Immer mehr Galerien in Neukölln

Neu-Neukölln

Immer mehr Künstler, die in Berlin-Neukölln leben, stellen ihre Arbeiten auch in Neukölln aus. Selbst für professionelle Galerien gewinnt der Trendbezirk an Attraktivität.

Ivan Kiss war gerade noch am Dösen. Nichts Außergewöhnliches: Schließlich ist seine Neuköllner Galerie „Holz Kohlen Koks“ in der Reuterstraße 82 Werkstatt, Experimentierraum und auf eine gewisse Art auch sein Zuhause. Für 250 Euro monatlich hat er hier alles, was er für das Herstellen seiner klar geformten Plastiklampen und schnittigen Dekor-Artikel braucht: eine Menge Platz und kaum Ablenkung. Da kann man sich auch mal hinlegen, vorausgesetzt, es kommt kein Besucher.

Ohne, dass er es weiß, ist der Produktdesigner Teil einer Avantgarde: Sie gedeiht in Berlin-Neukölln und kennzeichnet einen Paradigmenwechsel, der sich schon länger ankündigt. In der Vergangenheit wohnten junge Kunstschaffende in dem billigen Arbeiterbezirk, stellten aber in der Potsdamer Straße oder in Berlin-Mitte aus.

Zwischennutzungsagentur Coopolis organisiert in Neukölln Räume für Künstler

Mittlerweile ändert sich das. Mehr und mehr Galerien werden dort eröffnet, wo auch die Künstler wohnen: in Neukölln. Ivan Kiss ist einer der Exponenten dieses Wandels. Im Keller organisiert er Ausstellungen, zu denen er befreundete Kollegen und Lieblingskünstler einlädt. Man muss den in Brüssel ausgebildeten Designer lediglich darum bitten, die in den Fußboden des Hauptraums eingelassene, versteckte Tür zu öffnen, unter der sich eine Treppe in den Keller verbirgt. Geht man hinunter, stößt man auf eine breite Fläche unverputzten Mauerwerks. Sie hat dieselbe Größe wie die voluminösen Räume im Parterre: Underground im wörtlichsten Sinne.

Die Räumlichkeiten hat ihm die Zwischennutzungsagentur Coopolis beschafft. Das Unternehmen kooperiert mit Eigentümern von Neuköllner Häusern, die über ungenutzte Gewerberäume verfügen und sie für einen begrenzten Zeitraum vermieten möchten. Früher befand sich in den Räumen der Galerie eine Holzkohlenhandlung. Nachdem er sich eingemietet hatte, musste der Designer ein halbes Jahr Arbeit in die Instandsetzung der heruntergekommenen Räume investieren. Abgesehen von den erschwinglichen Mieten, erzählt Kiss, sei ein Grund für den Umzug die Nähe zu anderen Künstlern gewesen, die zurzeit in Neukölln ihre Projekträume eröffnen. Die Reuterstraße sei eine Art Zentrum der Szene.

In der Masse der Galerien lässt sich schrittweise ein eigenes Profil aufbauen

Weiter südlich befinden sich ähnlich charmant improvisierte Galerien. Die Cell63-Galerie ist dort die Große unter den Kleinen. Im tiefsten Neukölln in der Allerstraße 38 gelegen, hängt an der Tür ein Zettel, eine Aufforderung zum Klopfen. Danach öffnet einem entweder Luisa Catucci die Tür oder ein Künstler, der gerade in einer kleinen Abstellkammer neben der Galerie wohnt. Bekannt ist die Galeristin Luisa Catucci dafür, dass sie sich schonungslos für junge Künstler einsetzt. Noch bis zum 22. April 2012 zeigt sie Werke von Angela Loveday und Lys Lydia Selimalhigazi.

Im nördlichen Neukölln sind etabliertere Galerien angesiedelt. „Soy Capitán“ ist so ein Beispiel für den neuen Neuköllner Professionalismus, der dem Projektraumcharme aus dem Süden kaum noch ähnelt. Stattdessen präsentiert sich die ambitionierte Galerie als hochprofessionell geführt. Die Besitzerin Heike Tosun entschied sich erst nach vielen Erfahrungen in großen Institutionen für die Selbstständigkeit. Experimentelle, engagierte Kunst hebt ihre kleine, aber gut sichtbare und hübsch restaurierte Altbaugalerie in der Friedelstraße 29 hervor. Auf die Frage, wieso sie Neukölln ausgesucht habe, antwortet die Galeristin mit Bescheidenheit: „In Neukölln passiert viel. Und ich bin mittendrin. Hier kann man mutige Projekte wagen, ohne dass die anderen Galerien einem so stark auf die Finger schauen, und sich Schritt für Schritt ein eigenständiges Profil erarbeiten. Gerade als junge Galeristin.“

Neukölln löst die Potsdamer Straße als professionelles Kunstareal ab

Diese Meinung teilt Anne Schwarz. Ihre Galerie Schwarz Contemporary ist einige Schritte weiter in der Sanderstraße 28 gelegen. Die Räume sind wunderbar geschnitten, das Licht ist perfekt komponiert, die Wirkung der Kunstwerke entfaltet sich so harmonisch wie die kontrapunktische Musik, die vom Arbeitszimmer herübertönt. Noch bis zum 14. April stellt Schwarz Werke von Monika Goetz aus, danach sind Arbeiten von Clara Brörmann und Laurence Egloff zu sehen.

Anne Schwarz, die fünf Jahre bei Contemporary Fine Arts gearbeitet hat, wird zur Entwicklung Neuköllns zum professionellen Kunstareal beitragen. Sie bestimmt den Trend mit Verstand, Erfahrung und Feingefühl mit. Auch wenn es ein Risiko war, nach Neukölln zu ziehen, ist die Galeristin inzwischen von ihrem Entschluss überzeugt: „Eigentlich wollte ich ja in die Potsdamer Straße. Aber dann merkte ich, dass der Zug dort abgefahren ist. Dann fand ich die Räume in der Sanderstraße. Da war mir klar: Du ziehst jetzt nach Neukölln.“


Quelle: Der Tagesspiegel

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