Mit BMW Guggenheim in den unbekannten Osten

Die etwas andere Stadtrundfahrt

Blick aus dem Allianz-Büro im Treptower: Die Tour des Guggenheim Lab eröffnete eine andere Perspektive auf die Stadt - weg von der Zentrierung auf Mitte.
Blick aus dem Allianz-Büro im Treptower: Die Tour des Guggenheim Lab eröffnete eine andere Perspektive auf die Stadt - weg von der Zentrierung auf Mitte.
Seit das umstrittene BMW Guggenheim Lab auf dem Pfefferberg-Gelände eröffnet hat, ist es vergleichsweise ruhig um das Projekt geworden. Am Freitag und Samstag verließ der interdisziplinär tätige Künstler Maurice de Martin die Basis in Prenzlauer Berg und führte die Teilnehmer der von ihm organisierten Bustour zu sehenswerten Orten an der östlichen Peripherie Berlins.

Treffpunkt: 11 Uhr am Lab. Es geht mit dem Bus nach Ost-Berlin. Viel mehr wussten die meisten Teilnehmer des Ausflugs, der im Rahmen des BMW Guggenheim Lab am Freitag veranstaltet wurde, nicht. Erst vor dem Einstieg in den bereitgestellten BVG-Bus leistet der organisierende Künstler Maurice de Martin Aufklärung über das Tagesprogramm und erklärt den Titel „C-Zone“: Dieser beziehe sich nicht auf den real existierenden Tarifbereich der Verkehrsbetriebe (der außerhalb der Stadtgrenzen liegt), sondern auf das Gefühl, außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings unterwegs zu sein.

De Martin ist ein interdisziplinär agierender Künstler, der viele Jahre in Berlin als Musiker gearbeitet hat. Die Idee einer Stadtrundfahrt in die Peripherie kam ihm, als er gleichzeitig als Schlagzeuglehrer in Marzahn und musikalisch an der Schaubühne am Lehniner Platz tätig war. Deren Ensemble lud er damals zu einer Radtour in den Osten der Stadt ein, um seine Kollegen von dessen schönen Seiten zu überzeugen.

Ungewohnte Aussicht

Für das Guggenheim Lab hat de Martin die Idee wiederaufleben lassen. „Moving the centre of perception“ ist einer seiner Gedanken hinter der Tour – das Zentrum der Wahrnehmung vom (Stadt-)Zentrum wegzubewegen. Anschaulich wird das schon auf der ersten Station. Aus dem Allianz-Büro im 28. Stock des ‚Treptowers‘ – inzwischen das letzte des Versicherungskonzerns im Hochhaus mit der Allianz-Leuchtschrift – ist der Blick grandios. Er geht jedoch nach Norden und Osten, so dass man nichts von den bekannten Attraktionen der Stadtmitte sieht.

Im Anschluss führt die Tour zum Industriesalon Schöneweide, wo die Teilnehmer eine Führung über das ehemalige AEG-Werksgelände erwartet. Teile der beeindruckenden Industriearchitektur sind heute an Bootsbauer und Künstler vermietet, die restlichen großen Hallen stehen noch für Veranstaltungen und andere Nutzung zur Verfügung. In der Ausstellung des Industriesalons erklärt ein ehemaliger Arbeiter des Werks dessen frühere Produktion.

Beim Theater Karlshorst, vor dem der Bus als nächstes stoppt, besteht noch dringenderer Bedarf an neuen Nutzern. Derzeit gibt es in dem Gebäude, das dem städtischen Wohnungsunternehmen Howoge gehört, keine Heizung und nur eine Notbeleuchtung. Die Howoge sucht nach einem Mieter aus dem Kulturbereich, der einen seriösen Plan für eine langfristige Nutzung des zentral am S-Bahnhof gelegenen Theaters präsentiert. Nur fünf Minuten entfernt ist die Trabrennbahn Karlshorst das nächste Ziel. Sie hat ebenfalls schon bessere Tage gesehen und wurde zugunsten einer Neubausiedlung verkleinert. Doch immerhin ist die Reitsportstätte in Betrieb und die Besitzer arbeiten engagiert daran, ihre Zukunft zu sichern. 2013 findet die Weltmeisterschaft der Islandpferde in Karlshorst statt.

Ohne Menschen keine Kunst

Auf dem Weg zum Müggelturm, dem letzten Etappenziel der Tour durch die „C-Zone“, steigt Doris Thyrolph zu. Die Kulturamtsleiterin des Bezirks Treptow-Köpenick nennt sich eine Lokalpatriotin und zieht den Großen Müggelsee jederzeit dem Wannsee vor. Im Vorbeifahren erklärt sie engagiert die kulturellen und baulichen Highlights Köpenicks. Überhaupt liegt darin eine der Besonderheiten von Maurice de Martins Stadtrundfahrt. Der Künstler hat die lokalen Experten und Führer mit Bedacht ausgewählt. An fast jedem Halt der Tour treffen die Teilnehmer auf Menschen, die sich leidenschaftlich für ihre Arbeit und ihren Stadtteil einsetzen.

Am Müggelturm informieren die Herren Belitz und Scheffler vom Heimatverein Müggelheim respektive Tourismusverein Treptow-Köpenick über die wechselvolle Geschichte und ungewisse Zukunft des Aussichtspunkts. Zum Abschluss genießen die Tour-Teilnehmer den herrlichen Blick von der Plattform des Turms, auf der man immer wieder aufs Neue von der Größe Berlins überrascht wird.

Was sich wie eine normale Stadtrundfahrt zu selten besuchten Orten der Hauptstadt anhört, hat tatsächlich mehrere Ebenen. Für Maurice de Martin handelt es sich um Kunst, wenn auch um flüchtige. „Das Werk manifestiert sich in einer Bustour und dann ist es wieder weg“, erklärt er. Die Tour leitet der Künstler mit ironischer Distanz zu den Sponsoren. Zu seinem Werk gehört die Kommunikation mit und unter den Teilnehmern, deren Zahl er absichtlich auf rund 20 begrenzt hat. De Martin misst außerdem der menschlichen Fähigkeit zur Improvisation hohe Bedeutung bei – weswegen er nicht unglücklich darüber ist, dass auf dem Weg zum Müggelturm ein Umsteigen in Taxis erforderlich wurde. Der Gelenkbus der BVG hatte Probleme mit einer Kurve.

Weitere Informationen zu Maurice de Martin gibt es auf der Webseite des Künstlers.

Die etwas andere Stadtrundfahrt, An den Treptowers, 12435 Berlin

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