Gentrifizierung in Neukölln

Frau Döring blieb

Alt trifft auf neu im Neuköllner Schillerkiez.
Alt trifft auf neu im Neuköllner Schillerkiez.
Im Jahr 1930 zog sie, damals vier Jahre alt, mit ihren Eltern in die Wohnung im Neuköllner Schillerkiez. 83 Jahre später wohnt Frau Döring immer noch genau dort, wo sich alles andere über die Jahre immer wieder verändert hat.

Frau Döring sagt, dass die Flugzeuge sie nie gestört haben. Früher nicht und später auch nicht. „Man hat sich daran gewöhnt“, sagt sie. War ja lange Zeit auch ein gutes Geräusch, das Motorengebrummel, hängen ja auch gute Erinnerungen dran. An die Zeiten der Luftbrücke, als die Maschinen alle zwei Minuten starteten und landeten. Da wurde man schon nervös, wenn länger Ruhe war. Kommt denn keiner mehr? Die kleinen Figürchen und Sammelstücke, die in ihrer Vitrine liegen und sitzen, musste Frau Döring später und all die ganzen Flughafenjahre lang immer wieder zurechtrücken. Die hüpften leise, aber stetig voran – wegen der Flugzeuge und der ständigen Erschütterung.

Von dem, was sich rundherum verschob, schmerzte Frau Döring eines am meisten: dass all die Geschäfte, die sie kannte, verschwanden. Sie zückt einen Zettel, auf dem sie kurz vor dem Gespräch versucht hat zu notieren, was sie erinnern kann. Also. Irgendwann gab es mal einen Fleischer in der Straße, einen Schuster und einen Frisör. An der Ecke, wo nun eine türkische Familie ihren Spätkauf betreibt, verkaufte ein Herr bis zum Krieg Seifen. Die Verkäuferinnen im Reichelt, den es früher an der anderen Ecke gab, kannten alle Kundinnen persönlich. Sie wussten, dass Frau Dörings Oma, die auch in der Nachbarschaft wohnte, gern Roquefort kaufte und ihn absichtlich falsch aussprach, um sie zu ärgern. „Ein Stück von dem Rockeforz bitte.

Alle Geschäfte, die sie kannte, verschwanden

„Zwei Häuser weiter gab es schon immer eine Kneipe, solange sie denken kann. Aber auf der anderen Straßenseite, an der Ecke! Sie schaut auf ihre Notizen. Bis zum Krieg war da ein Kuhstall, später verkauften sie dort Lebensmittel. Heute ist es ein Internetcafé. Schicht um Schicht ist die Geschichte angewachsen, und immer wieder wird das Alte vom Neuen überlagert. Das eine Geschäft vom anderen, der Stuck und die Ornamente der Häuser von gleichmachendem Putz. Aus den engen, wieder und wieder beschriebenen Straßen des Schillerkiezes schält Frau Döring ihr Leben. Sie wollte hier nie weg. Wer hätte garantieren können, dass es woanders schöner ist? Alles, was schlecht ist, lässt sich mit Besserem vergessen machen. Das ganze Leben funktioniert ja nur so, wo läuft es schon rund.

Es war Frau Dörings großer Wunsch, Gärtnerin zu werden. Sie war 14, als sie ihr auf dem Amt sagten: „Sie können doch keine Gießkanne tragen.“ Und sie entgegnete wütend, was ihr nicht half: „Pah, ich trage sogar zwei.“ Das Kleinsein bewahrte sie vor dem Arbeitsdienst, aber es vermasselte ihr auch die Berufswahl – wenn nicht ohnehin der Krieg dazwischenkam. Gelernt hat sie viel, aber ausgelernt wenig. Bruchstücke einer Karriere: Sie arbeitete im Haushalt bei einer Familie in Weißensee und als Bürobotin. Sie lernte bei einer Familie in Hohen-Neuendorf Hauswirtschaft und war Kinderpflegerin. Sie lernte Masseurin, arbeitete nach dem Krieg in Pankow und wie sie im Sommer ’61 an der Bösebrücke plötzlich einem russischen Panzer gegenüberstand, ist schon wieder eine ganz andere, lange Geschichte. Irgendwann schließlich saß sie in einer Fabrik für Schreibmaschinentypen. Früher als geplant ging sie in Rente. Die schwere Arbeit als Masseurin, das Hochwuchten der Schlaganfallpatienten, hat ihr den Rücken ruiniert.

