Otto Sander

"Ein herzlicher Mensch"

Sein Stammplatz. Ein kleines Schildchen am Tresen der Paris-Bar erinnert an Otto Sander.
Sein Stammplatz. Ein kleines Schildchen am Tresen der Paris-Bar erinnert an Otto Sander.
Otto Sander ist am Donnerstag im Alter von 72 Jahren gestorben. Berliner, die ihn aus dem Alltag kannten, erinnern sich an einen freundlichen, natürlichen Menschen, der trotz seines Ruhms so gar keine Allüren hatte.

Da, wo er wohnte, ist Berlin nett, unaufgeregt, eventarm und hypefrei. Otto Sander sah, wenn er sein Zuhause verließ, hohe alte Bäume und ein paar Altbaufassaden der nüchternen Art. Die Jenaer Straße in der Nähe des Bayerischen Platzes liegt in einem Viertel, dessen Bausubstanz im Zweiten Weltkrieg gelitten hat – stillen Charme hat sie trotzdem. Otto Sander hat diesen Charme auf seine Weise weiterverbreitet, geht man nach dem, was die Leute in seinem Kiez so über ihn sagen.

Inja, die Chefin des Merenda, hat gleich Tränen in den Augen, als sie von Sanders Tod hört. Seit zehn Jahren kennt sie ihn, das Merenda war die räumlich nächste gastronomische Anlaufstelle für den Schauspieler, der in so einigen Bars und Restaurants viel Zeit verbracht hat, auch in der Paris Bar in der Kantstraße, wo ein Schild am Tresen an ihn erinnert. Zwei Minuten von oder bis daheim, über Granitgehwegplatten, unter Linden, die jedes Jahr den Frühsommerduft in der Stadt herbeizaubern. „Hier hat er Päuschen gemacht“, sagt Inja. Das Merenda firmierte als Feinkostladen, aber es ist eher kleines Restaurant, Bar, Café. Den perfekten Espresso gibt es für 1,30 Euro und für sechs Euro isst man Gemüse mit Pecorino. Otto Sander muss hier oft zu Gast gewesen sein – Inja kann sich an die erste Begegnung mit ihm nicht erinnern, „es ist so lange her“, sagt sie.

Ein stiller Gast

„Ein guter, herzlicher Mensch“ – das ist das Erste, was ihr zu ihm einfällt. Nichts von Großschauspielerattitüde, Künstlerarroganz oder Promiwahn, Otto Sander hat im Merenda ein bisschen Kraft getankt, einen Cappuccino getrunken oder ein Wasser, er hat, so Inja, erzählt, woran er arbeitet – und er hat für seine Rollen gelernt, „ganz leise vor sich hin“, sagt Inja, ein Gast unter anderen, der kein großes Aufhebens von sich machte. So haben ihn auch andere Nachbarn und Leute aus dem Kiez in Erinnerung. Der Zigarettenhändler in der Güntzelstraße nickt wissend, wenn man ihn auf Otto Sander anspricht, verweigert aber jede Antwort auf die Frage, ob der Schauspieler sich bei ihm mit Rauchwaren eingedeckt habe.

In dem Haus in der Jenaer Straße, wo Sander mit seiner Frau Monika Hansen in der zweiten Etage wohnte, sagt ein Nachbar, Otto Sander habe mitgefeiert, wenn ein Hoffest war – und er habe niemandem vermittelt, dass er oder sie es gerade mit einem echten Bühnen- und Filmstar zu tun habe. Im Gegenteil, er habe sich gefreut, wenn man ihn ansprach – und dann sei er schnell ins Erzählen gekommen. Manchmal habe er sich auch Kinderbücher geliehen, um seiner kleinen Enkelin vorzulesen – gern mit Bildern, um nicht so viel lesen zu müssen, erinnert sich der Nachbar. Keine Pose, eine nette Art, das passt zu dem, was Inja an ihrem Stammkunden so schätzte. Dass er schwer krank war, bekamen seine Nachbarn nur dem Augenschein nach mit. Noch vor einer Woche sei er mit dem Rollator unterwegs gewesen, heißt es.

Klaus Wowereit reagierte betroffen auf die Nachricht von Sanders Tod. Er sei „einer der ganz großen Schauspieler auf den Bühnen unserer Stadt gewesen“, sagte der Regierende Bürgermeister. „Berlin ist für ihn persönlich und künstlerisch zum Lebensmittelpunkt geworden“. Sander sei „eine Berliner Institution“ gewesen. Die Stadt habe „einen großen Mimen, eine große künstlerische Persönlichkeit und eine unvergessliche Sprechstimme verloren“.


Quelle: Der Tagesspiegel

Merenda italienischer Feinkostladen, Güntzelstr. 63, 10717 Berlin

Telefon 030 88757999

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