Hello World

Diese Ausstellung sucht den Weltblick

Diese Ausstellung sucht den Weltblick
Die Künstlerin Tita Salina zeigt sich auf einer ihrer künstlichen Inseln. Das Projekt trägt den Namen 1001st Island - The Most Sustainable Island in Archipelago (2015).
Wie würde die Sammlung der Berliner Nationalgalerie heute aussehen, wenn der Fokus nicht nur auf westlicher Kunst gelegen hätte? Das greift die neue Ausstellung Hello World auf und schickt die Besucher über Treppen von Indien nach Bali.

„Ich möchte die Welt sehen“: ein Ausspruch der vielen bekannt sein dürfte. Ob Urlaub, Sabbatical oder generelles Weltenbummler-Gen, den Menschen treibt es gerne raus aus seiner Umgebung. Mit vielen neuen Erlebnissen, Ideen und Freunden geht es wieder in die Heimat, oftmals mit vielen Mitbringseln, die an die dortige Kultur erinnern. Oder man entschließt sich ganz fern zu bleiben, weil man einen Ort gefunden hat, der einen noch mehr erfüllt. So ging es wohl auch dem Maler Walter Spies, der von Dresden über Berlin 1927 nach Bali kam und dort in Ubud sein neues zu Hause fand. Er tauchte schnell in die Kultur ein, lernte die Sprache und ließ sich von balinesischen Malern unterrichten. Spies ist auch Mitbegründer der Künstlergruppe Pita Maha, die balinesischen Künstlern unter die Arme griff, um beispielsweise ihre Bilder in den USA oder in Europa zu verkaufen.

Der durch Spies angeregte Austausch von indonesischen und europäischen Malern brachte sogar internationale Stars wie Charlie Chaplin nach Bali – der auch das berühmte Spies-Bild Rehjagd in Auftrag gab – und genau das findest du in der aktuellen Ausstellung Hello World im Hamburger Bahnhof in der Sektion Making Paradise.

Die riesige Schau Hello World mit rund 750 Kunstwerken und 250 Künstlerinnen und Künstlern hat nicht das Ziel, den Besucher an die Hand zu nehmen und kohärent durch die Kunsthistorie des 19. und 20. Jahrhunderts außerhalb des Westens zu führen, vielmehr werden einzelne Werke genutzt, um insgesamt dreizehn Geschichten zu erzählen. Ihr Fokus ist der Austausch über Kontinente hinweg, die künstlerische Zusammenarbeit oder eben Künstler, die fließend von einer Kultur in die nächste überwechseln. Es geht aber auch um Aneignung, Transformation, Weiterentwicklung oder um das bewusste Spiel mit Erwartungshaltungen.

Ein Beispiel für Letzteres findest du auch in der Geschichte Making Paradise. Der Künstler Raden Saleh, der im 19. Jahrhundert in Dresden lebte, brachte orientalisch anmutende Krieger mit roten Kopfbedeckungen auf Pferden, die von Löwen angegriffen werden auf die Leinwand. Damit griff er ganz bewusst Klischees auf und machte sie sogar zu seinem Markenzeichen. Vielleicht gerade, weil er wegen eines anderen Wohnortes eine andere Sicht auf die Kunst aus Java hatte. Du findest hier aber auch zeitgenössische Kunst wie von Tita Salina. Die junge Frau baut aus Plastik kleine Inseln, mit denen sie sogar raus aufs Meer geht, um sich mit der Ökologie von etwas Künstlichem zu beschäftigen. So kannst du durchaus Entwicklungen in der Kunst des Landes nachvollziehen und wahrnehmen.

Ein Künstler, der kein Englisch spricht, ist kein Künstler

Wir gehen die Treppen hinunter und landen im Zentrum der Ausstellung: Die Agora. Im antiken Griechenland war sie der zentrale Versammlungsplatz einer Stadt. Dieser Ort dient in der Ausstellung dazu, das was im öffentlichen Raum so vor sich geht, künstlerisch nachzuempfinden. So hängt ein Transparent mit der Aufschrift: „An Artist who cannot speak English is no artist“ – was nochmal auf die westlich zentrierte Sammlung anspielt und den Demo-Kontext herstellt. Die Agora ist der Ort, um Konflikte und Ungleichgewichte, aber auch Identität darzustellen. Besonders viel Eindruck hinterlässt die Skulptur mit dem Titel Policeman and Rioter aus dem Jahr 1967 vom US-amerikanischen Bildhauer Duane Hanson. Sie zeigt einen lebensgroßen Polizisten, der mit einem Schlagstock auf einen schwarzen Mann einschlägt, der bereits auf den Boden liegt. Um die Skulptur herum liegen Papierabfälle wie auf der Straße und geben dem Werk noch mehr Unmittelbarkeit und Aktualität.

Warum solltest du dir also Hello World ansehen? Niemand kann die Zeit zurückdrehen und den Fokus der Sammlung ändern. Besonders im Hinblick auf die nun globalisierte Welt sind die vorhandenen Leerstellen für das Kulturgedächtnis prägend. Die Ausstellung Hello World ist allerdings ein Beleg für die Fähigkeit zur Selbstkritik und zeigt den Wunsch nach neuen Wegen für Museen. Hello World ist sehenswert, weil dich die Ausstellung als Besucher auf eine Weltreise nimmt, die dir offen lässt, die verschiedensten Kontexte und Verbindungen zu schaffen – ganz in der Tradition von Entdeckern wie Marco Polo oder James Cook. Das kann die Rezeption natürlich auch schwer machen, da es keine vorgegebene Route gibt. Wirklich gelungen ist, dass die dreizehn Geschichten einen offenen Blick vorweisen, der schließlich mit dem Titel Hello World auch suggeriert wird. Denn so steht die Kunst von indigenen Völkern für sich, ohne stets den Einfluss des weißen Mannes allgegenwärtig zu halten. Zudem hast du die Chance, viel Neues zu entdecken, wie zum Beispiel die moderne indische Kunst und ihre Spuren nach Berlin.

Unser Tipp: Nimm dir viel Zeit für die Ausstellung. Ein Tag war uns zu knapp, um die dreizehn Geschichten wirklich in Ruhe anschauen zu können und sich mit den einzelnen Künstlern zu befassen. Die Laufzeit von Hello World kommt dir da entgegen, denn noch bis zum 26. August 2018 hast du die Gelegenheit für einen Welttrip, ganz ohne Jetlag und leeres Bankkonto.

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