Muschel ist sehr ähnlich. Beide zeigen sogar ein wellenförmiges Muster an der Oberfläche. Und natürlich ergibt sich aus dieser Wandlung des Überflüssigen ins Künstlerische eine Konsequenz. Wenn man rundum von Müll umgeben ist, kann man sich dem Thema kaum entziehen.

Noch bis zum 21. Oktober ist die Ausstellung „Asterisms“ im Deutsche Guggenheim täglich von 10 bis 20 Uhr zu besichtigen.

Foto Galerie

Deutsche + Guggenheim, Unter den Linden 13-15, 10117 Berlin

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