Schöner wäre es, wenn sie eine Katze hätte

Frau Döring, der niemand etwas konnte, kein Fiesling vom Amt und nicht mal der Krieg, stolperte schließlich über das eigene Alter. Und jetzt hilft keine Koketterie mehr, jetzt helfen Medikamente. „Ich möchte eigentlich nicht sterben“, sagt Frau Döring, ganz grundsätzlich und lachend, am Ende eines langen Gesprächs. „In so ’ner Kiste, da bekommt man ja gar keine Luft.“ Das Leben ist doch ganz schön. Schöner wäre es noch, wenn sie eine Katze hätte, so wie früher immer. Aber nachher bleibt die Katze übrig und niemand will sie. Das bringt sie nicht übers Herz.

Als sie sich vor Jahren doch einmal entschlossen hatte, wieder ein Haustier zu haben, ging sie in ein Zoogeschäft in Neukölln. „Welches Tier lebt nicht so lang?“, fragte sie dort die Verkäuferin. Meerschweinchen, sagte die. Etwa acht Jahre. „Zu lang“, sagte Frau Döring und sah in einem Käfig Mäuse. „Und die?“ Ein Jahr etwa. Sie kaufte zwei, eine weiße und eine graue. Die beiden Mäuse hatten eine gute Zeit, sie lebten verflixt lange. Und doch war es am Ende Frau Döring, die blieb.

Sie suchen eine Wohnung? „Malen Sie sich doch eine“

Damals, als die Eheleute und jungen Eltern Döring auf der Suche nach einer größeren Wohnung waren, ergab es sich rein zufällig, dass sie überhaupt eine fanden. Sie suchen eine Wohnung? „Malen Sie sich doch eine“, hieß es auf dem Amt. Ein Nachbar wusste schließlich: Da drüben ist einer gestorben, geht mal und schaut es euch an. Das passte dann. Ein Glück auch für den Vater, der Malermeister war. Denn in der Gegend gab es gut zu tun. Er hat Wände und Decken gestrichen, wenn gewünscht auch tapeziert. Aber er hat auch gemalt, richtig gemalt, in Öl. Überall in ihrer Wohnung hat Frau Döring Bilder des Vaters hängen, ein besonders großes über dem Sofa, das jetzt auch Bett ist, in ihrer Stube. Es zeigt ein prächtiges Blumengesteck vor dunklem Grund, bemerkenswert aber ist auch der Rahmen. Goldverziert, geschnitzt in Handarbeit, schwer. Er ist das Geschenk einer jüdischen Familie aus der Nachbarschaft, die vor Kriegsbeginn nach Amerika floh. Kunden ihres Vaters. Die wussten beim Packen nicht wohin mit dem schweren Ding, so schön es auch war, und baten: „Herr Döring, wenn Sie mir das Bild so einpacken können, dass ich es mit nach Amerika nehmen kann, dann schenke ich Ihnen den Rahmen. Bei Ihnen ist er in guten Händen.“ Er ist es noch immer. Denn Frau Döring hütet die Vergangenheit, sitzt in ihren Erinnerungen so bequem gepolstert wie in ihrem breiten Sessel. Das Gestern wird gemütlich, wenn einem das Heute davonrennt.

