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Die Werkstatt für Unbeschaffbares in Friedrichshain

Die Werkstatt für Unbeschaffbares in Friedrichshain
Ein ausgedientes Matratzengestell dient als kreative Pinnwand. Zur Foto-Galerie
Seit 2015 schreibt der Friedrichshainer Zeitzeiger für alle Neugierigen aus einem Bezirk, den Hausbesetzer, Shisha-Bars und Designerläden gleichermaßen prägen. Heute: Die Inhaberin der Werkstatt für Unbeschaffbares, Angelika Wende.

Im Schaufenster liegt ein Telefonhörer aus grauem Filz mit einer richtigen Telefonkordel. Das komplette Gerät, eckig, so wie die Apparate in den 1980er Jahren aussahen, mit nummernlosen grauen Filztasten und sorgfältig gearbeiteten weißen Nähten. Frau Mende baut außergewöhnliche Dinge, wie Film- und Theaterrequisiten, Ausstellungsstücke und Ähnliches, „alle Sachen, die es nicht zu kaufen gibt, stellen wir her.“ Oder lassen diese von anderen Gewerken anfertigen. „Ein Portfolio an Sachen, die ich selbst kann oder von Leuten, die es können“, formuliert sie betriebswirtschaftlich korrekt. Netzwerken ist also auch in diesem Geschäft das A und O. Beiläufig notiert Frau Mende sofort eine interessante Adresse, die ich im Gespräch erwähne.

Zollstock und Zeichenstift gehören zu den wichtigsten Werkzeugen. ©Giovanni Lo Curto

Einmalige Meisterstücke

Das Telefon im Schaufenster baute Frau Mende für eine Werbekampagne eines Kommunikationsunternehmens. Es gibt auch ganz besondere Herausforderungen, wie die Herstellung eines seit über neunzig Jahren verschollenen Ausstellungsstücks, das 1920 auf der berühmten Ersten Internationalen DADA-Messe in Berlin gezeigt wurde: Museumsbesucher kennen John Heartfields und Rudolf Schlichters Preußischer Erzengel, ein über den Köpfen der Besucher schwebendes Schwein in Militäruniform. Eine Kopie befindet sich in Besitz der Berlinischen Galerie und wird immer wieder mal gezeigt.

Angelika Mende baute den Engel ausschließlich aus Stoffen nach, die es damals gab, zum Beispiel aus Holz und Metall. Das Pferdehaar zum Füllen kam aus einer Kreuzberger Matratzenwerkstatt, der Uniformstoff aus England. Allerdings ist es manchmal auch umgekehrt und sie baut Objekte nach, weil die Originale zu teuer sind. Für einen großen Autohersteller stellte sie in Kooperation mit anderen Herstellern einen Dummy her. Den meisten ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass Dummys Hightech-Produkte sind, die genauso beweglich wie Menschen sein müssen und deshalb richtig viel Geld kosten.

Die eigene Werkstatt

Für die Krimiserie Eva Blond stellte sie einmal prähistorische Zähne und einen menschlichen Oberschenkelknochen her. Lächelnd erzählt sie, wie sie damit einmal im Naturkundemuseum eine allzu wachsame Archäologin aufschreckte, als sie das Stück prüfend neben ein Skelett in einer Vitrine hielt: „Wo haben Sie das her?“ Um die Gegenstände präzise herstellen zu können, muss man sich in ihre Funktion genau hineindenken, was nicht immer angenehm ist. „Ich habe auch einmal für einen Auftraggeber das Tagebuch von Mengele angefertigt und geschrieben. Das war schrecklich!“ sagt sie.

Angelika Mende gewinnt ihrem Beruf auch gern heitere Seiten ab. Für eine Werbekampagne baute sie einen Raketen-Rucksack, der allerdings nicht funktionieren musste. Inzwischen hat sich das Arbeitsfeld von Angelika Mende zusätzlich auf Raumgestaltung und Inneneinrichtung verlagert. Sie stattet Ausstellungsräume, Cafés und Arztpraxen aus. Ein gemütliches Zahnarzt-Sprechzimmer? Frau Mende bekommt das hin.

Ein Telefon ganz in Filz ist das schon etwas Besonderes. ©A. Mende

Über das Geschäft hinaus denken

Dass Herstellerin für Unbeschaffbares kein von der IHK anerkannter Ausbildungsberuf ist, liegt auf der Hand. Dennoch ist es Angelika Mende wichtig, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten an Jüngere zu vermitteln. Das geschieht unter anderem, indem sie im Museum der Dinge in Kreuzberg Workshops durchführt, in denen die Auszubildenden einen Blick für Stoffe und Material entwickeln sollen. In einem dieser Projekte entstanden unter dem Thema: Lebensmittel aus Müll unglaublich witzige Dinge: Milchschnitten aus Kunststoff, Bananenchips aus Verpackungsmaterial, Salat aus Konfetti.

Den ganzen Text findest du auf der Website des Friedrichshainer Zeitzeigers, wo er zuerst erschienen ist.

Der Friedrichshainer Zeitzeiger liegt als gedrucktes Magazin in vielen Kiezeinrichtungen aus. Mit dabei sind zum Beispiel die Berliner Missionsbuchhandlung, das Restaurant Budike, die Alte Feuerwache oder Fräulein Beckers Lieblingsapotheke. Alle Artikel findest du auch online auf der Homepage zum Heft: www.fhzz.de .

Foto Galerie


Quelle: externe Quelle

WERKSTATT FÜR UNBESCHAFFBARES, Gubener Straße 24, 10243 Berlin
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