Ein Bezirk im Wandel

Born and raised in Prenzlauer Berg

Born and raised in Prenzlauer Berg
Die Atmosphäre im sommerlichen Prenzlauer Berg ist immer noch ziemlich schön! Zur Foto-Galerie
Wie stehst du zu den Veränderungen im Prenzlauer Berg? Wenn ich darüber nachdenke, dann weiß ich es gar nicht so genau. Neue Trends, Ideen, Menschen – was ist von meiner alten Homebase übrig geblieben?

Wenn mich nicht-Berliner Freundinnen und Freunde fragen, ob ich coole Restaurants, Second-Hand-Shops oder Cafés kenne, dann fallen mir immer zuerst die in Prenzlauer Berg ein. Choriner und Oderberger Straße, Kollwitzkiez und Mauerpark – das ist meine Heimat, und das wird sie auch erstmal bleiben. Schließlich habe ich fast 18 Jahre hier gelebt.

Im Nachhinein glaube ich, dass der Prenzlberg eigentlich ein super Ort zum Aufwachsen ist. Spielplätze, ruhige Straßen, Eisdielen… Hier gibt’s alles, was das Kinderherz begehrt. Und um irgendwelche Überfälle oder Unfälle muss sich auch niemand groß Gedanken machen. Alle meine Freunde haben direkt bei mir um die Ecke gewohnt, zur Schule musste ich all die Jahre nur meine Straße runterlaufen und den nächsten Spielzeugladen hatten wir direkt gegenüber. Ich konnte mich als Kind komplett frei in den Straßen bewegen, mit meinem Rad zur Musikschule fahren und nach der Schule auf den Spielplatz gehen.

Gleichzeitig war der Bezirk wie eine eigene kleine Welt – wirklich viel vom Rest der Stadt habe ich nicht erlebt. Das lag nicht daran, dass meine Eltern mich irgendwie zurückgehalten hätten, ich hatte einfach keinen Anreiz, andere Orte in dieser großen weiten Stadt kennenzulernen. In der ruhigen Prenzlberger Idylle groß zu werden bereitet einen also nicht gerade auf alle Aspekte des Lebens vor und heute hätte ich es mir manchmal ein wenig anders gewünscht. Deshalb wollte ich nach der Schule ja unbedingt mal raus, etwas anderes sehen. Und auch als ich aus Südamerika zurückkam, oder gerade weil ich dort gewesen war, konnte mir mein alter Kiez nicht mehr so richtig das bieten, was ich wollte und brauchte: mehr Action. Als ich vor einem halben Jahr eine Wohnung im Wedding fand, passte das irgendwie wie die Faust aufs Auge. Ich wollte mehr um mich haben. Und das habe ich in der Badstraße jeden Tag.

Soviel Grün findest du nicht in jedem Kiez... ©Stephanie Vacher

 

Risa-Chicken und Touristenschwärme

Immer wird von den ganzen negativen Veränderungen in Prenzlauer Berg gesprochen. Von Gentrifizierung und dem Trend in Richtung „vegane Öko-Mama mit Kinderwagen“. Es stimmt, früher bin ich noch nicht alle paar Meter in einem neuen asiatischen Restaurant gelandet oder in einem Café mit veganem Matcha Latte, den ich nur probiert habe, weil er halt so im Trend ist. Und ja, ich weiß noch ganz genau, wie wütend und enttäuscht ich über diesen riesigen LPG-Biomarkt am Senefelder Platz war, weil ich Angst um den kleinen niedlichen Bioladen an unserer Ecke hatte. Und letztes Jahr musste ich dann plötzlich feststellen, dass eines meiner Lieblings-Cafés an der Eberswalder Straße gegen RISA Chicken eingetauscht wurde – und das geht ja mal gar nicht!

Es gibt viele Dinge, die mich nerven. Touristen bevölkern die Straßen und Altbauten wurden gegen hässliche graue Riesenklötze mit rosa Treppen ersetzt oder verkauft. An fast jeder Ecke gibt es einen Ableger einer Biomarktkette und 50% der Menschen, die mir begegnen, sehen aus wie waschechte Hipster. Und als ich neulich mal wieder auf dem Flohmarkt im Mauerpark war, bin ich fast direkt wieder geflohen weil er mittlerweile einfach nicht mehr die grandiose Second Hand-Oase ist wie früher, sondern eine Ansammlung an neu geschaffenen Designs und Food Trucks mit überteuertem Essen. Immerhin ist die Stimmung im Park noch immer typisch Berlin und die Straßenmusikanten bringen alle zum Tanzen.

 

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Altbekanntes bleibt!

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es mich jedes Mal ziemlich freut, wenn ich meine Eltern besuche und an altbekannten Gesichtern oder Shops vorbeikomme. An den Spätibesitzern, die mich schon von klein auf kennen; an dem Spielzeugladen von gegenüber oder dem uralten Eisladen Annamaria, wo die Kugeln früher mal 70 Cent gekostet haben (jetzt sind es 1,20 Euro). Veränderungen gibt es letztlich doch überall, das ist einfach der Wandel der Zeit. Aber auch wenn vieles abschreckend und mir zu „neu“ ist, bleibt doch immer ein Stück vom Alten erhalten. Ich bin sicher, dass der Prenzlauer Berg noch eine ganze Weile der Bezirk der kleinen Boutiquen und individuellen Shops bleiben wird, dass noch lange Kinderscharen auf dem Abenteuerspielplatz am Kollwitzplatz unterwegs sein werden und dass ich auf dem Ökomarkt in der Kollwitzstraße noch einige Male meine Lakritze kaufen werde.

Letztlich sind doch durch all den Wandel, der so manche alteingesessene Prenzlbergerinnen und Prenzlberger verstören und abschrecken mag, auch Innovationen geschaffen worden. Eigentlich ist es doch eine gute Sache, nun überall Bio einkaufen zu können. Vielleicht muss ja nicht der riesige LPG zum Stammsupermarkt werden, es reicht ja vielleicht auch einer der kleinen Bioläden. Und in den ganzen neuen Erfinder-Stores herumzustöbern macht Spaß und inspiriert mich immer wieder neu. Ganz ehrlich: Es gibt schlimmere Trends als der zur Vielseitigkeit und Weltoffenheit, den all die Menschen ausstrahlen, die im Sommer vor den vielen bunten Cafés und im Prater sitzen und die Sonne genießen. Meine Leute, mit denen ich die Nächte durchmachen und Spaß haben kann. Genau das hat den Kiez für mich immer besonders gemacht – und so ist es auch immer noch!

Foto Galerie

Eiscafé Annamaria, Husemannstraße 14, 10435 Berlin

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