Der Flughafen Tempelhof schloss 2008, zwei Jahre später wurde das Feld für die Berliner zum Park, zur riesigen Spielwiese, zum großen Sportplatz – und der Schillerkiez vom vernachlässigten Wohngebiet zu einem der begehrtesten. Was die Jahre zuvor schon schleichend begonnen hatte, beschleunigte sich: Investoren investierten, neu Zugezogene mischten sich unter Alteingesessene. „Mit der Öffnung des Flugfeldes ging die Veränderung plötzlich schnell“, sagt Gunnar Zerowsky. Er sitzt im Büro des Quartiersmanagements und nimmt sich Zeit, die er kaum hat. Seit Beginn des Jahres ist der 34-Jährige Teamleiter hier, und wie sich das Gebiet rundum wandelt, interessiert ihn nicht nur beruflich, sondern auch privat. Gunnar Zerowsky lebt in der unmittelbaren Nachbarschaft zu seinem Büro, in der Herrfurthstraße. Der Schillerkiez, erklärt er, sei „ein bisschen ein Durchgangskiez“, was zum einen bedeutet, dass hier nur wenige seit mehr als 15 Jahren wohnen, zum anderen, dass viele, die durch die Straßen laufen, ein Ziel haben: das Tempelhofer Feld.

Von der lauten Hermannstraße abzubiegen, hinein in Frau Dörings Straße, ist beruhigend. Langsamer gehen, nicht mehr ständig ausweichen – Hunden, Radfahrern, den Grabbeltischen der Billigläden auf dem Bürgersteig. Am Ende der Straße strahlt die Sonne übers Kopfsteinpflaster, von Weitem sieht es aus, als führe der Weg ins Nichts. Und es ist ja auch so. Nichts gibt es da mehr, nur die Weite des Feldes. Im Gegenlicht sehen die Menschen aus wie Scherenschnitte, ein Vater trägt das Laufrad seines Kindes. Seit einer Weile ziehen nicht mehr alle jungen Akademikerfamilien weg, wenn die Kinder eingeschult werden müssen. Rund 21 000 Menschen aus etwa 100 Nationen wohnen im Kiez und nur sechs Prozent von ihnen sind älter als 65. Rein theoretisch könnten sie alle davon profitieren, dass hier und dort neue Bars und Cafés öffnen, Kitas und Geschäfte. „Ist doch schön“, sagt Gunnar Zerowsky, „wenn man in der eigenen Straße auch etwas essen gehen kann.

Veränderung macht auch Angst

„Gunnar Zerowsky ist ein sympathischer Mann. Es wäre unfair zu sagen: Er hat leicht reden, er kann für ein Essen außer Haus zahlen. Also andersherum: Viele der Nachbarn können es eher nicht. Noch immer leben sehr viele Arbeitslose in der Nachbarschaft. Selbst wenn es inzwischen, auch das erzählt er, unmöglich sei, eine Sozialhilfe-finanzierte Wohnung im Schillerkiez zu finden. Das Quartiersmanagement in der Schillerpromenade gibt es inzwischen schon seit 15 Jahren. Die Hauptaufgabe der Mitarbeiter, so heißt es offiziell, sei es, „Projekte zu fördern, die dazu beitragen, einen für alle Bevölkerungsgruppen lebenswerten Kiez zu gestalten“. Sie verteilen Gelder möglichst so geschickt auf verschiedene Projekte, dass die ganze Nachbarschaft etwas davon hat. Natürlich entscheidet die mit – aber gemeinsam in einer Straße leben heißt noch lange nicht: sich einig zu sein. Die Fassade des Hauses, in dem das Quartiersmanagement sein Büro hat, ist mit schwarzbrauner Farbe verschmiert. Nicht allen gefällt es, dass Zerowsky und sein Team versuchen, das Leben im Kiez angenehmer zu machen. „Angenehm“ ist eben subjektiv. Veränderung macht auch Angst.

