Bildungsstudie

Hoffnung und Nachholbedarf in Schulen

Hoffnung und Nachholbedarf in Schulen
In deutschen Klassenzimmern herrschen Defizite. Die Berliner Schulen schneiden in vielen Bereichen nur mäßig ab. Das geht aus einer Bildungsstudie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Technischen Universität Dortmund hervor.
Berlins Schulsystem hinkt im Ländervergleich hinterher. Die Zahl der Schulabbrecher und Sitzenbleiber übersteigt den bundesweiten Durchschnitt. Anlass zur Hoffnung gibt die Chancengerechtigkeit.

In keinem anderen Bundesland haben Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern bessere Möglichkeiten, den Sprung aufs Gymnasium zu schaffen. Dies ist ein Resultat des „Chancenspiegels“, den die Bertelsmannstiftung am Montag veröffentlichte. Gemessen wurden die Aspekte Integrationskraft, Durchlässigkeit, Kompetenzförderung und  Zertifikatsvergabe. Bei Studienergebnissen bezüglich der Leistungen von Schülerinnen und Schülern hingegen, schneidet Berlin im Bundesländer-Vergleich einmal mehr schlecht ab. Allerdings hat Wilfried Bos, Leiter des von der Bertelsmannstiftung beauftragten Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund, darauf verzichtet, ein klares Ranking der Bundesländer zu erarbeiten.

Das gute Ergebnis der durchlässigen Gymnasien wird durch eine andere Zahl abgeschwächt. Einerseits ist zwar die Chance eines Kindes der oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, lediglich 1,7-mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten – und damit deutlich besser als im Bundesdurchschnitt (4,5). Auf der anderen Seite ist es in Berlin aber auch knapp 14-mal so wahrscheinlich, in eine niedrigere Schulform abzusteigen, als in eine höhere aufzusteigen. „Es heißt dann häufig: ,Wir haben die falschen Schüler’“, so Wilfried Bos. „Das ist eine pädagogische Bankrotterklärung.“ Mit 3,9 Prozent ist die Zahl der Schüler in Berlin, die eine Klasse wiederholen müssen, ebenfalls überdurchschnittlich hoch (2,9). Auch hierbei rangiert Berlin unter den schlechtesten vier Bundesländern.

Sachsen an der Spitze

Nicht nur Berlin, auch die anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen schneiden nicht gut ab. „Wir dürfen es uns nicht erlauben, in den Metropolen so viele Menschen auszuschließen und Kinder zurückzulassen“, mahnt Bos. Man habe sich entschieden, die unterschiedliche Sozialstruktur der Länder nicht in die Studie hineinzurechnen. In Sachsen zum Beispiel, das in der Studie am besten abschneidet, gibt es wenige Kinder mit Migrationshintergrund. Es ist das einzige Bundesland, dem die Wissenschaftler ein zumindest annähernd chancengerechtes Schulsystem bescheinigen. Es sei durchlässig und biete Kinder der unteren sozialen Schichten recht gute Chancen, aufs Gymnasium zukommen. Zugleich zählen in Sachsen sowohl die leistungsstärksten als auch die leistungsschwächsten Schülerinnen und Schüler zu den Besten ihrer jeweiligen Vergleichsgruppe. Dies verdeutlicht, dass sich Chancengerechtigkeit und Leistung nicht ausschließen.

Zumindest in Sachen Gerechtigkeit gibt es in Berlin Grund zu etwas Optimismus. Im Bereich Inklusion landet die Hauptstadt in der Spitzengruppe. Nur 4,4 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und wurden im Schuljahr 2009/10 in Förderschulen unterrichtet. Das sind weniger als im Bundesdurchschnitt (5 Prozent). Beim Anteil der Ganztagsschüler ist Berlin ebenfalls vorne mit dabei. Stolze 45 Prozent aller Schüler besuchen eine Ganztagsschule. Das sind fast doppelt so viele wie im bundesweiten Durchschnitt, der bei 26,9 Prozent liegt. „Die Ganztagsschule und auch der Besuch einer Regel- statt einer Förderschule steigern die Bildungschancen“, betont Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmannstiftung.

Schlechte Leistungen in Sachen Lesekompetenz

Überschattet werden die positiven Aspekte des Bildungssystems in Berlin von den teils verheerenden Ergebnisse der Leistungstests. So liegt mit 10,4 Prozent der Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss über dem Durchschnitt von 7 Prozent. Durchweg schlecht schneidet Berlin zudem im Bereich der Lesekompetenz ab. Hier ist die Bildungsnähe des Elternhauses für den Erfolg ausschlaggebend: Viertklässler aus bildungsnäheren Elternhäusern erreichen 70 Kompetenzpunkte mehr als Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern, 30 Punkte mehr als im Bundesdurchschnitt. Das bedeutet ein Lernfortschritt von etwa anderthalb Jahren. Diese Ergebnisse sind größtenteils bekannt, da die Wissenschaftler dafür Daten aus den Pisa-Studien, zuletzt 2009 durchgeführt, und Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Leseuntersuchung (Iglu) von 2006 verwendet haben. Diese wurden mit aktuellen Daten der amtlichen Statistik ergänzt. Ein Trend lässt sich darum nicht ableiten.

Darum lässt sich aus diesen Zahlen kein Trend ableiten. Dies unterstrich auch Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Die Studie bestätigt in vielen Punkten den Weg, den Berlin mit der Schulstruktur und seinem zweigliedrigen Schulsystem eingeschlagen hat: Bei Chancengleichheit, Ganztagsbetreuung und integrativer Beschulung liegen wir im Bundesvergleich in der Spitzengruppe“, meinte Scheeres. Notwendig seien nun weitere Maßnahmen. um die Lesekompetenz zu erhöhen und den Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss zu verringern.


Quelle: Der Tagesspiegel

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