Grüne Entdeckungstour

Gartenkunst im dritten Hinterhof

Gartenkunst im dritten Hinterhof
Künstlerin und Gärtnerin: Martina Breyer in ihrer grünen Oase.
An diesem Wochenende laden 89 Berliner und Brandenburger Gartenbesitzer zu den "Offenen Gärten 2012" ein und zeigen Besuchern ihr liebevoll gepflegtes grünes Idyll – häufig an Plätzen, an denen man so etwas nie vermutet hätte.

Da! Ein ungebetener Besucher! Und noch dazu ein bösartiger. Martina Breyers Stimme klingt leicht schrill, als sie seinen Namen ausspricht: „Ein Lilienkäfer!“ Jetzt geht es um Leben und Tod. Sie greift sich das leuchtend rote Insekt vom Blatt einer Lilie, die noch keine Blüten trägt – und zerdrückt ihn zwischen den Fingern: „Sie sehen so schön aus, aber man muss sie totmachen, weil sie sonst die Lilien auffressen.“ Denn das sind Martina Breyers Lieblingsblumen. „Sie sind so majestätisch und haben tolle Farben.“ Es ist der Anblick ihrer Blumen, der sie zur Künstlerin werden lässt. Ihre Werke aus Filz und Papier sind auf internationalen Kunstfestivals zu sehen.

Die 55-jährige steht im Garten vor ihrem Atelier, einem alten Stallgebäude am Ende des dritten Hinterhofs an der Ackerstraße 19 in Berlin-Mitte. 120 verschiedene Stauden pflegt sie hier seit 2010. Am Samstag und Sonntag steht ihr hübsches grünes Fleckchen mit seinen Pflanzen und Filzkunstwerken von 10 bis 18 Uhr Besuchern offen: Breyer gehört zu 89 Gartenbesitzern in Berlin und Brandenburg, die sich an den „Offenen Gärten 2012“ beteiligen. Am Bolteweg 32 in Spandau liegt etwa ein Garten voller Schmetterlinge und Kräuter. An der Muskauer Straße 30 in Kreuzberg haben die Privatgärtner außer Blumen auch Farne und einen kleinen Teich zu bieten. Oder am Ruwersteig 38-40 in Marzahn einen Obstgarten mit Kunstobjekten.

Kleine Perle

Martina Breyer hält sogar einen Superlativ bereit: „Meiner ist wohl der kleinste Garten im Programm“, erzählt sie stolz. Und obendrein ein willkommener Kontrast zu seiner Umgebung mit viel Stein und wenig Grün in Mitte: „Hier an der Ackerstraße gibt es ja kaum Bäume oder begrünte Balkone“, sagt Breyer. Gerade nähert sich über den Kopfsteinpflasterweg aus dem zweiten Hinterhof eine Frau, stellt sich als neue Nachbarin vor – und staunt: „Sie haben ja hier eine Oase.“ Breyer lädt sie gleich fürs Wochenende ein. Dann bekommen ihre Gäste Kaffee und selbstgebackenen Kuchen serviert, in der kleinen Sitzecke im rot-weißen Beet.

Die Anordnung ihrer Beete ist wohl durchdacht und erfolgt nach Farben und Monaten – von April bis Oktober. Das Junibeet erstrahlt in blau und gelb: Hier wachsen Rittersporn, Glockenblumen und Brandkraut. Der Alant blüht noch nicht. Diese Pflanze hat sie in Müritz-Nähe gefunden und mit nach Berlin gebracht: „Der wuchert so sehr, dass ich manchmal etwas davon wegstechen muss.“ Nicht das einzige Kraut, das sie in seine Schranken weisen muss, auch rosa Blumen müssen hin und wieder dran glauben: „Ich mag die Farbe nicht und auch keine anderen Pastelltöne.“ Unglücklicherweise hat die Hortensie im blau-gelben Junibeet plötzlich ihre Farbe gewechselt und blüht nun rosa. „Das liegt an der Erde. Ich habe sie zwar mit Alaunsalz gegossen, um das zu verhindern, aber das hat nicht funktioniert.“ Sie hat viele Pflanzenbücher verschlungen und ebenso viel ausprobiert.

Bekannt in Japan

Dass der Hofgarten der Künstlerin etwas Besonderes ist, hat sich herumgesprochen: Im vergangenen Jahr habe sie vom Verein „Grüne Liga“ eine Auszeichnung erhalten, berichtet Breyer. Und ein japanisches Filmteam habe sie besucht, um eine halbstündige Doku über den Garten, die Künstlerin und ihre Kunst zu drehen: „Da habe ich auf eine große Ausstellung in Japan gehofft“, sagt sie und lacht. Stattdessen erschien eine Gruppe von 30 japanischen Textilkünstlerinnen und besichtigte ihren Garten und das Atelier. So ein besonders schönes grünes Fleckchen bringt eben viel Besuch in den abgelegenen Hinterhof – nicht nur an diesem Wochenende: Am 16. und 17. Juni, beim „Langen Tag der Stadtnatur“ kann man sich Breyers Kleinod ebenfalls anschauen. „Die Liebe zu Pflanzen ist einfach so gekommen“, sagt sie. „Jetzt könnte ich mir nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben: Ein Garten ist gut für die Seele.“

Offene Gärten 2012: Eintritt 2 Euro (Ticket gilt dann auch für den zweiten Termin am 29./30. September), Programmheft und Vorverkaufstellen unter www.open-garden.de. Langer Tag der Stadtnatur: 16. Juni, 16 Uhr bis 17. Juni, 18 Uhr, 26-Stunden-Erwachsenenticket 7 Euro, Programm unter www.langertagderstadtnatur.de.


Quelle: Der Tagesspiegel

Gartenkunst im dritten Hinterhof, Ackerstraße 19, 10115 Berlin

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