Dabei gibt es Zahlen, die belegen: alles halb so wild. Die Studie der Topos-Stadtforschung kommt für das „Gebiet Schillerpromenade“ unter anderem zu folgendem Schluss: Die Zuwanderer der vergangenen Jahre haben ein „Einkommen oberhalb des Gebietsmittels. Es ist allerdings nicht erkennbar, dass ein soziokultureller Aufwertungsprozess in Gang gesetzt worden wäre, da nicht mehr Haushalte mit überdurchschnittlichen Einkommen, sondern weniger Arme ins Gebiet gewandert sind. „Wie schwer aber wiegt Statistik, wie schwer ein schlechtes Gefühl, wenn man im Viertel lebt? Wenn der neue Eigentümer des Hauses droht, alle Wohnungen zwecks Sanierung zu räumen, wenn die Mieten steigen? Auch die Schillerbar in der Herrfurthstraße haben die Gefühlsmenschen mit Farbbeuteln beworfen. Rot auf gelber Fassade. An eine der Wände malte jemand ein Herz, ob vorher oder nachher ist nicht erkennbar. „Schiller liebt euch sowieso“, steht darin. Es ist nicht nur Frau Döring, die an ihrem Gestern hängt.

Niemand wollte in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof wohnen

Vorsichtig steht sie aus dem Sessel auf und geht zu einer kleinen Kommode. Sie zuppelt am Gummiband, das die beiden Knäufe zusammen- und die Türen geschlossen hält. Auf dem obersten Regalbrett hat sie Dutzende Gläser stehen. Eingekochtes Pflaumenmus. Aus dem Garten, von dem sie sich noch immer nicht trennen will, wenn sie auch kaum noch hinkommt. Konservierter Sommer, mitten in einem kalten März. Es gibt Bilder von ihr als kleines Mädchen, da sieht es schon so aus, als sei das Kind, geboren im Winter, eher gemacht für den Sommer. Hauptsache sie konnte draußen sein. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit“, sagt Frau Döring heute. Auf einem Foto sitzt das Mädchen glücklich im Matrosenkleid neben der Mutter, die ihre blonden Haare kinnlang geschnitten hat, auf einer Bank im „Sport- und Volkspark Neukölln“, den später der Flughafen schluckte. Ein Glück muss es gewesen sein, so nahe an diesem Park zu wohnen, der 1928 feierlich eröffnet wurde. Ein Kinderparadies: 433 550 Quadratmeter Fläche, darauf Sport- und Spielplätze und ein 4000 Quadratmeter großes Planschbecken. „Es gab Beete mit wunderschönen Rosen“, erinnert sich Frau Döring, „und eine Ecke für die Männer, zum Kartenspielen“. Zwar starteten und landeten schon seit 1923 Flugzeuge auf dem Tempelhofer Feld, doch in Maßen. Erst später dann, als ein Flughafen wichtiger war als Naherholung, vervielfachte sich der Verkehr rasant. Für 1924 sind 952 Starts und Landungen verzeichnet, für das Jahr 1935 immerhin schon 61 369.

So oder so, allein raus zum Spielen durfte Frau Döring als Mädchen nicht. Manchmal ging sie mit Erich, oder besser: er mit ihr. Erich, der Gehilfe des Vaters, ein junger Bursche aus der Nachbarschaft, bekam 50 Pfennige, wenn er mit der Kleinen spazieren ging. Für 50 Pfennige gab es mindestens ein Bier an der Ecke und für das Mädchen ein Eis. Was hat sie sich den Magen verdorben an diesem Eis. War ja gut gemeint gewesen, nicht wahr, aber der Eismann trug das Zeug womöglich schon den ganzen Tag durch die Sonne. Salmonellen vielleicht? Wer weiß. Schlecht ging es ihr jedenfalls, sterbenselend fühlte sie sich. Erich war das so unangenehm, der schämte sich so, dass er den Eiskauf erst gar nicht gestehen wollte. Dabei war ihre Mutter dem Erich gar nicht böse, war ja froh, dass er es zugab, irgendwann. Damit sie wusste, was los ist mit der Kleinen. Sowieso war die Mutter immer lieb, hat nie geschlagen, nie geschimpft. Frau Döring hat sie gepflegt, bis sie 85 war, in den 80ern war das, auch schon lange her. Da hatte die Mutter schon einen Herzkasper überlebt. In dieser Wohnung.

