Die Straßen von Berlin

Cayenne und Roter Engel

Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg: Die Gentrifizierung schreitet voran.
Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg: Die Gentrifizierung schreitet voran. Zur Foto-Galerie
Die Immanuelkirchstraße erzählt von Vergangenheit und Zukunft in Prenzlauer Berg und zeigt die zwei Gesichter, die der Stadtteil in der Gegenwart hat.

Es macht Spaß, an einem sommerlichen Nachmittag vor dem Café namens Kaffe zu sitzen, einen Cappuccino zu trinken und ein Ciabatta zu essen. Das Café ist nicht besonders hip, obwohl es die passenden abgenutzten Wohnzimmermöbel hat. Man muss dort nicht gewesen sein, aber es ist nett. Das Café Kaléko nebenan wäre eine gleichwertige Alternative oder das Godshot gegenüber.  Letzteres sieht zwar etwas moderner aus, hat ein schickes Logo über der Tür und einen eigenen Claim – Godshot: The Future Urban Coffee Klub. Trotzdem handelt es sich mehr um einen Ort zum Wohlfühlen als um einen angesagten Szeneladen.

Die Cafés sind exemplarisch für die Immanuelkirchstraße, die durch ihre gelassene Nettigkeit geprägt wird. Gleichzeitig stehen sie aber auch für den Wandel in der Straße. Zwei der Cafés haben erst vor einem Jahr eröffnet. Zusammen mit einigen kleinen Modegeschäften, einem hippen Friseur und einem großen Bar-Restaurant haben sie den Charakter der Straße verändert. Auch in der Immanuelkirchstraße schreitet die Gentrifizierung unaufhaltsam voran – wie in so vielen Vierteln in Prenzlauer Berg. Noch hält die Balance in der Bevölkerungsstruktur und selbst die neuen Läden setzen mehr auf Gemütlichkeit als auf großspuriges Design.

Nicht nur heile Welt

Die Immanuelkirchstraße verläuft abschüssig zwischen Prenzlauer Allee und Greifswalder Straße, durchtrennt von der Winsstraße, die diesem Kiez seinen Namen gibt: Winskiez. Die Straße teilt die Immanuelkirchstraße in zwei Abschnitte, die sich stark unterscheiden: den einen, beginnend an der Prenzlauer Allee, mit der Immanuelkirche als Tor zum Kiez. Und den anderen, der bei einem Thai-Restaurant und einer Rotlichtbar namens „Roter Engel“ endet.

Trotz des Geredes von absoluter Familienfreundlichkeit scheint es auch in diesem Kiez noch Bedarf für ein Etablissement wie den „Roten Engel“ zu geben. Der untere Teil der Straße wirkt auch insgesamt rauer und noch nicht zu Tode saniert. Hier findet man nach wie vor einige unrenovierte Häuser und keine Boutiquen. Es gibt einen Friseursalon der alten Schule, einen Swinger-Club, einen Spätkauf und eine Fahrschule, die Rolläden im Erdgeschoss sind mit Tags bekritzelt. Außerdem sitzen hier viele soziale Vereine, wie Hestia e. V. mit einem Kontaktbüro für weibliche Gewaltopfer oder „Independent Living“, ein Zusammenschluss freier Jugendhilfeträger mit Kitas, betreuten WGs und Einrichtungen, die Hilfe für Einzelpersonen und Familien anbieten.

In diesem Teil der Immanuelkirchstraße scheint es so, als ob die schöne neue Prenzlauer-Berg-Welt gar nicht so schön und so neu ist. Als ob der Stadtteil trotz der Neubürger seine sozialen Probleme hat, und diese nicht nur frisch geschiedene Mütter betreffen, die sich plötzlich keinen Latte Macchiato mehr leisten können. Passend ist auch, dass im unteren Teil der Straße der „Club“ ein neues Zuhause gefunden hat. Das Kneipenrestaurant ist aus dem oberen Abschnitt hierher gezogen. Die üblichen Gäste des „Club“ haben mitunter schon vor der Wende im Kiez gewohnt, mögen aber keine Eckkneipen – ein überwiegend älteres Alternativpublikum, das eher auf kernigen Rock als auf elektronische Musik steht.

Kamin, Sauna, SUV

Im oberen Abschnitt der Straße fühlen sich dagegen eher die Neuberliner wohl. Das sogenannte Immanuelkirch-Carré stellt ein Paradebeispiel für die Gentrifizierung dar. Die Bewohner sind mehrheitlich wohlhabend, worauf die Cayennes, Q5 und Touaregs hindeuten, die aus der Tiefgarage brausen. Diese Wagen gehören mit Sicherheit nicht Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow oder MTV-Moderator Markus Kavka, die hier früher wohnten. Das Immanuelkirch-Carré läutet die zweite, härtere Stufe des Bevölkerungsaustauschs ein. Die jungen Leute, die vor gut zehn Jahren gekommen sind und später Familien gründeten, wissen oft selbst nicht, wie lange sie sich das Viertel noch leisten können. Viele von ihnen brauchen wegen der Kinder eine größere Wohnung und ein Umzug in dieser Gegend ist kaum zu finanzieren. Bezahlbare Wohnungen ab vier Zimmern aufwärts bekommt man höchstens noch an den viel befahrenen Ausfallstraßen nördlich des S-Bahn-Rings.

Für viele ist das jedoch keine Alternative zur Gemütlichkeit der Immanuelkirchstraße. Noch sind die SUV-Fahrer nicht in der Mehrheit, noch trifft man auf Kiez-Urgesteine, Künstler, junge Familien und jugendliche Touristen, die es vom Hostel am unteren Ende in Richtung Kollwitzplatz und Kulturbrauerei zieht. Die beiden indischen Restaurants in der Straße sind ebenso bezahlbar wie die Bäckerei, die von einer türkischen Familie betrieben wird, und der kleine Supermarkt in vietnamesischer Hand – dafür laufen auch alle vier Betriebe gut. Die wenigen Ausländer, die im Kiez wohnen, sind mehrheitlich Spanier, Italiener, Engländer, Russen oder Lateinamerikaner, die aufgrund ihres Bildungs-, Berufs- und Familienstands typisch für das neue Prenzlauer Berg sind und nicht weiter auffallen.

Doch die Straße wird weiterhin in Bewegung bleiben. Im unteren Abschnitt wird die letzte Baulücke geschlossen. Eine Werbetafel einer Immobilienfirma verkündet: „Hier entsteht das Immanuelkirch-Quartier“. Die Wohnungen werden über Privatgarten, Südbalkon, Kamin und Sauna verfügen. Schwere Zeiten für den „Roten Engel“. Wer die nahe Kiez-Institution Knaack-Club vertrieben hat, nimmt es mit einer Sex-Bar dreimal auf. Ob die Immanuelkirchstraße auch das neue ‚Quartier‘ aus- und ihren Charme behält?

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Quelle: Der Tagesspiegel

Cayenne und Roter Engel, Immanuelkirchstraße, 10405 Berlin

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