Interview mit dem Künstler Oliver O. Rednitz

"Ich bin Gott, du bist Gott, wir alle sind Gott"

Im "Themenraum Liebe" der Amerika-Gedenkbibliothek können die Besucher auf die von Oliver Rednitz gestaltete Wand schreiben, warum sie sich lieben. Zur Foto-Galerie
Wir von QIEZ haben Berliner Künstler gefragt, ob sie den Buchstaben "Q" für unser neues QIEZ-Logo entwerfen. Einen, der für uns zum Stift gegriffen hat, kennst du vermutlich eher von seinen Plakaten als mit Namen: Oliver O. Rednitz. Ein Treffen im Wrangelkiez.

QIEZ: Wie lange machst du schon Kunst?

Oliver O. Rednitz: „Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass wir von Anbeginn kreative Wesen sind und jeder von uns ein Schöpfer oder Künstler ist. Ich habe Architektur studiert und mich in meiner Ausbildung schon mit Kunst auseinandergesetzt. Vor 16 Jahren habe ich mit Straßenkunst angefangen.“

Du bist seit Mitte der Neunziger in Berlin. Woher kommst du ursprünglich?

„Ich bin in Bayern geboren, in Lauingen an der Donau. Dort habe ich mein Abitur gemacht. Dann fing ich an zu studieren: in Braunschweig, Stuttgart, Barcelona und London. Nachdem ich dort noch ein Aufbaustudium gemacht hatte, bin ich dann nach Berlin gekommen.“

Was steckt hinter deinen „Jesus loves you“-Plakaten und ähnlichen, die vermutlich jeder mal gesehen hat, der schon etwas länger in der Stadt ist?

„Das ist aus einer Filmidee entstanden, die ich einmal hatte. Ich wollte den Ring des Nibelungen von Richard Wagner ins 21. Jahrhundert übertragen und am Potsdamer Platz inszenieren. Da gibt es den Götterboten Loge, der in meiner Geschichte immer einen weißen Anzug trägt und ein T-Shirt, auf dem Jesus loves you steht. Die Idee zum T-Shirt kam mir bei der Fußball-WM 2002. Da spielte Deutschland gegen Brasilien, Brasilien gewann damals 2:0. Die Brasilianer führten danach Voodoo-Tänze auf dem Rasen auf und zogen ihre Trikots aus. Und einer, der damals beim FC Bayern spielte, Lucio, hatte das T-Shirt an, auf dem Jesus loves you stand.

Ich habe damals angefangen, das als Plakat zu kleben und bin schnell für einen Jesus-Freak gehalten worden, was natürlich nichts mit der ursprünglichen Idee zu tun hatte. Deshalb habe ich schnell noch Buddha, Shiva, Allah und Jehova an Bord geholt, um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Dann habe ich festgestellt, dass das alles männliche Gottheiten waren. Also habe ich Maria loves you too mit dazugenommen, um auch den Frauen eine Stimme zu geben. Irgendwann habe ich festgestellt, dass zwar in jeder Religion Liebe steckt, aber Liebe keine Religion braucht. Daher sind noch die Plakate Love each other und A bit more love entstanden.“

Oliver O. Rednitz vor seinen Plakaten an der Mauer am Görlitzer Park ©Nikolaus Triantafillou

Bist du auch noch in anderen Kunstrichtungen tätig?

„Ich bewege mich in drei Bereichen: Plakatkunst, Collagen im öffentlichen Raum sowie Happenings und Installationen.“

Die Amerika-Gedenkbibliothek hat am 5. Dezember einen Themenraum Liebe eingerichtet. Du bist einer der Gestalter. Was können wir dort erwarten?

„Beim Themenraum Liebe gibt es zwei interaktive Installationen, die mit Plakaten und Collagen von mir gestaltet sind. Die Besucher sind eingeladen, auf die Objekte zu schreiben, warum sie sich lieben – I love me because … Denn Liebe beginnt bei dir selbst. Im Themenraum wird es außerdem Veranstaltungen geben.“

Was war die Idee hinter deinem Q für QIEZ?

„Ich wollte eine relativ abstrakte Herzform haben. Es ist auch ein bisschen ein O wie Oliver.“

Dieses "Q" hat Oliver Rednitz für QIEZ entworfen. ©QIEZ

Hast du ein Lieblingsbild oder -kunstwerk?

„Ich mag die Bilder von Marc Rothko. In der Staatsgalerie Stuttgart ist eins ausgestellt, von dem ich den Titel gerade nicht weiß. Das habe ich mir immer gerne angeschaut.“

Was inspiriert dich an Berlin?

„Berlin in den Neunzigern war eine sehr offene, freie Stadt. Und menschlich, was die Lebenshaltungskosten betrifft. Du hattest damals eigentlich unbegrenzte Möglichkeiten. Die haben es mir erst ermöglicht, meinen Ausdruck zu finden. Ich betrachte meine Straßenkunst auch als soziale Skulptur, die mit den Betrachtern in einen Dialog eintritt. Du fängst an, dir darüber Gedanken zu machen und in deinem Kopf entsteht wieder etwas Neues. Und diese Möglichkeiten hast du eben nicht überall. Aber die Möglichkeiten werden geringer. Das Offene und Freie ist nicht mehr so intensiv wie es vor zehn Jahren war.“

Was gefällt dir außerdem noch weniger an Berlin?

„Der Drogenkonsum, dieses oberflächliche Eintauchen, Halli Galli in Berlin – das hat alles nicht mehr viel mit dem Berlin zu tun, das ich am Anfang kennengelernt habe. Ansonsten kann ich nicht viel gegen die Stadt sagen.“

Hast du einen Lieblingsort in der Stadt?

„Ich lebe im Wrangelkiez, ich liebe den Wrangelkiez, ich brauche nicht viel mehr als den Wrangelkiez. Es ist immer noch ein großes Wohnzimmer. Ich mag auch den Böhmischen Platz in Neukölln. Mit seinem kleinen Maßstab ist er richtig dörflich, die Leute spielen dort Tischtennis.“

Was sind deine nächsten Projekte?

„Ich will mich endlich mal um eine richtige Webseite kümmern. Gleichzeitig arbeite ich auch an einem Buch, für das ich gerade Texte, Bilder und Videos sammle. Ein anderer Plan ist, einmal längere Zeit in Athen zu verbringen. Ich war jetzt im Sommer da und bin sehr begeistert gewesen. Ich hatte das Gefühl, es ist heute irgendwie so wie Berlin in den Neunzigern.“

Der „Themenraum Liebe“ in der Amerika-Gedenkbibliothek ist noch bis Ende Februar geöffnet. Weitere Infos bekommst du auf der Webseite der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Foto Galerie

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Telefon 030 53060252

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