Clubs in Berlin

Endlich amtlich: Hier findest du die Griessmuehle im Exil

Griessmuehle Club von außen
Diese Tür schließt sich am 3. Februar zum letzten Mal: Der Club Griessmuehle in Neukölln.
Die Berliner Clubkultur ist in Gefahr. Das ist nichts Neues. Außergewöhnlich ist aber die Geschichte der Griessmuehle: Sie hat überlebt, obwohl ein Investor ihre Heimat modernisieren und teuer verkaufen wird. Alles, was du über den Kampf des Clubs wissen musst und wo er jetzt seine Partys schmeißt, steht hier.

Ja, es stimmt, die Griessmuehle muss weg. Am 3. Februar werden die Bässe des Clubs in der Sonnenallee verstummen. Aber nicht für immer. Während rund um das Club-Areal in der Neuköllner Sonnenallee gebaut wird, finden alle Partys der Griessmuehle im Exil statt und jetzt ist auch bekannt, wo! In einer Pressemitteilung verkündete das Team: „Wir sind über alle Maßen glücklich, dass die Berliner Kulturstätten untereinander solidarisch zusammenhalten und wir somit bekannt geben können, dass unser Kulturprogramm zu großen Teilen in das Programm der Alten Münze vorübergehend integriert werden darf. Unsere Mittwochs- und Donnerstagsveranstaltungen fnden erstmal im Polygon Club Unterschlupf“. Und das schon ab Ende Januar.

Alle anderen Veranstaltungen wie das Mobile Kino, den hauseigenen Poetry Slam und die Partys vom Wochenende kannst du ab dem 7. Februar in der Alten Münze in Mitte besuchen. Die Übergangslösung dort soll erst einmal zwei Monate bestehen. Auch für den eigenen Plattenladen auf dem Clubgelände, Latitude Records, scheint es schon eine neue Heimat in Neukölln zu geben, der Standort ist bisher aber nicht bekannt. Nur das Bistro CC Neukölln fällt dem Kampf um die Griessmuehle zum Opfer. Auch hier gibt es jedoch gute Nachrichten: Schon im Frühjahr wird das Team sich voraussichtlich mit einem anderen gastronomischen Konzept in Neukölln austoben.

Das steckt hinter dem Umzug der Griessmuehle

Dieser Knall hatte nichts mit der großen Silvesterfeierei in der Griessmuehle zu tun: Der Club startete am 30. Dezember 2019 eine Kampagne mit dem Namen SOSSave Our Spaces. Dazu gehören ein Video und eine eigens angelegte Webseite. Die Botschaft ist klar: Liebes Berlin, bitte erhalte unsere Clubs! Denn sie sind nicht nur Orte zum Feiern. Sie sind längst zu kleinen Enklaven für diverse Subkulturen geworden, zu Freiheitstempeln für alle, die durch das mittlerweile berühmte Berliner Nachtleben pilgern. Die abschließende Forderung der Griessmuehle: Clubs sollen als Kulturstätten anerkannt und ihr Bestehen dauerhaft gesichert werden. Aber sieh selbst:

Dass der Neuköllner Club gerade jetzt um Hilfe schreit, kommt nicht von ungefähr. Die Kampagne beinhaltet auch einen aussagekräftigen Hashtag: #savegriessmuehle. Denn die Griessmühle in ihrer jetzigen Form steht vor dem Aus. Ihr Mietvertrag endet am 31. Januar 2020 und wird nicht verlängert. Das bedeutet nicht nur das Aus für eine legendäre Clublocation und beliebte Partyreihen wie Cocktail d’Amore, sondern auch für einen etablierten Kunstort, einen festen Standort für das Mobile Kino, den eigenen Flohmarkt, Ping Pong Partys, den Plattenladen der Griessmuehle und das eigene Bistro auf dem Gelände. Und das, obwohl der besondere Club viele seriöse Unterstützer*innen hat: Dazu zählen die Clubcommission, Neuköllner Bezirkspolitiker*innen, die Wirtschaftsförderung Berlin und Kultursenator Klaus Lederer persönlich. Am 22. Januar haben Politiker*innen in der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln sogar beschlossen, sich für die Rettung des Clubs einzusetzen. Parallel gab es vor der Tür des Neuköllner Rathauses eine friedliche Kundgebung, organisiert von der Griessmuehle und der Clubcommission.

Sogar mögliche Investoren hat die Griessmuehle schon gefunden, die nicht nur das Grundstück in Neukölln kaufen, sondern auch den Fortbestand des Clubs sichern würden! Der Hintergrund: Schon in den vergangenen vier Jahren war der Mietvertrag der Griessmuehle immer wieder auf ein halbes Jahr befristet. Jetzt gibt es eine Baugenehmigung für das Grundstück, auf dem sie sich befindet. Und damit auch beste Aussichten, das Ganze teuer zu verkaufen. Klar ist, dass im Februar die Bagger rollen und die Griessmuehle während der Bauarbeiten nicht betrieben werden kann.

