Zentrum der Ernährungswende

3 x 1 Buch "Berlin isst anders." vom Ernährungsrat Berlin

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Etwa ein Drittel der klimaschädlichen Gase sind auf die heutige Form der Ernährung zurückzuführen. Immer mehr Menschen leiden an Allergien und Übergewicht und die Hartz-IV Sätze reichen nicht aus für eine ausgewogene Ernährung. Die gute Nachricht: Berlin hat das Potenzial, zu einem Zentrum der Ernährungswende zu werden. Das Buch "Berlin isst anders" geht diesen Themen auf den Grund. Wissenschaftlerin Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen hat dazu eine Rezension geschrieben. Wir verlosen drei Exemplare ...

Das Buch des Berliner Ernährungsrats beginnt mit der überraschenden Feststellung, dass Berlin heute eine Art Hotspot einer sich weltweit verbreitenden Ernährungswende ist. Es ist denkbar, dass es nirgends sonst in Europa eine so große Dichte von Bioläden, Gemüse- und Ökomärkten, Bauern- und Gemeinschaftsgärten und andere Initiativen der solidarischen Landwirtschaft gibt. Berlin war eine der ersten Städte, die 2015 während der Weltausstellung das Mailänder Abkommen (Milan Urban Food Policy Pakt) unterzeichnete, in dem sich Städte weltweit auf die Umstellung auf nachhaltige Ernährungssysteme verpflichteten. Das bedeutet: die Städte wollen – im Anschluss an Rio 1992 – sozial gerechte Versorgungssysteme fördern, den Abfall minimieren, die Biodiversität bewahren sowie dem weiteren Klimawandel entgegenwirken. Dazu wollen die Kommunen alle beteiligten Behörden und Akteure nicht zuletzt der Zivilgesellschaft samt Kleinerzeugern (!) einbinden.

Das ist bitter nötig, denn rings um Berlin herrscht heute eine den Klimawandel befördernde Agrarödnis, die Kleinbauern den Garaus macht. Mit dem Treibstoff-Produzieren statt dem Gemüseanbau werden unsere ohnehin trockenen Böden zusätzlich verwüstet, was die Tierwelt vertreibt samt Insekten, Biodiversität generell und sogar die raren Wolken. Denn in Brandenburg war 20 verlorene Jahre lang eine Politik vorherrschend, die keinerlei Verständnis für eine arbeitsplatzerhaltende Versorgung der Städte mit regionalen (Bio-)Erzeugnissen hatte. Und das obschon neueren Umfragen zufolge 83 % der Bevölkerung regionale Produkte bevorzugt (S.62).

Diese klimafreundliche Versorgung war vor 150 Jahren noch gegeben: um 1870 ernährten Brandenburger Kartoffelbauern mitsamt ihrem Milchvieh die wachsenden Städte inklusive Berlins. Sogar in Berlin selbst wurden bis in die 1920er Jahre hinein Milchkühe gehalten. Auf den Höfen am Stadtrand wurden systematisch Gemüse für die Berliner Märkte angebaut. „Appelkähne“, Eisenbahnen und Pferdefuhrwerke brachten das frisch Geerntete nebst Butter und Quark täglich auf die Märkte und Großmärkte. Damals allerdings prägten Klassenunterschiede die Verzehrgewohnheiten. Das Angebot der „Kolonialwaarenläden“ wie Zucker, Kaffee, Kakao, Tee, Zimt und Kardamom war defacto den Besserverdienenden vorbehalten ähnlich wie auch der Sonntagsbraten. Die Armen mussten sich mit Kartoffeln begnügen, berichten uns die Autorinnen, vergessen jedoch „Kraut und Rüben“ (wie Kohl und Steckrüben) zu erwähnen – die samt Erbsen, Linsen und Bohnen zu Kartoffeln, Gries und Graupen und Speck gute Teile der Fach-Arbeiterschaft hinreichend (oder sogar gesünder?) versorgte, solange sie nicht erwerbslos wurden. Die Lebensmittel aus Brandenburg umfassten von der Ackerbohne bis zum Weißkraut, Hirse, Leinöl, Roggen oder Schmorgurke und auch Speck, Milch und Butter – alles tatsächlich „von hier“.

Die erste Berliner Konservenfabrik war eine Gründung des Militärs. Dann förderten zwei Weltkriege und die anschließenden Weltwirtschaftskrisen, und dann ganz extrem die Politik der letzten 30 Jahre in Berlin wie überall auf der Welt eine gnadenlose Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel. Das Ergebnis sind gigantische Supermärkte, die kleineren Bauern nichts abkaufen und hierzulande wesentlich in den Händen von vier Konzernen sind. Die Zulieferer, ja die ganze Landwirtschaft wurde(n) dem gnadenlos angepasst und so vor allem Familienhöfe aus dem Felde geschlagen. So ist für uns heute garantiert, dass eine Fertigpizza vom Discounter aus Zeugs von bis zu fünf Kontinenten zusammengesetzt ist. Die Folge der verfehlten Finanzpolitik der letzten 20 Jahre ist nicht nur das Hochtreiben der Wohnungspreise verantwortlich, was Wenigverdienenden kaum noch Geld für den Einkauf von Lebensmitteln lässt, sondern auch das rasante Steigen von Bodenpreisen um über 200%, die heute Junglandwirten das Kaufen von Land verunmöglicht.

