Zeltlager an der Cuvrystraße

Fernab vom Guggenheim-Lab

Zelten statt protestieren: Die neuen Bewohner der Brache an der Cuvrystraße.
Zelten statt protestieren: Die neuen Bewohner der Brache an der Cuvrystraße.
Heute wird das Guggenheim Lab im Prenzlauer Berg eröffnet. Am ursprünglich geplanten Kreuzberger Spreeufer haben Aussteiger ihre Zelte aufgeschlagen.

Dort, wo eigentlich das Ideen-Lab des Guggenheim seine Türen öffnen sollte, flattert heute die Plane eines Tipis im Wind. Vor dem Eingang thront der „Flieger“ auf einem Campingstuhl. Der stattliche Mann lebt seit acht Wochen auf dem unbebauten Gelände an der Kreuzberger Cuvrystraße. Nachdem Protestler aus dem linken Milieu mit Gewaltaktionen gegen die geplante Kreativwerkstatt gedroht hatten, entschloss sich der Guggenheim-Konzern im April, das temporäre Lab an den Pfefferberg zu verlegen. Heute wird es am neuen Standort in Prenzlauer Berg eröffnet.

Dass der Flieger an der Cuvrystraße sein Zelt aufgeschlagen hat, hängt nicht mit den Protesten zusammen. „Ich bin hier hergekommen, weil ich allein sein wollte, weil mich meine Wohnung erdrückt hat.“ Doch mit der Einsamkeit ist es schon lange vorbei: Einige Dutzend Aussteiger haben sich ein Beispiel am Flieger genommen und die Brachfläche ebenfalls zu ihrer neuen Heimat erkoren. Der hünenhafte Berliner hat die Ordnerfunktion auf dem Zeltplatz übernommen, er schlichtet Streitigkeiten und wird von einigen als Häuptling bezeichnet. Streitlustige Besucher werden auf dem Gelände an der Cuvrystraße nicht geduldet. „Ich habe Verständnis für linke Aktivisten und Gentrifizierungsgegner, aber ich will sie hier nicht haben“, so der Flieger.

Unpolitisches Camp

Erst nach seiner Ankunft erfuhr er von der politischen Aufladung seiner Zufluchtstätte. Dass sie in den ersten Monaten des Jahres zum zentralen Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen Gentrifizierungsgegnern und Stadtentwicklungsprojekten geworden war, ahnte der Flieger nach eigenen Angaben zunächst nicht. Im Guggenheim Lab sollten politische und gesellschaftliche Fragen bezüglich der Stadtentwicklung erläutert werden. Viele Kreuzberger und Linksextreme fürchteten eine weitere Aufwertung und Verteuerung ihres Kiezes und machten gegen das Lab mobil.

Dem Flieger blieben die Interessenkonflikte vor seiner Ankunft angeblich verborgen. Er wolle den Platz nicht besetzen und danke den Grundstücksbesitzern für jeden Tag, den er und seine Anhänger an der Cuvrystraße bleiben dürfen. Ob die Eigentümer bisher überhaupt von seiner Existenz erfahren haben, ist unklar. Doch für all diejenigen, die ihre Zelte in der Nähe des Fliegers aufgeschlagen haben, ist er zur Gallionsfigur der Rückeroberung von Brachflächen in der Großstadt geworden.

Das Guggenheim will eben diese Fragen nun im Prenzlauer Berg erörtern. Bis vor Kurzem hingen vor dem Bau, der selbst stark an ein Zelt erinnert, noch Plakate mit Protestbotschaften. Auch diese letzten öffentlichen Zeichen des Widerstandes sind nun verschwunden und Ankündigungen des Lab werden von den vorbeischlendernden Passanten mit mehr oder weniger Verwunderung gelesen.

Diskutieren statt randalieren

Ein Paar aus dem Süden der Stadt weiß nicht, was es mit dem Aufruf „Öffentliche Verkehrsnetze in Kunst verwandeln“ genau auf sich hat, doch die Proteste gegen die Ideenschmiede verstehen sie nicht: „Miteinander reden; das kann ja erst mal nicht schaden.“ Diese Einstellung scheint sich auch im Kiez durchgesetzt zu haben. Jens-Holger Kirchner (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung im Bezirk Pankow, weiß von keinen aktuellen Protestandrohungen gegen die Ideenschmiede. „Wir sind gespannt. Jetzt müssen sie zeigen, was sie können.“

In der dritten Woche nach der Eröffnung des Lab soll die Mietpreiserhöhung in Berlin zur Sprache kommen. Die Kuratorin Corinne Rose plant, mit Nachbarn von geplanten hochpreisigen Bauprojekten ins Gespräch zu kommen. In den Augen einiger Gentrifizierungsgegner fehlt der Aktion die nötige Durchschlagskraft. Die Bürgerinitiative „Leute am Teute“ organisiert daher am Samstag ein eigenes Forum. „Dafür brauchen wir kein Schicki-Micki“, ließen sie auf ihrer Website verkünden.

Dem Flieger wäre das Guggenheim an der Cuvrystraße willkommen gewesen. „Dann hätten wir es hier überdacht, und sie könnten uns in ihrem Museum ausstellen.“ Er und seine Mitstreiter seien doch schließlich die letzten echten Kreuzberger.


Quelle: Der Tagesspiegel

Fernab vom Guggenheim-Lab, Cuvrystraße 1, 10997 Berlin

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