Gartenausstellung vs. Modemesse

Rosenkrieg um den Flughafen Tempelhof

So voll war die Eingangshalle zur Eröffnung der letzten "Bread and Butter" im Januar. Wo sollen da nochmal die IGA-Besucher hinpassen?
So voll war die Eingangshalle zur Eröffnung der letzten "Bread and Butter" im Januar. Wo sollen da nochmal die IGA-Besucher hinpassen?
Das Tempelhofer Flugfeld ist hart umkämpft. 2017 wollen zwei große Messen zur gleichen Zeit die Fläche nutzen: Die Bread & Butter-Modemesse und die Internationale Gartenausstellung.

Die Internationale Gartenausstellung 2017 soll von der Mitte in den Norden Berlins ziehen. Das Tempelhofer Feld ist schon belegt zur geplanten Zeit, weshalb bei einem „Prüfauftrag“ am heutigen Dienstag von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung diskutiert werden soll, ob sich Marzahn als Ausstellungsort eignet. Die Schau schlägt im Haushalt voraussichtlich mit 27,5 Millionen Euro zu Buche. Für Freunde des gepflegten Gartens könnte sich die Summe lohnen, wenn die Ausstellung in Marzahn auf einer freien Fläche neben den Gärten der Welt durch doppelte Blumenpracht begeistern kann. „Die Erweiterung ist eine große Chance und der Zuzug der IGA ein glücklicher Zufall“, bejaht Christian Gräff (CDU), der Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftsstadtrat, das Vorhaben. Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung, will vor der Zusammenkunft des Senats nicht zu viel preisgeben: „Der Senat hat um einen Sachstandsbericht zur IGA gebeten, den bekommt er von uns selbstverständlich“.

Die unvorhergesehene Idee macht wohl aus der Not eine Tugend. Schließlich war die Doppelbelegung mehr als nur ein Schnitzer in der Planung der vom Land geführten Firmen. Die Bread & Butter hatte bereits einen langjährigen Mietvertrag für den Hangar 1 und die Empfangshalle mit dem Land abgeschlossen. Die am morgigen Mittwoch beginnende Messe zeigt auf dem Flughafengelände die neuesten Modetrends. Den Vertrag mit der Messe völlig missachtend bewarb sich das Land für die Ausrichtung der IGA 2017 mit dem Standort Tempelhof: Hangar 1 und Empfangshalle.

Blumen sind so „letzte Saison“

Die parallele Nutzung der Räumlichkeiten durch die beiden Messen versetzt den Senat in Angst über die möglicherweise steigenden Kosten der Gartenschau. Es wurde schon in Betracht gezogen, die Eingangshalle des ehemaligen Flughafens in zwei Teile abzugrenzen und so die Modeverrückten von den Gartenaficionados zu trennen. Die Bauarbeiten für dieses ruhige Nebeneinander könnten die Finanzen ebenso beanspruchen wie das für den Flughafenbau geplante Café und der Dachgarten.

Eine Einigung zwischen Modemesse und Tempelhof Projekt, das zuständig für die Flughafenfläche ist, wurde angestrebt, konnte aber noch nicht errungen werden. Karl-Heinz Müller von der Bread & Butter kommentierte auf Anfrage des Tagesspiegels: „Hier ist kein Kompromiss möglich“. Schließlich bestehe der Vertrag, den Müller unterschrieb, bereits seit 2009 und ein Ausfall der zugesicherten Nutzung könne „Millionenausfälle“ zur Folge haben, so der Messe-Chef. Weit brenzliger seien die langfristigen finanziellen Folgen für die Messe, wenn Aussteller aufgrund der IGA bei späteren Messen Berlin mieden. So beharrt Müller auf seinem Vertrag, den er angibt, unterschrieben zu haben, bevor die IGA ins Gespräch kam.

Der Rosenkrieg geht noch weiter

„Angesichts der sehr hohen Kosten für eine IGA auf dem Tempelhofer Feld ist es nicht unerwartet, dass nun Alternativen geprüft werden“, so der Vorsitzende des Arbeitskreises Stadtentwicklung Daniel Buchholz (SPD). Die CDU hingegen scheint den neuen Plänen gegenüber nicht aufgeschlossen. Stefan Evers (CDU), Sprecher für Stadtentwicklungspolitik, meinte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die IGA kurzerhand nach Marzahn umzieht.“ Die IGA könne der ganzen Stadt nutzen, wenn ein „dezentrales Konzept“, das viele Bezirke mit einbezieht, Anwendung fände. Das Tempelhof Projekt und die IGA, beide dem Land zugehörig, gaben bis jetzt keine Auskunft.

Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass die Gartenmesse eine Rundum-Erneuerung bekommt. Beim Landesparteitag am 9. Juni empfahlen sogar Tempelhof-Kreuzberger Mitglieder der SPD, dass „die IGA 2017 sofort abgesagt“ wird. Die „dafür einzustellenden öffentlichen Mittel in Höhe von etwa 60 Millionen Euro für Investitionen und der Etat von 50 Millionen Euro für die Veranstaltungsdurchführung“ wären demnach besser im Wohnungsbau aufgehoben. Für den Antrag kam keine Mehrheit zusammen.

Drei Millionen für ein wackeliges Projekt

Eigentlich zählt Michael Müller, der Stadtentwicklungssenator der SPD, nicht als uneingeschränkter Freund der IGA. Die CDU hätte während der Koalitionsgründung die IGA beinahe aus dem metaphorischen Fenster geworfen. Doch Ingeborg Junge-Reyer, die vor Müller SPD-Senatorin für Stadtentwicklung war, erinnerte an die enorm teuren Schadensersatzkosten, die bei Vertragsbruch mit der IGA entstanden wären.

Die Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld sträubt sich auch gegen die Gartenausstellung. Das Feld wollen sie durch einen Bürgerentscheid für Umbauten retten. Hermann Barges, einer der Initiatoren, bestätigt die Antragstellung. Prominente Unterstützung gibt es von der „Stiftung Zukunft Berlin“, die mit Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU) und anderen bekannten Gesichtern gespickt ist. „Keiner fordert die IGA, keiner braucht die IGA – die Offenheit von Tempelhof ist ein Genuss für sich“, lautet ihr Wahlspruch. Die Stiftung um Hassemer spricht sich für eine Verschiebung der wenigen Ressourcen von Tempelhof nach Tegel aus, damit der noch aktive Flughafen später umgebaut werden kann. Die landeseigene Firma IGA wird dieses und nächstes Jahr mit je drei Millionen Euro vom Land unterstützt.


Quelle: Der Tagesspiegel

Flughafen Tempelhof, Columbiadamm 10, 12101 Berlin

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