Nassplattenfotografie in Kreuzberg

Glasbilder aus der Holzkassette

Glasbilder aus der Holzkassette
Der Fotograf und sein Handwerkszeug: Daniel Samanns arbeitet in Kreuzberg mit Kameras aus dem 19. Jahrhundert. Zur Foto-Galerie
Bergmannkiez - Auf einem Hinterhof in Kreuzberg entstehen Fotografien aus einer anderen Zeit. Daniel Samanns ist Deutschlands einziger Fotograf, der ausschließlich mit der Nassplattentechnik arbeitet. Das Verfahren und sein Arbeitsmaterial stammen aus dem 19. Jahrhundert und faszinieren bis heute.

Wer bei Daniel Samanns für ein Porträt Modell steht, der braucht Zeit. Da ist nichts mit dem Klicken und Blitzen moderner Digitalfotos, bei ihm geht es um Ruhe und Beständigkeit. Samanns‘ Profession ist die Nassplattenfotografie, ein Verfahren, bei dem eine Glasplatte im durchgehend nassen Zustand so bearbeitet und belichtet wird, dass sie am Ende das abbildet, was vor die Kameralinse gesetzt wurde. Heraus kommt dabei nicht nur ein Foto, sondern ein Unikat.

Um ein solches in den Händen zu halten, sollte man sich eine Stunde Zeit nehmen. Alles beginnt mit einem gemeinsamen Kaffee, bei dem der Fotograf mit seinen Modellen über die Geschichte seiner Technik und den Entstehungsprozess der Bilder spricht. Wer Glück hat, kann beobachten, wie Samanns sein Arbeitsmaterial zusammenschraubt und eine seiner Holzkameras aussucht, die allesamt schon im 19. Jahrhundert zum Einsatz gekommen sind. Mit einem Blick durch ihre Linse platziert der Künstler seine Modelle auf einem alten Stuhl: Kopf ein bisschen höher, Kinn einen Millimeter nach rechts, das kennt man auch von anderen Fotografen. Wenn Position und Licht perfekt sind, kommt etwas, das man nicht oft sieht: eine Kopfstütze. Denn nachdem Samanns eine Glasplatte mit seiner Fotoschicht begossen, sie hinter zwei schwarzen Vorhängen in einem Silberbad lichtsensibel gemacht hat und sie in der Kamera gelandet ist, ist Ruhe gefragt.

Bitte nicht lächeln

Sobald der Objektivdeckel geöffnet wird und Licht auf die präparierte Platte fällt, entsteht auf ihr das Foto. „Jetzt ganz stillhalten“, sagt der Fotograf kurz vor diesem Moment, „nicht lächeln – jetzt nur mit den Augen strahlen“ und „denk‘ an was Schönes“. Gar nicht so leicht, sich aus dem Studio wegzuträumen. Das nötige Licht blendet stark, in der großen Kameralinse spiegelt sich der eigene Torso gleich zwei Mal. Aber wenn der Objektivdeckel nach etwa 20 Sekunden wieder geschlossen ist, wird es magisch. Die Glasplatte hat sich augenscheinlich kaum verändet. Doch im Fixierbad entstehen nach und nach Konturen und Schatten, „das Bild tritt aus dem Nebel heraus“, wie Samanns sagt. Und erst hier zeigt sich, ob es zu hell oder zu dunkel geraten ist und welche Prozessspuren die verschiedenen Flüssigkeiten auf ihm hinterlassen haben: kleine Punkte, lange Schlieren oder schwarze Flecke gelten nicht als Fehler, sondern gehören dazu. Genau wie die Tatsache, dass auf den Porträts durch die lange Belichtungszeit nicht gelächelt werden kann.

 

Mit Ur-Fotografie gegen die Beliebigkeit

„Ich finde das ganz klasse, weil die Welt nicht nur aus Lächeln besteht“, erklärt der gebürtige Rheinländer. Früher war er Mode- und Werbefotograf, hat im Ausland als Bildberichterstatter gearbeitet. Die digitale Fotografie ist für ihn aber zu beliebig geworden: helle, bunte, scharfe Bilder, die in Sekunden um die Welt gehen können, wechselnde und aufgeschminkte Schönheitsideale, vorgekaukelte Realität und digitale Fotomengen. „Wer macht denn noch Familienalben und schaut sie gemeinsam an? Das geht alles verloren“, bedauert Samanns. Seine Art zu fotografieren ist darum nicht nur die Erfüllung eines Jugendtraums, sondern auch eine Hinwendung zu bestimmten Werten: Es geht um Interaktion, um Authentizität und Beständigkeit. Darum, die Dinge mal so zu lassen, wie sie sind. „Das ist, was mich glücklich macht. Ich schaffe etwas, das ich und meine Ur-Ur-Enkel immer wieder ansehen können.“

Entsprechend sucht er auch die Modelle für seine künstlerischen Portäts aus. Er findet sie auf Berlins Straßen, in Galerien und überall, wo er sich bewegt. Sie müssen Aussagekraft haben, egal ob lange oder abstehende Ohren, schmaler oder großer Mund. Viele sagen, man sähe ihre Seele in den Bildern. „Auch durch die lange Belichtungszeit“, weiß Samanns. „Da passiert was, der Mensch denkt was. Es macht einen Unterschied, ob er seinen tollsten Sommerurlaub im Kopf hatte oder den Kosovo-Krieg.“ Gebannt wird das alles auf einer Glasplatte, nie perfekt und gerade darum vollkommen schön. Ein Kreuzberger Hinterhof-Unikat für die Ewigkeit.

Mehr Eindrücke von Daniel Samanns Arbeit gibt es auf seiner Seite. Außerdem gibt er Workshops zur Collodion Wet Plate Photography – also zu Nassplattentechnik. Vorträge und Workshops für Privatpersonen, an Hochschulen oder vor Fachpublikum können hier gebucht werden. Ab dem 20. Juni werden Arbeiten von Daniel Samanns in der Carpentier Galerie zu sehen sein.

Foto Galerie

Daniel Samanns Nassplattenfotografie, Am Tempelhofer Berg 6, 10965 Berlin
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