Kommentar

Görli oder der ganz normale Wahnsinn in Berlin?

Görli oder der ganz normale Wahnsinn in Berlin?
Friedliche Besucher treffen im Görlitzer Park auf harte Kriminalität.
Geht es um die Rechte von Drogendealern oder um die Sicherheit der Bevölkerung? Politik und Anwohner sind in Sachen Görlitzer Park uneins und wir würden zu gern wissen, ob Berlin noch zu retten ist…

Die Geschichte der Droge ist so alt wie die Menschheit selbst. Auf der ganzen Welt berauschten sich frühe Vorfahren kauend an der Betelnuss, sie bauten Opium an oder ernteten Marihuana, das wild und frei wuchs. Und weil Nachfrage auch immer jemanden generiert, der daraus ein Geschäft macht, gab es sicher auch Dealer im Fellhöschen mit dem Knüppel in der Hand. Nun: Heute ist heute und es hat sich in Sachen Vernunft, Gesundheit und Zivilisation einiges getan. Geblieben sind die Dealer und der Wunsch, mit Substanzen der Realität zu entfliehen. Ob nun bieder bei einem Bier nach Feierabend oder alternativ mit einem Joint im Park. Und damit sind wir direkt im Görli, dem Park, der unsere Stadt spaltet…

Besonderer Kiez

Der Görlitzer Park liegt mitten im alten Bezirk SO 36. So hieß dieser Teil von Kreuzberg, als es noch unter dem Radar lief, als sich hier Künstler und Studenten ein Viertel aufbauten, in dem alles möglich war, aber nichts so sein musste wie im restlichen West-Berlin. Ein Space Cookie gehörte hier zum Frühstück wie ein Drogen-Trip zum Wochenende. Das muss man wissen, um den Parkrat zu verstehen, der bei allem, was Bezirk und Polizei zugunsten der Sicherheit im Görli vorschlagen, Angst hat, seinen Kiez an das Spießbürgertum zu verlieren. Der Parkrat besteht aus Anwohnern, die das alte Kreuzberg weiterleben. Nach innen und nach außen.

 

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Ein Beitrag geteilt von Steve Morrison (@headbeeguy) am Okt 4, 2016 um 9:40 PDT

Allerdings gibt es statt besetzter Häuser nun Luxus-Lofts, statt Freaks prägen Durchschnittshipster das Straßenbild und der 1. Mai ist eine Touri-Attraktion. Die Toleranz der Ureinwohner wird an allen Ecken überspannt. Auch im Görli, der erst Ende der 1980er Jahre entstand und doch als Herzstück angesehen wird. Trotz Vermüllung, Drogen und Gewalt betrachtet man ihn weiterhin als Familienpark. Erst als bis zu 200 Dealer hier um Kunden kämpften, wurde es der Politik zu viel, mühte sich die CDU mit der Null-Toleranz-Strategie bis 2016 sinnlos ab, fährt man jetzt gegenteilige Kurse: Von Realitäten ist die Rede, mit denen man einen Umgang finden müsse. So stehen konzeptionell drei Imbisswagen gegen einen Zaun, der den Park nachts abschließbar machen soll, Gespräche werden geführt, Zugangskontrollen debattiert und die 15 Gramm Eigenbedarf machen Polizeibeamte zu Opfern, weil sie in Dauerschleife Dealer verhaften, die am nächsten Tag wieder an ihrem Stammplatz im Park stehen.

Ratloser Berliner Senat

Der gesunde Menschenverstand lässt vermuten, dass mit der Imbisswagen-Idee die Hilflosigkeit der Ämter auf dem Höhepunkt ist. Die Belebung des Parks in der Nacht hält keinen Kriminellen auf, wenn er nichts zu befürchten hat, wenn er Straftaten begeht. Auch tagsüber florieren die Geschäfte zwischen Picknickern und spielenden Kindern. Egal, denn der Parkrat spricht sich konsequent gegen alles aus, was die Freiheit im Kiez einschränken würde. Ja, bei den (müllarmen und alkoholfreien) Imbissen befürchtet man, die Kommerzialisierung des Parks könnte voranschreiten. Solche Sturheit bringt jeden, der versucht, die Lage im Park zu verbessern, zur Verzweiflung. Wie Parkmanager Cengiz Demirci, der vor mehr als zwei Jahren sein Amt aufnahm und mit Hilfe von Parkläufern seither Müll und Randale mindert. Als er im Mai bei einer Diskussion mit Dealern die Nerven verlor und mit Sprühkreide markierte, wo sie stehen könnten, damit Besucher trotzdem ungestört in den Park kommen, erreichte er nichts, brachte den Park aber mal wieder in die Schlagzeilen.

 

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Ein Beitrag geteilt von Artistic Twist To Travel (@kanebonketravels) am Dez 16, 2016 um 3:42 PST

So wie es ist, kann es nicht bleiben. Hier geht es nicht nur um Cannabis. Welche Kreuzberger Mutter würde dem Dealer nicht die Augen auskratzen, der ihren Sohn auf Crystal Meth bringt? Welcher Vater aus dem Kiez bleibt tolerant, wenn die Tochter anschaffen muss, um Heroin zu kaufen?  Selbst Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann von den GRÜNEN schwimmt angesichts zunehmender Gewaltkriminalität und Raubverbrechen im Meer sperriger Politikeraussagen: „In der Größenordnung, wie wir es jetzt haben, dass an fast allen Eingängen und im Hinterland und vor allem im Kiez so viele Leute stehen, die illegal Drogen verkaufen, da kann man nur sagen, ist es das Ziel, dass das aufhört“, zitiert sie der RBB wenig wortgewandt. Die Sicherheit der Bürger sieht sie übrigens im Verantwortungsbereich des Berliner Innenministers…

Von Neukölln lernen

Coffeeshops mit Cannabis-Zulassung würden nach Kreuzberg passen, aber harte Drogen haben in ganz Berlin nichts zu suchen. In Neukölln wird seit kurzem medienwirksam gegen Clans vorgegangen, die übrigens auch die Görli-Dealer mit Stoff versorgen sollen. Der dort zuständige Bezirksbürgermeister Martin Hikel kassiert für seine radikale Politik wenig Lob und viel Häme. Inszeniert sei das alles, ein Fliegendreck im Vergleich zur Clan-Krake, die ganz Berlin umfasse. Aber ganz ehrlich, abwarten, bis sich Probleme von allein lösen, hat bisher immer in die Katastrophe geführt. In New York hat sich gezeigt, dass Prävention, Konsequenz und Bürgerinitiativen effektiv sein können. Der Central Park ist längst keine No-Go-Area mehr. Es ist noch nicht zu spät: Rettet den Görli, rettet Berlin.

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