Dann kam der Krieg

„Es waren immer Mutter, Vater und ich“, sagt Frau Döring. Dann kam der Krieg, die SA marschierte durch den Kiez, in dem reichlich Kommunisten wohnten, was ein Pech war und später dann doch wieder ein Glück – als nämlich die Russen kamen. Aber erst mal also die SA und all die Nachbarn, die sie suchten und abholten. Ein Jude wohnte im Haus, zwei Söhne an der Front, im Kampf für Deutschland, den wollten sie auch mitnehmen. Da ging die Mutter zu den beiden Herren der Partei, die im Haus lebten, und sagte: Muss denn das sein? Zwei Söhne im Krieg und dann so was? Der Mann blieb. Aber den Vater konnte sie nicht retten. „Drei Wochen bevor der Käse zu Ende war“, sagt Frau Döring, ging er verloren, blieb verschollen. All die Briefe, die er geschrieben hat, in denen er kleine Punkte unter die Buchstaben kringelte, damit sie sich zusammenreimen konnten, wo er gerade steckt. Kittsee, Österreich, in der Ecke ungefähr. Zwei seiner Kameraden beschlossen abzuhauen, zurück nach Berlin. Sie kauften sich einen Kranz und marschierten los. Wurden sie angehalten, dann sagten sie: Wir müssen in den nächsten Ort, wir müssen zu einer Beerdigung. Irgendwann standen sie vor Mutter Döring, ohne Kranz, und konnten nur sagen: Ihr Mann, der wollte nicht mit.

Es blieben also Mutter und Tochter, eng beieinander, wie es schon zuvor, in den Jahren des Krieges gewesen war. Das Haus ein Frauenhaus, bei Fliegeralarm saßen alle zusammen im Keller, warteten, und manchmal erzählten sie Witze. „Die kleine Edda Göring muss mal, mitten in der Nacht. Also geht sie aufs Töpfchen. Als sie fertig ist, zündet sie eine Kerze an und läuft ums Töpfchen. Edda, was machst du denn da? Wieso, Papa macht doch auch um jeden Scheißdreck einen Fackelumzug.“ Oder diesen: „Große Aufregung am Hermannplatz. Was ist denn los? Eine Riesenschildkröte! Am Hermannplatz? Ach ne, ist bloß der Göbbels mit’m Stahlhelm. „Die Herren aus der Partei wurden wild. Abholen sollte man die, riefen sie und meinten die Nachbarin, die von der Schildkröte erzählt hatte. Wieder schritt Mutter Döring dazwischen. Muss das denn sein? Lassen sie ihr doch den Galgenhumor. Was blieb denn sonst? Vor der Tür stand die Flak.

Die Mutter ist für Frau Döring bis heute eine Heldin. Weil sie ruhig blieb und klug. Und weil sie trotz allem noch lachen konnte. Über die Nachbarin, die aus Angst vor Bomben den Schmortopf auf den Kopf setzte. Über die Witze, an die sich Frau Döring Jahrzehnte später Wort für Wort erinnert. Bemerkenswert nicht, was verloren geht in 87 Jahren Leben, sondern was erinnerlich bleibt. Das Wichtige und das, was immer wieder erzählt wird, wenn Jahreszahlen und -zeiten auch verschwimmen. Das Gefühl. Wie unheimlich es damals war, als eine Bombe die Genezarethkirche auf der Schillerpromenade erwischte. „Das Feuer war so heiß, dass die Glocken läuteten“, erzählt Frau Döring. Oder dass die Mutter vom Erich, dem Burschen des Vaters, später ermordet wurde. Schnell verbreitete sich damals – wann genau das war, egal eigentlich – das Gerücht: Es können nur zwei gewesen sein. Erich oder sein Bruder. Doch wer es nun war, hat man nie herausgefunden. Wohin mit all den Geschichten? Die Mutter ist tot, auf dem Sofa sitzt noch der Stoffhund, den sie als Kind geschenkt bekam, selbst älter als 80, eher Zeuge als Zuhörer. Frau Döring hat nie geheiratet. Hat sich nicht ergeben. Männer? „Reden wir nicht drüber“, sagt sie. Freunde und Bekannte sind gestorben. Nun kommt ab und an jemand und schaut nach ihr, bringt Essen, kauft ein. Menschen rufen sie an und fragen, wie es ihr geht. Liebe Menschen. „Aber das sind ja alles Fremde“, sagt sie. Wie lange jemand fremd sein kann, der so nah ist? Lange. Sieht man doch an den Nachbarn. Grüßt ja niemand.

