Soziales Wohnen

In Lichtenberg gibt es jetzt eine Tiny House Ausstellung

In Lichtenberg gibt es jetzt eine Tiny House Ausstellung
Ein ganzes Dorf auf einem Parkplatz: Das "Tiny House Ville Lichtenberg" ist gleichzeitig eine Ausstellung.
Die erste Ausstellung zum Thema Tiny Houses findet in Lichtenberg statt. Van Bo Le Mentzel ist in Berlin DER Mann zum Thema. Uns hat er erzählt, warum jeder mal ein Tiny House gebaut haben sollte, was die Holzhäuschen zum Socializer macht und warum wir die Stadt abschaffen sollten.

Auf dem Parkplatz eines großen, schwedischen Möbelhauses stehen jetzt kleine, praktische Tiny Houses – Holzhäuser auf Rädern, in denen ein Bad, eine Küche und alles andere, was du zum Leben oder Arbeiten brauchst, Platz haben. Hingekarrt und aufgestellt hat sie das Team rund um Van Bo Le Mentzel, das in der Tiny Foundation organisiert ist. Das ist ein gemeinnütziger Verein, den der Architekt und Künstler Le Mentzel gerade gegründet hat, um seine Liebe zu den mobilen Raumwundern zu verbreiten. Die Tiny Foundation gibt als ihr erklärtes Ziel aber nicht an, Tiny Houses beliebter zu machen – sie ist, laut der eigenen Facebook-Seite, eine „Agentur für sozialere Nachbarschaft“. Wie hängt das denn jetzt zusammen? Wir wollten es genauer wissen, haben uns den Chef des Ganzen an seinem aktuellen Wirkungsort geschnappt und um Erklärung gebeten.

Das erwartet dich bei der ersten Ausstellung zu Tiny Houses

Zunächst mal zum aktuellen Projekt: Nach dem Tiny Town Urania Festival gibt es jetzt erstmals eine Ausstellung zum Thema Tiny Houses. Im Tiny House Ville Lichtenberg stehen ab dem 13. April fünf verschiedene Tiny Houses, die du besichtigen und rund um die du an Workshops und Diskussionen teilnehmen kannst. In den kommenden Wochen geht es darum, wie es sich in den kleinen Häusern lebt, was sie zum Gemeinwohl in unserer Stadt beitragen können oder warum Parkplätze der ideale Platz sind, um eine Stadt aus ihnen entstehen zu lassen. Wie funktioniert Wohnen in der Stadt für 100 Euro? Für wen reichen wenige mobile Quadratmeter zum Leben aus und warum? Und warum sollte jeder Mensch irgendwann ein eigenes Tiny House gebaut haben?

Prompt sind wir mittendrin in einer Diskussion um eben jene Fragen, obwohl wir Van Bo eigentlich nur fragen wollten, was genau uns bei der Ausstellung erwartet. Bin ich ein sozialer Nachbar, nur weil ich in einer klitzekleinen Holzhütte lebe? Und warum sollte ich, wenn ich das Glück habe, in Berlin den passenden Wohnraum für mich gefunden zu haben, trotzdem an einem der angebotenen Workshops zum Bauen eines Tiny Houses teilnehmen?

 

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Ein Beitrag geteilt von Roland Gorecki (@rolandgorecki) am Apr 8, 2019 um 2:08 PDT

 

In einem Tiny House kann man nicht wohnen, könnte man aber

Einige Vorteile der Tiny Houses liegen natürlich auf der Hand: Sie sind ökologisch aus Holz gefertigt, man kann sie den eigenen Bedürfnissen entsprechend gestalten, sie sind schnell gebaut und klimatisch einwandfreie Unterkünfte. Doch nicht ohne Grund gibt es bisher niemanden, der in einem Tiny House wohnt. Man darf in Deutschland nämlich, rechtlich betrachtet, nicht außerhalb einer Wohnung „wohnen“, sich also nicht in einer mobilen Unterkunft, in einem Zelt, Wohnwagen, Tiny House oder ähnlichem, wohnhaft melden. Doch das ist nicht zeitgemäß.

Laut einer aktuellen Studie des großen Möbelhauses, neben dem wir gerade sitzen, legt sich rund ein Drittel der Menschen in Europa nicht auf einen Wohnort fest. In Deutschland sind es rund 20 Prozent – zu denen zum Beispiel auch Berufspendler gehören. Wenn ich in Berlin studiere, sollte ich dann bei meinen Eltern auf dem Dorf gemeldet sein? Wenn ich die ganze Woche über in Wolfsburg arbeite und nur am Wochenende in meiner Wohnung in Berlin bin, warum sollte diese dann groß und luxuriös ausgestattet sein?

Eine der Grundfragen, die Van Bo mit seinem besonderen Hauskonzept stellt: Welchen Standard brauchen wir zum Leben? Aber: „Ich will den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Jeder soll wohnen können, wie er es braucht. Aber wenn ich ohne Strom leben möchte, sollte das auch möglich sein.“ Und wenn man kleinere Türen bauen möchte, als es das gesetzliche Mindestmaß vorschreibt, sollte auch das drin sein. Die Tiny Foundation möchte zur öffentlichen Diskussion darüber einladen. „Weil wir uns nicht vorstellen können, dass wir so klein leben können, müssen Menschen anderswo so leben, wie sie leben“, fasst Van Bo zusammen. Es gibt gar nicht genügend Rohstoffe auf dieser Erde, um allen Menschen den Standard zu ermöglichen, den sie selbst idealerweise leben möchten. Also sollten wir vielleicht alle umdenken.

