Hertha BSC

Die falsche Herangehensweise

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Die letzten beiden Spiele der Hertha wurden - zumindest in Teilen berechtigt - durchaus kritisch beurteilt. Zwar konnte die Defensive in beiden Spielen wieder zu überzeugen wissen, doch null Tore in zwei Heimspielen sind eine nicht zu unterbietende, magere Ausbeute. Nun kommen aus allen Löchern Pseudo-Experten wie ich gekrochen und versuchen die Flaute vor dem gegnerischen Tor zu erklären.

Auffällig ist hier in erster Linie, dass der Hauptschuldige schnell gefunden war. Adrian Ramos, seines Zeichens der einzige wirkliche Stürmer in unseren Reihen, war erst zu lange im Privaturlaub in Madrid und trifft seitdem das Eckige nicht mehr. Der Zusammenhang war schnell gefunden, hält jedoch bei genauerer Betrachtung in keinster Weise stand.

Bereits nach dem Spiel gegen Leverkusen musste sich der Kolumbianer heftige Kritik gefallen lassen, hatte er doch nicht, wie am Spieltag zuvor in Hoffenheim, den Gegner quasi im Alleingang abgeschossen. Völlig außer Acht gelassen wurde dabei, dass Leverkusen vor allem defensiv eine ganz andere Qualität auf den Platz bringt als die Schießbude der Liga aus dem Kraichgau. Ramos war in der Mitte stets gut abgedeckt und wurde von seinen Hintermännern auch nicht gerade mit Topzuspielen gut in Szene gesetzt. Es blieb ihm in dem Spiel nicht viel übrig als immer wieder auf die Außen auszuweichen, was seine Kollegen in der Offensive jedoch auch kaum mit Vorstößen in die Spitze für sich auszunutzen wussten.

Mehr Pech als Unvermögen

Es folgte das Spiel gegen den FC Augsburg. Auch nach diesem musste der 27-jährige Angreifer als Sinnbild der Torflaute herhalten. Vor allem die Kollegen von der B.Z. haben es sich augenscheinlich zur Aufgabe gemacht, in Ramos den Ursprung allen Übels zu finden. So sahen die Schreiberlinge keine gefährliche Aktion des Kolumbianers im ganzen Spiel und ‚belohnten‘ dies mit einer glatten 6.

Ich meine ja, man kann ja unterschiedliche Wahrnehmungen haben, aber Ramos hatte in dem Spiel gleich drei gute Möglichkeiten, aus denen mit ein wenig mehr Fortune der vielleicht entscheidende Treffer hätten werden können. Bereits in der 9. Minute wurde ein Schuss von ihm gerade noch zur Ecke abgefälscht. In der 55. Minute musste Gäste-Keeper Hitz schon all sein Können aufwenden, um den Schuss von Ramos, nach Ben Hatira Freistoß, noch zu entschärfen und nur 4 Minuten später springt der Angreifer, eng gedeckt, in einen Ndjeng-Freistoß, bekommt die Fußspitze jedoch nicht mehr richtig an den Ball und kann ihn so nur unkontrolliert über den Kasten setzen.

Gerade diese drei Szenen zeigen, wie sehr sich Ramos im engmaschigen Defensivverbund der Augsburger aufgerieben und trotz enger Deckung seine Chancen gesucht und auch gefunden hat. Dass es nicht sein sollte, hatte diesmal weniger mit Unvermögen als auch mit Pech zu tun.

Die Probleme liegen woanders

Man sollte mich jetzt nicht falsch verstehen. Ich bin weder ein großer Ramos-Fan, noch möchte ich ihn hier besser machen als er ist. Ein Stürmer wird an Toren gemessen. Jedoch spielen bei einem Torerfolg viele Faktoren eine Rolle. Und einer der Faktoren, an denen es zurzeit deutlich mehr krankt, ist die offensive Dreierreihe hinter Adrian Ramos.

Änis Ben Hatira ist seit Wochen angeschlagen, fliegt unter der Woche regelmäßig zu einem Spezialisten nach Bayern und ist zudem auf dem linken Flügel nicht so durchschlagskräftig wie hinter den Spitzen. Tolga Cigerci und Per Skjelbred, die sich zuletzt die Position 10 teilten, sind im Spiel nach vorn zu selten effektiv, gerade der junge Deutsch-Türke spielt viel zu häufig zu komplizierte und schlampige Pässe. Und die rechte Seite, ja, die rechte Seite. Viele reden vom Sturm als Problemposition. Für mich persönlich ist das die rechte Seite. Weder Allagui, noch Ndjeng oder Cigerci, oder Skjelbret, keiner konnte diese Position bisher nachhaltig ausfüllen. Mal ein gute Spiel, mal eine gute Aktion, zu wenig um sich dauerhaft für mehr zu empfehlen.

Die Hoffnung in der Offensivreihe beruht demnach aktuell auf der Genesung einiger Spieler, die zuletzt oder seit längerem, ausfallen. Nico Schulz, der gerade im Spiel gegen die Bayern groß auftrumpfte, sollte nach seiner Verletzung wieder komplett auf der Höhe sein. Und auch bei Alexander Baumjohan besteht zumindest die Hoffnung, dass er nach seinem Kreuzbandriss am Anfang der Saison, vielleicht mit ins Wintertrainingslager in die Türkei mitreisen kann. Und dann ist da noch der junge Hany Mukhtar, dem man in seinen bisherigen Einsätzen zwar noch seine Unerfahrenheit anmerkt, der jedoch immer wieder, nach seinen Einwechslungen, frischen Wind gebracht hat.

Und was ist mit Ronny? Er könnte ja genau der Schlüsselfaktor sein, der genau die Probleme abdecken könnte, die die letzten Spiele offenbart haben. Fehlende Kreativität, der geniale Pass im richtigen Moment, das gute Auge für den Mitspieler. Doch genau das scheint dem sensiblen Spielmacher, Stand heute, komplett abgekommen zu sein. Seine Fitnesswerte sind unterirdisch, seine Agilität ein Trauerspiel, seine Anbindung zum Team nicht vorhanden. Genau das sind die Eindrücke, die man nach seinen, zuletzt immer selteneren Einwechslungen, auch haben muss. Bis zur Winterpause sehe ich hier schwarz, in seiner aktuellen Form kann er uns nicht helfen, im Gegenteil, er wirkt immer nur wie ein Fremdkörper. Es bleibt die Hoffnung, dass den nun geäußerten großen Worten auch die entsprechenden Taten folgen und er sich in der Winterpause richtig reinkniet, um Anschluss an den Rest des Teams zu finden.

Was bleibt?

Ein Stürmer lebt von seinen Mitspielern und gerade im System mit nur einer echten Spitze ist er darauf angewiesen, dass seine Hintermänner in die Löcher stoßen, die er reißt, wenn er sich mal nach hinten oder auf die Außenbahn fallen lässt. Und genau hier hat es in den Spielen gegen Leverkusen und Augsburg gehakt. Hier muss mehr kommen, dann wird von Adrian, der sich zurzeit so lauffreudig und einsatzbereit wie selten in seiner Zeit bei uns zeigt, auch wieder Zählbares zu verbuchen sein.

In diesem Sinne, auf geht’s Hertha schieß ein Tor …

René ‚Mueggi‘ Jünemann
2. Vorsitzender Berliner Jungs OFC


Quelle: QIEZ / externe Quelle

Die falsche Herangehensweise, Gutsmuthsweg, 14053 Berlin

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