Reinickendorf, Waidmannslust
Leer stehende Schule in Reinickendorf

Housekeeping im Klassenzimmer

Housekeeping im Klassenzimmer
Wohnen im Klassenzimmer, wenn längst alle Schüler gegangen sind: Eine Hauswächter-Vermittlung macht's möglich.
Bewachung überflüssig: Obwohl das Gebäude des umgezogenen Collège Voltaire in Waidmannslust derzeit nicht genutzt wird, ist es nicht verlassen. In ehemaligen Klassenzimmern und der angrenzenden Kita wohnen 18 Mieter und freuen sich über reichlich Platz und ein wirklich ungewöhnliches Zuhause. Nur zu heimisch sollten sie nicht werden.

Der Asphalt ist an vielen Stellen aufgerissen, die Markierungen auf dem Basketballfeld sind kaum noch zu erkennen und der Rasen wächst so, wie er will. Auf dem Hof des französischen Collège Voltaire ist die Zeit nicht nur sprichwörtlich stehen geblieben: Die Zeiger der Uhr über dem Eingang verharren bei Viertel vor zwei. Die Schüler und ihre lärmende Lebendigkeit sind nach Tiergarten umgezogen. Zurück blieb ein verlebtes Gebäude, 23.000 Quadratmeter Leere in Waidmannslust, Reinickendorf.

Doch ein Schild an der grünen Pforte informiert: „Bewacht durch Bewohnung“. Die Schule ist Teil eines Pilotprojekts, Ende letzten Jahres sind hier 18 Hauswächter eingezogen. Für einen monatlichen Mietpreis von 175 Euro wohnen sie in Klassenzimmern, im angrenzenden Kindergarten oder dem Rektorenzimmer und sollen durch ihre Präsenz Vandalismus verhindern. Die Firma Camelot vermittelt die Aufpasser an Immobilieneigentümer – und kontrolliert, ob alle die Regeln befolgen.

Ungewöhnlich wohnen mit vielen Regeln

Dirk Rahn beginnt mit Klemmbrett und schnellem Schritt seinen Rundgang in der Aula. Neben alte Referate hat seine Firma die Hausordnung für die Wächter gepinnt: Zigaretten, Kerzen und Haustiere verboten, Müll rausbringen, Fluchtwege freihalten. Rauchmelder ja bitte, Partys nein danke. Wer länger als drei Tage nicht da ist, muss Bescheid sagen. Rahn geht durch muffige Gänge, vorbei am Biologieraum. Dort ist aufgestuhlt, an der Tafel sieht man verblasste Kreidespuren, schwere grüne Vorhänge halten das Tageslicht ab.

Selbstverständlich kündige er jeden Besuch an, versichert Rahn – „durch Klopfzeichen“. Gesagt, getan. „Firma Camelot!“, ruft er. Durch die Glastür blickt ein junger Mann in Hausschuhen und Kapuzenpulli. Sebastian Weber ist der neueste Bewohner der Schule und wird prompt gelobt: „Sie haben den Rauchmelder angebracht“, sagt Rahn und nickt anerkennend. Der Neuankömmling hat sich das Klassenzimmer schön eingerichtet: Mitten im Raum steht sein Bett, an der Wand mehrere Gitarren, in der Ecke ein blaues Sofa, neben dem Schreibtisch eine imposante Anlage. „Bis jetzt hat sich noch keiner über die Musik beschwert“, sagt der 26-Jährige.

Er hat nicht lange gezögert, sein WG-Zimmer in einem Neuköllner Altbau gegen die 100 Quadratmeter Schule zu tauschen. „Der Stuck ist weg“, sagt er und zeigt auf die Neonleuchten an der Decke, „dafür habe ich jetzt Jalousien wie im Berghain“ – und eine Tafel im Wohnzimmer. Sie ist vollgekritzelt mit mathematischen Funktionen. Weber saß bis vor kurzem am Fachabitur. Die Lerngruppe kam zu ihm in die Schule.

Eine erfolgreiche Idee

Weber entspricht der Idealvorstellung von einem Housekeeper. Verantwortungsvoll sollte er sein, ordentlich, flexibel und ohne Kinder – „die sind nicht mal im Kita-Gebäude erlaubt“, sagt Rahn. Die Idee hinter Camelot stammt aus den Niederlanden, wo jedes Haus, das länger als ein Jahr leer steht, legal besetzt werden kann. Da sich Immobilienbesitzer ihre Gäste lieber selbst aussuchen, sind in ganz Europa 10.000 Camelot-Wächter im Einsatz. „Die Leute wollen fetzig wohnen“, sagt Rahn. Deswegen stehen Luxusvillen und Schulgebäude höher im Kurs als Reihenhäuser im Osten.

Die angehende Anwältin Anja Wilfling erfuhr durch einen Bericht im Fernsehen von dem Konzept und ließ sich registrieren. Inzwischen ist die 32-Jährige aus einem Potsdamer Studentenwohnheim in die Kita in Reinickendorf gezogen. Hier ist alles eine Nummer kleiner: Tische, Stühle – und die Waschräume. „Ich benutze aber die Toilette der Erzieher“, erklärt Wilfling lachend. Ihr Zimmer hat sie mit viel Liebe zum Detail eingerichtet: ein Schminkspiegel neben dem Bett, Vorhänge als Raumtrenner, Deko aus Lichtschläuchen, sogar ein Teppich liegt auf dem Linoleum. Nur eine Wand blieb kahl: „Hier spiele ich Squash, wenn mir kalt ist.“ Im Hof fährt sie Skateboard, die langen Flure putzt sie auf Inline-Skates. „So ein Leben wie hier werde ich nie wieder haben“, sagt Wilfing. Sie möchte bleiben, solange es geht. Doch die Länge des Aufenthalts bleibt im Vertrag mit Camelot immer offen. Wenn ein Käufer gefunden ist, müssen die Wächter innerhalb von vier Wochen ausziehen. „Es gibt Interessenten“, sagt Dirk Rahn, „aber noch ist nichts unterschrieben.“

Housekeeping im Klassenzimmer, Rue Racine 7, 13469 Berlin

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