Dieses System beliefert die Berliner zwar jederzeit mit frischen Lebensmitteln in Hülle und Fülle, führt jedoch zu einer negativen CO2 Bilanz und zum Klimawandel, da in jedem Lebensmittel viele, viele Kilometer Fahrzeit stecken und die Großstrukturen ein vermehrtes Vernichten von übriggebliebenen Lebensmitteln mit sich bringen. Vor allem jedoch führen die vielen Fertiglebensmittel, die in den Supermärkten angeboten werden, zur seuchenartigen Zunahme von ernährungsbedingten Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes, Darmkrankheiten, Stoffwechsel- und Autoimmunkrankheiten.

Eine Wende ist angesagt und entsprechend erforschten in jüngster Zeit diverse Berliner Universitäten und Institute die Möglichkeiten einer klimakompatiblen Ernährungsweise. Die „Diet for a small planet“ der 1970er Jahre wurde von Wissenschaftlern aus 16 Ländern am dem Potsdamer Klimainstitut als „Planetary Health Diet” neu aufgelegt. Die erst jüngst einberufene Kommission zur Zukunft der Landwirtschaft forderte eine grundlegende Transformation und eine Verabschiedung einer Wirtschaftsweise, die weder ökologisch, noch ökonomisch und sozial zukunftsfähig“ sei (S.56f). Das Forschungszentrum in Müncheberg sieht die Maisfelder in deutlichem Wiederspruch zu einer nachhaltige Lebensmittelversorgung Berlins, könnten doch 100% statt nur – wie derzeit der Fall – 27% von Erbsen und Bohnen, 21% der Äpfel und Birnen oder 6% der in Berlin verspeisten Tomaten aus Brandenburg kommen (62). Die Landwirtschaft müsse kleinräumiger werden und vielfältiger, stellt das Autorenkollektiv fest. Und zahlreiche Biobauern-Initiativen in Brandenburg hätten auch bereits gezeigt, dass das geht. Im Buch werden einige der Bekanntesten von ihnen wie etwa das „Ökodorf“ Brodowin vorgestellt. Zudem werden vielversprechende neue Ansätze geschildert wie die Forstäcker am Rande des Spreewalds oder die Waldäcker von Schmerzwitz im Fläming nebst dem Agroforstsystem-Versuch im Löwenberger Land (nördlich von Oranienburg, S.71). Auch gibt es in Brandenburg Initiativen, die Geld sammeln, um Land für die Biolandwirtschaft vorhalten zu können, wie etwa „Olela“ und die Regionalwert AG (S.78f). Die Initiative „Ackercrowd“ pflanzt Bäume, um die Bodenfruchtbarkeit zu fördern. Es gibt erfolgreiche „Solidarische Landwirtschaften“ und „Tiny Farms“, auf denen Teilzeitbauern Gemüse für Berliner Schüler anbauen (S.86f). Um die Distribution zu fördern, gibt es „Schnittstellen“ für eine nachhaltige Lebensmittelverteilung und „Food Coops“ nach New Yorker Modell (92f). Vor allem aber, meinen die Autorinnen, hätten die zahllosen neuen Gemeinschaftsgärten in Berlin zu einem tieferen Verständnis für gutes Gemüse beigetragen (S.97ff). Interkulturelle Gärten halfen Flüchtlingen wortwörtlich Boden unter die Füße zu bekommen. Engagierte Gemeinschaftsgarten-Förderer in den Stadtverwaltungen verhalfen verrufenen Plattenbausiedlungen wie in Marzahn zu einer grünbunten Vererdung. (S.108ff). Engagierte „Gemüse-Ackerdemien“ diverser Arten sowie die alteingesessene Gartenarbeitsschulen bringen Schulkindern die Erdbearbeitung nahe und damit auch das Nachdenken und Erfahren des Geschmacks von frisch Geernteten.

Das Elend des Vernichtens von noch guten Lebensmitteln gehen in Berlin schulemachende Initiativen wie die Berliner Tafel an, die seit 30 Jahren Übriggebliebenes von Supermärkten, Restaurants und Events einsammelt, um es an Bedürftige und soziale Einrichtungen zu verteilen. Wie in den USA schon länger trifft man an den Ausgabestellen zunehmend mehr Einkommensarme, die wegen zu hoher Mieten, durchbrochener Erwerbslosigkeitszeiten oder Frauenlöhnen im Gesundheitsbereich, auf die Ergänzung ihres allmonatlichen Warenkorbs durch die Tafeln angewiesen sind. In jüngster Zeit kamen Lebensmittelretter, die aus Abfall-Containern noch Essbares retten mit ihren Fairteilern hinzu.