Die Zuzugssperre für Wedding, Tiergarten

Eine der lieben Menschen sagt: „Bei dir möchte ich im Dunkeln nicht gern durch den Hof gehen.“ Und wie oft haben sie schon Räder geklaut, aus eben diesem Hof? Frau Döring winkt wieder ab. Könnte also auch sein, dass jemand einbrechen und sie überfallen würde, wenn die draußen wüssten, wo sie wohnt und wie sie wirklich heißt. Dass es inzwischen nicht mehr ganz so düster aussieht, weiß sie nicht, weil sie drinnen sitzt. Sie könnte ja nun, wenn sie denn noch könnte, über belebte Straßen nachts zum U-Bahnhof Boddinstraße spazieren, was vor Jahren noch nicht empfehlenswert war. Denn Jahre nachdem sie den Krieg in der Schillerpromenade überstanden hatten, kamen neue, andere Probleme in den Kiez. Getragen wurden sie von Menschen, die unter all ihren Problemen so klein geworden waren, dass niemand sie mehr sah. Alle sahen nur die Probleme.

Weil die Berliner Bezirke Kreuzberg, Tiergarten und Wedding 1975 eine Zuzugssperre für „Gastarbeiter“ erlassen hatten, zogen türkische, griechische, kurdische, serbische und kroatische Familien in den Norden Neuköllns. Mit ihnen kamen Flüchtlinge aus den verschiedensten Kriegs- und Krisenregionen der Welt. Mochten die einen auch hart arbeiten, so brachten die anderen ihre Traumata und ihre Sorgen mit, luden sie dort ab, wo zu dieser Zeit viele Wohnungen leer standen. Niemand wollte in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof wohnen, den seit Mitte der 50er auch große Düsenjets ansteuerten. Fast die Hälfte der Bewohner im Kiez war Ende der 60er wegen des Fluglärms in Behandlung, zwei Drittel von ihnen nahmen Schlaf- und Beruhigungsmittel. Aus dem Jahr 1968 gibt es ein Foto, das den Landeanflug einer Boeing 727 zeigt. So wie es aufgenommen ist, sieht es aus, als schwebe die Maschine – riesig – nur einen Fingerbreit über den Wohnhäusern im Hintergrund. Rechts unten in der Ecke des Bildes steht ein Mann am Zaun, an dem ein Schild hängt: „Vorsicht Lebensgefahr.“

Alle Geschäfte, die sie kannte, verschwanden

Frau Döring sagt, dass die Flugzeuge sie nie gestört haben. Früher nicht und später auch nicht. „Man hat sich daran gewöhnt“, sagt sie. War ja lange Zeit auch ein gutes Geräusch, das Motorengebrummel, hängen ja auch gute Erinnerungen dran. An die Zeiten der Luftbrücke, als die Maschinen alle zwei Minuten starteten und landeten. Da wurde man schon nervös, wenn länger Ruhe war. Kommt denn keiner mehr? Die kleinen Figürchen und Sammelstücke, die in ihrer Vitrine liegen und sitzen, musste Frau Döring später und all die ganzen Flughafenjahre lang immer wieder zurechtrücken. Die hüpften leise, aber stetig voran – wegen der Flugzeuge und der ständigen Erschütterung.

Von dem, was sich rundherum verschob, schmerzte Frau Döring eines am meisten: dass all die Geschäfte, die sie kannte, verschwanden. Sie zückt einen Zettel, auf dem sie kurz vor dem Gespräch versucht hat zu notieren, was sie erinnern kann. Also. Irgendwann gab es mal einen Fleischer in der Straße, einen Schuster und einen Frisör. An der Ecke, wo nun eine türkische Familie ihren Spätkauf betreibt, verkaufte ein Herr bis zum Krieg Seifen. Die Verkäuferinnen im Reichelt, den es früher an der anderen Ecke gab, kannten alle Kundinnen persönlich. Sie wussten, dass Frau Dörings Oma, die auch in der Nachbarschaft wohnte, gern Roquefort kaufte und ihn absichtlich falsch aussprach, um sie zu ärgern. „Ein Stück von dem Rockeforz bitte.