Darum ist der Grundsatz der Tiny Houses auch die soziale Nachbarschaft, die mit dem altbekannten Gedanken „Sharing is Caring“ einhergeht. Wenn du ein riesiges Grundstück in Dahlem nur für dich haben möchtest: okay. Aber wenn die Kohle dafür da ist, wieso investierst du nicht zusätzlich in ein Tiny House und stellst es anderen zur Verfügung? Wer alles um sich herum hat und viel Platz beleuchten, versorgen, bewässern muss, lebt automatisch wenig sozial, verbraucht viel, handelt individuell und ist nicht auf andere angewiesen. Ein Tiny House würde mit seinen begrenzten Möglichkeiten vielmehr dazu einladen, das Leben nach außen zu verlagern und zu netzwerken.

Co-Working Space, Café oder Wohnraum? Diese Tiny House Modelle könnten alles sein!

Insgesamt stellt Van Bo drei Forderungen an die Politik: Er fordert eine Wohnraumreform. Es sei an der Zeit, dass kein Zwang zum festen Wohnsitz mehr nötig sei. Immerhin mache die heutige Technik es absolut möglich, dass man auch ohne feste Wohnung, zum Beispiel per Mail, immer für Amtsangelegenheiten erreichbar und eben überall auffindbar sei.
Zweitens müsse öffentlicher Raum der gesamten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – und nicht etwa nur für PKW-Besitzer reserviert sein wie es bei Parkplätzen der Fall ist. Laut seiner Idee sollte auch jeder Mensch, der etwas für die Gesellschaft tut, einen türkisen Parkausweis bekommen: Bisher darf damit zum Beispiel eine Hebamme oder die Feuerwehr überall parken. Warum sollte man damit nicht ein Tiny House, das einen Nutzen für das Gemeinwohl darstellt, überall abstellen dürfen?
Und schließlich sollte laut Van Bo das Bauen auf unversiegelten Flächen verboten werden – auf Wiesen und anderen Böden also, damit diese erhalten bleiben.

Das hieße aber auch: Neubauprojekte gäbe es nicht mehr. Dabei brauchen wir doch dringend neue Häuser, neue Wohnungen, neue Kitas, neue Büros oder Kaufhallen – oder nicht?

„Es geht darum, die Stadt abzuschaffen“

Zum Thema Wohnraummangel in Berlin sagt Van Bo Le Mentzel: „Wir haben nicht zu wenig Wohnraum. Wir haben nur noch nicht verstanden, wie man den öffentlichen Raum richtig nutzt.“ Wenn Büros, die bis 18 Uhr genutzt werden, in den Abend- und Nachtstunden als Hotel fungieren würden, bräuchte man etwa weniger Platz für Hotels und schon wäre wieder mehr Platz zum Wohnen geschaffen. Wenn nicht unglaublich viel Platz in der Stadt für das Parken von Autos reserviert wäre, könnten die Flächen fürs Arbeiten, für die Versorgung mit Lebensmitteln oder für die Betreuunng von Kindern genutzt werden – zum Beispiel in einem der Tiny Houses. Vieleicht bräuchte es überhaupt weniger Autos, wenn du dank Tiny Houses eine bessere Infrastruktur direkt vor der Haustür finden würdest? Wohnraum neu zu denken heißt laut Van Bo also: „Es geht nicht darum, Wohnen oder Büros abzuschaffen. Es geht darum, die Stadt abzuschaffen.“ Jedenfalls in der Form, wie wir sie bisher verstehen und leben. Wie die Tiny Houses dazu beitragen? Ehe man ein neues Büro oder was auch immer in der Stadt gerade fehlt, jahrelang baut, warum nicht schnell ein Tiny House auf nicht genutzten Raum stellen und das, was man braucht, darin einrichten?

Ja, warum eigentlich nicht? Und wer, wenn nicht die Jungs und Mädels von der Tiny Foundation, könnten uns darüber was erzählen? Van Bo selbst jedenfalls sagt: „Kein Mensch, außer uns, weiß, wie man Wohnungen produziert, die weniger kosten als 400 Euro.“ Zu Gärten auf dem Dach, Harry-Potter-Wänden, die Räume in den kleinen Häusern nach Bedarf vergrößern und zu WG-geeigneten Tiny Houeses hat die Tiny Foundation außerdem Ideen entwickelt. Man höre und staune – auf einem Parkplatz in Lichtenberg.

 

Alles über die Chancen, die Tiny Houses bieten, erfährst du vom 13. April bis zum 12. Mai in Lichtenberg. Geöffnet ist Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr, der Eintritt kostet 5 Euro. Auf Facebook gibt es alle Infos zur Ausstellung Tiny House Ville Lichtenberg und natürlich auf der Webseite der Tiny Foundation. Dass die Tiny Houses hier stehen, verdanken wir übrigens dem schwedischen Möbelriesen selbst. Der Konzern hat Van Bo und sein Team eingeladen, auf den Parkplatz zu kommen. Wie es nach der Ausstellung weitergeht, ist noch nicht klar. Van Bo würde vor Ort gern ein auf zwei Jahre angelegtes Wohnexperiment starten.

 

In Lichtenberg gibt es jetzt eine Tiny House Ausstellung, Landsberger Allee 364, 10365 Berlin

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