Beeindruckend ist, dass die Autorinnen sich nicht scheuen, auch die weniger appetitlichen Seitens des Ernährungskreislaufs anzusprechen: Es ist hinsichtlich des Ressourcen-Recyclings unklug das für einen gedeihlichen Gemüseanbau notwenige Phosphor, Nitrat etc. in das Abwasser zu entlassen, ohne es wieder aufzufangen. Früher fing man diese Mikronährstoffe, die die Pflanzen brauchen, mittels der Berliner Rieselfelder wieder auf, wo Gemüse gezogen wurde. Da dort aber auch Industrieabwässer mit ihren giftigen Resten und der Reifenabrieb der Straßen landeten, beendete man in den 1990er Jahren den Gemüsebau auf den Rieselfeldern: zu viel Schwermetalle und andere Gifte. Eine das Phosphor recycelnde Kläranlage gibt es für Berlin bisher nur in Waßmannsdorf.

Mutmachend ist der Ausblick nach Paris, wo die eine neue Bürgermeisterin in nur ganz wenigen Jahren, eine (allerdings bereits seit 2003 darauf vorbereitete) Stadtverwaltung dazu bewegen konnte, auf Dächern, entlang von Hauswänden, auf alle möglichen Brachen und wo es sonst irgend geht, Gemüse anbauen zu lassen und so dem Klimawandel durch Begrünung entgegenzutreten. In Berlin sollen besonders in neuen „Lebensmittelpunkten“, wie dem im „Baumhaus“ im Wedding, beim gemeinsamen Kochen und Speisen eine Klimaverträgliche Ernährungskultur ausgedacht werden. Insbesondere schlägt der Berliner Ernährungsrat einen „Ernährungscampus“ vor (wie er ev. im leerstehenden Tempelhofer Flughafengebäude denkbar wäre) als dem Ort der offenen Debatte des Wie des notwendigen Ernährungswandels und Verabschiedung der unsinnige Projekteförderung.

Wenn allerdings die von einem rot-grün-roten Berliner Senat angekündigten Maßnahmen zum Klimaschutz vom Juli 2021 (!) das Thema Ernährung noch nicht einmal erwähnen (S.201), ist das ein extrem bedenkliches Zeichen. Denn schließlich ist unser derzeitiges Versorgungssystem – je nach Berechnung – bis zu einem guten Drittel für den Klimawandel mitverantwortlich. Denn, möchte die Verfasserin ergänzen, noch immer geht die Regenwaldabholzung zwecks Sojafutter für Schweine in Megaställen jeden Tag weiter. Derlei Lebensmittel sollten mit Rücksicht auf Klima und Gesundheit daher in öffentlichen Kantinen generell nichts mehr zu suchen haben, schon gar in Krankenhäuser. Da gehören starke Vorgaben aus der Politik her, denn in den dem Bereich wurde in Berlin „rechtzeitig“ alles privatisiert. Die Forschung spricht daher gerne von einem „Ernährungsregime“ statt von lediglich einem zu ändernden Ernährungssystem. Denn die Ernährungskonzerne bestimmen heute über die Finanz- und Agrarlobby die Politik mit. Forderung der Ernährungsräte sollte daher die Förderung des regionalen Lebensmittelhandwerks sein. Hygieneregeln, die die Industrialisierung in der Lebensmittelerzeugung erzwang, dürfen nicht zu Lasten der Kleinerzeuger gehen. Die Kommunen brauchen – um etwas bewegen zu können – die Unterstützung der Bundes- sowie der Europa-Politik. In Berlin braucht die kommunale Ebene der Bezirke deutlich mehr Mittel für eine ernsthafte Grünpflege und Erhalt seiner Äcker in eigenen Händen. Die Bezirke dürfen Gärtnereien und Gärten nicht mit derartig verrückten hohen Pachten belasten wie derzeit der Fall. Und Berlin sollte schleunigst ein Gesetz erlassen, dass verhindert, in jahrzehntelanger Arbeit aufgebauten Humus- und Gartenboden dem Gebäudebau zu opfern. Gebaut werden kann auf Abriß- und Bauschuttgrundstücken oder auf zur Gemüsezucht nicht geeigneten Böden. Sinnvoll ist ein eigenes Landwirtschaftsministerium, dass nicht Mauerblümchen einer überlasteten Justizverwaltung sein darf.

Frankreich macht es vor und tatsächlich ist es äußerst sinnvoll, wenn Städte zusehen, durch die Schaffung neuer Gemüseanbau-Gürtel rings um die Städte und die Förderung des urbanen Gardenings zu setzen. Das herausgearbeitet zu haben, ist das besondere Verdienst dieses Buchs des Berliner Ernährungsrats. Es sollte allen Interessierten in Schulen und Hochschulen in die Hände gegeben werden.

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