Berliner Bausünden

Der liebevolle Blick

Wenig liebevoll: Der Schlossplatz mit der Humboldt-Box im Oktober 2011.
Wenig liebevoll: Der Schlossplatz mit der Humboldt-Box im Oktober 2011.
Schloßplatz - Für die Frage müsste man sich fast schon schämen: Fallen Ihnen spontan fünf Bausünden in Berlin ein? Natürlich kann Buchautorin Turit Fröbe wohl mehr schräge Bauten aus dem Ärmel schütteln als jeder andere Berliner. Dabei weiß sie weiß gleichzeitig aber zu erklären, warum gerade die sündigen Bauten unsere Stadt bereichern.

„Wenn man sich Bausünden ansehen möchte, findet man am Schloßplatz alles was man braucht“, schießt Fröbe dann doch heraus. Zuerst fand wohl auch sie die Frage banal – schließlich ist die Wahlberlinerin Autorin des kürzlich erschienenen Buches „Die Kunst der Bausünde“. Dann geht die gedankliche Anti-Architektur-Führung aber doch los: „Die Humboldt-Box – unglaublich.“, die Bauakademie, natürlich das Alexa. Oh Gott, und dann noch weiter hinten das Ahornblatt und seine Folgebebauung. Kennt man das noch? Im Jahr 2000 wurde die wortwörtlich aneckende Großgaststätte platt gemacht und musste einem unauffälligen Mittelklassehotel weichen. Dabei hatte es das Ahornblatt an der Gertraudenstraße zur Eröffnung 1973 auf eine Briefmarke der DDR und in die Köpfe der Leute geschafft. Oder der Dom! Schon damals völlig anachronistisch zum industriell geprägten Zeitgeist. Der Blick stolpert sofort über dieses Gebäude am Spreeufer. Was die Intention der Macher der Humboldt-Box war, darüber rätselt und lacht Fröbe noch heute gerne.

Gute Bausünde, vitale Stadt

Wenn sie von den archtektonischen Fehlgriffen erzählt, egal ob von den monumentalen oden den ganz kleinen, dann klingt sie immer euphorisch, vollends interessiert, forschend und neugierig. Sie spricht mit Herz und viel Gespür für die Gedankenwelt der Bauherren, deren Ergebnisse vielleicht erst Jahre später in den Status einer Bausünde erhoben wurden. Fröbes Begeisterung liest man auch aus den knappen Essays und Bildunterschriften in ihrem Fotoband heraus. Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Kann man Bausünden nur lieb haben, wenn man auch von Natur aus ein frohgemuter Mensch ist? Alles locker, alles tolerant sehen? Fröbes Frohsinn hat wenig mit ihrem Blick auf die Häuser zu tun: Den Wert einer Bausünde für die Ästhetik, mehr noch, den Charme einer Stadt zu erkennen, fiel auch der Architekturexpertin anfangs nicht leicht. Heute weiß sie, und vermittelt es ihren Studenten von der UDK Berlin, dass gerade vermeintlich hässliche Gebäude einen emanzipativen Charakter haben; für die Stadt und für die Bevölkerung.

Denn gerade Berlin ist bekannt und geliebt für seine eigenwilligen Strukturen – ein Fakt, den Touristen zu schätzen wissen, der aber von der Politik völlig missdeutet wird. Anders lassen sich die großflächigen Abriss-Aktionen, die Stadt-„Verschönerungen“ nicht erklären, die investorgesteuerte, gesichtslose Hochglanzbauten, die überall in die Stadt gepflanzt werden. Eine gute Bausünde – expressiver Ausdruck freier Architekturkunst und eines prägenden vormaligen Zeitgeistes – spräche Bände über die Befindlichkeit einer Stadt. Einer Stadt, die bereit ist, Risiken einzugehen und Ausnahme-Ideen eine Chance zu geben, sagt Fröbe.

Die Beleidigung fürs Auge ist ja keine Absicht

Dabei gibt es auch kleinere Ausrutscher in Berlin als die blaue Box an der Museumsinsel. So manch eine kleine Villa in Grunewald sei aus heutiger Sicht bestenfalls einzigartig und in Lichtenrade fänden sich mit überformten Häuschen und Dächern wahre „Bausünden-Nester“ – die man nur als direkter Anwohner auf dem täglichen Fußweg mitbekomme, so Fröbe. Und auch das nur, falls man den Blick hebt. Nur, wann tut man das noch? Gerade das alltägliche Umfeld nimmt man doch am wenigsten wahr. Auch gegen solche Abstumpfung trumpft Fröbe mit alternativer Herangehensweise auf.

Würde man nur kurz innehalten, merkte man: „Hey, es geht hier nicht um mich.“ Dann macht es bald Spaß, sich immer wieder zu überlegen: Wie kam der Bauherr auf diese Idee? Was steckt dahinter? Es geht darum, vor dem Urteilen „die Vorzeichen zu ändern“, meint Fröbe, mal „Urlaub in der eigenen Stadt machen“, sich wertneutral auf die Umgebung einzulassen. Dass sich der liebevolle Blick irgendwann von alleine einstellt, merkt man spätestens, wenn die Anwohner anfangen, der Sünde einen Namen zu geben. Tolles Beispiel: Das Turmrestaurant Steglitz. Die Macher wollten an einen Baum erinnern. Jeder kennt es nur als: den Bierpinsel.

Für 2014 entsteht Turit Fröbes neuer Bausünden-Abreißkalender. Ihr Buch im Handel: „Die Kunst der Bausünde“, Hardcover, 180 Seiten, 16,99 Euro, Bastei Lübbe. Mit sehr vielen Bildern aus Berlin, aber jeder Zugewanderte wird auch seine Heimatstadt darin wiederfinden:

Humboldt-Box, Schloßplatz 5, 10178 Berlin

Telefon 0180 5030707

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Montag bis Sonntag von 10:00 bis 20:00 Uhr

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