Gerhard Richter Ausstellung

Besucher erfahren nur die halbe Wahrheit

Es schlängelt sich wieder vor der Neuen Nationalgalerie.
Es schlängelt sich wieder vor der Neuen Nationalgalerie.
Die Gerhard-Richter-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie geht in den letzten Monat. Doch das peinliche Informationsblatt  mit einer verharmlosenden Formulierung zum Tod von Richters Tante Marianne sollte schleunigst ersetzt werden, fordert Tagesspiegel-Autor Wolfgang Prosinger.

Sie biegt schon wieder um die Ecke. Bereits seit zwei Monaten. Die Schlange vor der Neuen Nationalgalerie. Sie ist nicht ganz so kurvenreich wie damals zur MoMA, jedoch von beeindruckender Länge. Mehr als 250.000 Besucher sind seit dem 12. Februar in die große Gerhard-Richter-Ausstellung gekommen, rund 4000 täglich. Und die Zahl wird jetzt, da die Schau nur noch einige Wochen in der Galerie residiert, noch einmal kräftig ansteigen. Wieder einmal ein beachtlicher Erfolg für die Staatlichen Museen zu Berlin.

Wer sich hier anstellt, braucht Geduld und Zeit. Eine Stunde, zwei Stunden, manchmal auch nur eine halbe. Was kann man tun, um sich die Wartezeit zu vertreiben? Man könnte zum Beispiel das Informationsblatt lesen, das vor dem Eingang ausliegt und dem Besucher allerlei zu des Malers Leben und Werk sowie zum Ausstellungskonzept verrät. Natürlich ist darin auch von einem der berühmtesten Richter-Bilder die Rede, von seiner „Tante Marianne“. Als Vorlage diente ein Foto, das die damals 14-jährige Marianne Schönfelder zeigt. Und von der ist in der Broschüre Erstaunliches zu lesen. Nämlich dass sie „an Schizophrenie leidend im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms in einer Anstalt für geistig Kranke verstarb“.

Schockierende Lüge

Es ist der Augenblick, an dem einem beim Lesen und Warten der Atem stocken möchte. Sie „verstarb“. Eine Wahrheit, und doch eine Lüge. Als wüsste nicht jeder, was mit den Euthanasieopfern tatsächlich passierte. Als hätte nicht der Journalist Jürgen Schreiber ein Buch über das grauenhafte Schicksal von Richters „Tante Marianne“ geschrieben („Ein Maler aus Deutschland“).

Marianne Schönfelder „verstarb“ nicht, sie wurde umgebracht, starb den „Medikamenten-Hunger-Tod“. Sie verendete jämmerlich am 16. Februar 1945 in der Psychiatrie des sächsischen Großschweidnitz, nachdem sie zuerst zwangssterilisiert und dann über viele Jahre mit einer Überdosis an Tabletten und methodischer Unterernährung in den Tod getrieben worden war. Wie mehr als 400.000 andere Menschen auch.

Für die Staatlichen Museen aber verstarb sie nur. Niemand möchte hier boshafte Absicht unterstellen. Doch was ist es dann? Ahnungslosigkeit? Geschichtsvergessenheit? Schlamperei? Jedenfalls ist es ein Grund, das heikle Informationsblatt schleunigst aus dem Verkehr zu ziehen. Und den vielen Wartenden die Wahrheit über „Tante Marianne“ zu erzählen.

Lesen Sie hier mehr zur Neuen Nationalgalerie:


Quelle: Der Tagesspiegel

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin

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