„Zwei Häuser weiter gab es schon immer eine Kneipe, solange sie denken kann. Aber auf der anderen Straßenseite, an der Ecke! Sie schaut auf ihre Notizen. Bis zum Krieg war da ein Kuhstall, später verkauften sie dort Lebensmittel. Heute ist es ein Internetcafé. Schicht um Schicht ist die Geschichte angewachsen, und immer wieder wird das Alte vom Neuen überlagert. Das eine Geschäft vom anderen, der Stuck und die Ornamente der Häuser von gleichmachendem Putz. Aus den engen, wieder und wieder beschriebenen Straßen des Schillerkiezes schält Frau Döring ihr Leben. Sie wollte hier nie weg. Wer hätte garantieren können, dass es woanders schöner ist? Alles, was schlecht ist, lässt sich mit Besserem vergessen machen. Das ganze Leben funktioniert ja nur so, wo läuft es schon rund.

Jetzt helfen Medikamente

Es war Frau Dörings großer Wunsch, Gärtnerin zu werden. Sie war 14, als sie ihr auf dem Amt sagten: „Sie können doch keine Gießkanne tragen.“ Und sie entgegnete wütend, was ihr nicht half: „Pah, ich trage sogar zwei.“ Das Kleinsein bewahrte sie vor dem Arbeitsdienst, aber es vermasselte ihr auch die Berufswahl – wenn nicht ohnehin der Krieg dazwischenkam. Gelernt hat sie viel, aber ausgelernt wenig. Bruchstücke einer Karriere: Sie arbeitete im Haushalt bei einer Familie in Weißensee und als Bürobotin. Sie lernte bei einer Familie in Hohen-Neuendorf Hauswirtschaft und war Kinderpflegerin. Sie lernte Masseurin, arbeitete nach dem Krieg in Pankow und wie sie im Sommer ’61 an der Bösebrücke plötzlich einem russischen Panzer gegenüberstand, ist schon wieder eine ganz andere, lange Geschichte. Irgendwann schließlich saß sie in einer Fabrik für Schreibmaschinentypen. Früher als geplant ging sie in Rente. Die schwere Arbeit als Masseurin, das Hochwuchten der Schlaganfallpatienten, hat ihr den Rücken ruiniert.

Frau Döring, der niemand etwas konnte, kein Fiesling vom Amt und nicht mal der Krieg, stolperte schließlich über das eigene Alter. Und jetzt hilft keine Koketterie mehr, jetzt helfen Medikamente. „Ich möchte eigentlich nicht sterben“, sagt Frau Döring, ganz grundsätzlich und lachend, am Ende eines langen Gesprächs. „In so ’ner Kiste, da bekommt man ja gar keine Luft.“ Das Leben ist doch ganz schön. Schöner wäre es noch, wenn sie eine Katze hätte, so wie früher immer. Aber nachher bleibt die Katze übrig und niemand will sie. Das bringt sie nicht übers Herz.

Als sie sich vor Jahren doch einmal entschlossen hatte, wieder ein Haustier zu haben, ging sie in ein Zoogeschäft in Neukölln. „Welches Tier lebt nicht so lang?“, fragte sie dort die Verkäuferin. Meerschweinchen, sagte die. Etwa acht Jahre. „Zu lang“, sagte Frau Döring und sah in einem Käfig Mäuse. „Und die?“ Ein Jahr etwa. Sie kaufte zwei, eine weiße und eine graue. Die beiden Mäuse hatten eine gute Zeit, sie lebten verflixt lange. Und doch war es am Ende Frau Döring, die blieb.


Quelle: Der Tagesspiegel

Frau Döring blieb, Schillerpromenade, 12049 Berlin

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