• Mittwoch, 06. Juni 2012
  • von Ricarda Terjung

Neue Krebsstatistik für Berlin

Keine Alte-Leute-Krankheit

  • Krebs in der Lunge auf dem Röntgenbild (Bronchialkarzinom)
    Die Diagnose Lungenkrebs sucht viele Berliner heim. Auch junge Frauen aus Friedrichshain-Kreuzberg sind immer wieder unter den Betroffenen. Foto: Wikipedia - ©Lange123 / CC BY-SA 3.0

Jedes Jahr erkranken etwa 17.250 Berliner neu an Krebs, so eine unlängst erschienene Statistik. Welche Krebsarten stecken dahinter? Begünstigt das Leben in der Stadt eine Tumorerkrankung? QIEZ sprach mit dem Krebsexperten Roland Stabenow.

Rund 8.100 Berliner sterben Jahr für Jahr an den Folgen von Tumoren. Mehr als jeder Vierte von ihnen erreicht das 65. Lebensjahr nicht. Diese Zahlen hat im Mai das Gemeinsame Krebsregister von Berlin und den neuen Bundesländern (GKR) mit Sitz in Berlin herausgegeben. Die Statistik erfasst unter anderem Erkrankungen und Todesfälle in den Jahren 2007 bis 2009.

Die häufigsten Krebsarten in Berlin

Der amtlichen Todesursachenursachenstatistik* zufolge erhalten die Diagnose nahezu gleich viele Männer und Frauen in der Hauptstadt. Bei Männern erkrankt am häufigsten die Prostata, gefolgt von Lunge, Darm und Harnblase. Bei den meisten Frauen ist die Brustdrüse betroffen; auf dem traurigen zweiten Platz rangiert der Darm, dicht gefolgt von Lunge und Lymphknoten. Beide Geschlechter zusammengenommen, sind die häufigsten Todesursachen der Berliner Krebspatienten Lungenkrebs, Darmkrebs und Brustkrebs in eben dieser Reihenfolge. Damit entsprechen die häufigsten tödlichen Krebsarten in der Spreemetropole jenen in den neuen Bundesländern.

Innerhalb der Hauptstadt allerdings zeichnen die Experten ein recht unterschiedliches Bild. Demnach wurden die meisten Neuerkrankungen in Tempelhof-Schöneberg registriert. Fast genauso viele neu Erkrankte gab es in Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf. Warum das so ist, erklärt Roland Stabenow, der Leiter des Krebsregisters: "Die Demografie spielt natürlich eine Rolle." Will heißen: Wo mehr ältere Menschen wohnen, erkranken auch mehr an Krebs. Entwarnung also für die Jüngeren? Fehlanzeige! Gerade in Friedrichshain-Kreuzberg bekommen signifikant mehr junge Frauen die Diagnose Lungenkrebs als in anderen Bezirken. "Das ist eine Frage des Lebensstils", betont Stabenow. "Dort gibt es einfach viel mehr junge Frauen, die rauchen." Was hilft, um den Krebs gar nicht erst entstehen zu lassen, ist klar: Finger weg vom Glimmstängel.

Hat die Wohngegend Einfluss auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit?

Wie gefährlich das Rauchen ist, weiß der Leiter der Registerstelle auswendig: "Bei 85 bis 90 Prozent der Männer, die an Lungenkrebs erkranken, ist das Rauchen die Ursache. Die restlichen Krankheitsfälle sind auf berufliche Umstände zurückzuführen, zum Beispiel Staubexpositionen oder Asbest." Bei Frauen sei der Tabakkonsum in immerhin 60 bis 70 Prozent der Fälle der Grund für die Erkrankung.

Allein der Fakt, in einer bestimmten Gegend zu wohnen, etwa direkt an der Stadtautobahn, habe hingegen keinen nachweislichen Effekt auf das Erkrankungspotenzial. "Wir wissen von früheren Untersuchungen, dass das nicht direkt die Ursache von Krebserkrankungen ist. Es ist nicht per se so, dass ich, wenn ich da und da wohne, den und den Krebs kriege", so der Experte. Selbst  Landbewohner sind demnach nicht weniger krebsgefährdet als Berliner.

Untersuchungen zur Früherkennung können Leben retten

Wirklich verhindern lässt sich die Volkskrankheit nicht. Höhere Chancen, das Schlimmste abzuwenden, hat dem promovierten Fachmann Stabenow zufolge jedoch, wer die angebotenen Früherkennungsuntersuchungen wahrnimmt. Das Mammographie-Screening-Programm zur Früherkennung von Brustkrebs etwa sei in Berlin bereits in den Jahren 2006 bis 2008 eingeführt worden. Inzwischen ist auch der Rest der Republik mit entsprechenden Gerätschaften und spezifisch geschultem Personal flächendeckend versorgt. Um Brustkrebs schon frühzeitig zu erkennen, empfiehlt der Mediziner Frauen zwischen 50 und 69 Jahren die Teilnahme an dem Programm. Männer ab 45 sollten die Möglichkeit des PSA-Screenings nutzen, das frühzeitig Hinweise auf Prostatakrebs liefert. Dabei dient das prostataspezifische Antigen, ein Enzym, als Tumormarker. "Verhindern kann man die Krankheit nicht, aber die ganz frühen Tumore sind fast zu 100 Prozent heilbar", weiß Stabenow.

Von einer echten Vorsorge könne man jedoch nur beim Thema Darmkrebs sprechen. Ein Stuhltest oder eine Darmspiegelung reichten bereits aus, um die Polypen, die Vorboten dieser Krebsart, zu entdecken. Die Kosten für die Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen tragen die Kassen für Versicherte ab dem 50. Lebensjahr.

Informationen zur Diagnose Krebs und zu Möglichkeiten der psychosozialen Betreuung erhalten Betroffene und ihre Angehörigen beim Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (KID) auf www.krebsinformation.de. "Wir sind auch für alle Betroffenen und ihre Angehörigen telefonisch erreichbar", betont Doris Lintz, Psychoonkologin beim KID. Aber auch in Berlin gibt es Anlaufstellen, die Betroffene und ihre Angehörigen auffangen, wenn die plötzliche Nachricht einer Krebsdiagnose die Familie erschüttert. "Die psychologischen Beratungsstellen sind immer auch kurzfristig eine kompetente Anlaufstelle", sagt Lintz. Zudem verweist die Diplom-Psychologin auf das Netzwerk der Psychoonkologen in Berlin (www.psychoonkologie-netzwerk.de), die unter anderem über Selbsthilfegruppen in der Stadt informieren.

*Nicht in die Statistik einbezogen wurde der einfache Hautkrebs (-C44), bei dem Metastasen nur sehr selten entstehen.

Gemeinsames Krebsregister von Berlin und den neuen Bundesländern (GKR)

Brodauer Straße 16-22
12621 Berlin

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Quelle: QIEZ
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