Wer steckt hinter den Plänen für die Sonnenallee 221?

Das Gelände der Sonnenallee 221, auf dem sich die Griessmuehle befindet, gehört der SIAG Property II GmbH, die das Areal nun verkaufen möchte. Verwaltet wird es von der Firma S Immo Germany GmbH, die sich auf die Fahne schreibt, Bestandsobjekte an Orten mit hohem Entwicklungspotential zu kaufen und daraus Gewinn zu schlagen. Das schafft sie mit Wohn-, Büro- und Gewerbeflächen. Das ehemalige Finanzamt Neukölln in der Sonnenallee 223, den Nachbarn der Griessmuehle, hat die S Immo Germany schon aufgehübscht und dann für 12 Millionen an einen anderen Investor verkauft. Sie bezeichnet das Areal auf der eigenen Homepage als einen „Ort, für den es bereits große Zukunftspläne gibt.“ Ob diese Pläne auch die nahe Griessmuehle einschließen?

 

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Ein Beitrag geteilt von You can call me Kat or Boo (@katbayer) am Dez 28, 2019 um 10:46 PST

Darf die Griessmuehle nach Neukölln zurückkehren?

Um sich bei der SIAG und S Immo Gehör zu verschaffen, ging die Griessmuehle in die Offensive: Die Online-Petition zu der SOS-Kampagne unterschrieben bisher mehr als 48.000 Menschen, noch immer ploppen die Namen neuer Unterzeichner*innen auf. Dabei ist ein Teil der Forderungen inzwischen erfüllt: Nach langer Funkstille fand endlich ein Austausch auf Augenhöhe zwischen Eigentümer und Club statt. Es geht in der Petition aber auch um die Berücksichtigung der Griessmuehle-nahen Investoren im Verkaufsverfahren.

Doch das ist vielleicht gar nicht nötig. In einer Mitteilung der Clubcommission heißt es auch, dass sich die Grundstückseigner prinzipiell einen Clubbetrieb auf dem Gelände vorstellen können, ebenso wie einen Veranstaltungs- und Gastronomiebetrieb auf dem Areal. Allerdings erst nach dem Umbau. Auch nachdem die Griessmuehle bekanntgab, an welchen Orten sie während der Bauarbeiten weiterfeiern wird, hält sie daran fest, eines Tages in die Sonnenallee zurückkehren zu wollen. Oder aber eine passende Alternative für den Clubbetrieb zu suchen. Um diese Möglichkeiten zu prüfen, sicherte die S Immo ihre Teilnahme an einem gemeinsamen Workshop mit der Clubcommission zu. „Wir können uns auch vorstellen, dass bereits während der Bauphase in den nächsten Jahren ein temporärer Ort auf dem Gelände geschaffen wird, der dem Neuköllner Geist entspricht“, sagte der Geschäftsführer der Grundstücksverwaltung.

Der alte Charme der Griessmuehle ist damit definitiv passé, die letzte Party darf vom 1. bis zum 3. Februar stattfinden.

Die Griessmuehle könnte Berlins Clubkultur revolutionieren

Zusätzlich bemüht sich die Griessmuehle mit ihrer Kampagne aber nach wie vor um eine Perspektive für die Clubkultur in Berlin allgemein. Es geht um Bestandsschutz, die Anerkennung von Clubs als Kulturstätten und alternative Standorte für bereits bedrohte Clubs. Dazu zählt zum Beispiel auch das About Blank, das irgendwann wohl dem Bauprojekt der A100 in Treptow zum Opfer fallen wird.

Die Forderung, Clubs und kulturelle Zentren zu erhalten, haben auch die Unterstützer*innen aus der Politik übernommen. Im Antrag vor der Bezirksverordnetenversammlung hieß es, es wäre „für die Berliner Clubkultur, den Neuköllner Kiez aber auch für Berlin als Ganzes ein großartiges Zeichen, sollte es gelingen, auf dem Gelände Sonnenallee 221 eine Co-Existenz von Clubkultur und der angedachten gewerblichen Nutzung zu ermöglichen. Eine moderne Stadtentwicklung und der Erhalt kultureller Orte können Hand-in-Hand gehen!“

Oha, das klingt, als hätte Berlin schon zugehört, als die Griessmuehle ihr „Berlin, don’t break our hearts!“ herausgeschrien hat. Das tut gut, erst recht nachdem Ende November 2019 die Info aufploppte, dass der Sage Club mitsamt dem legendären Kitkat wohl in diesem Jahr das Feld räumen muss. Aber kann der gute Wille einen Club retten? Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Griessmühle, Sonnenallee 221, 12059 Berlin

Fast so schön wie eine echte Windmühle: Die Griessmühle in Neukölln.

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