Einzigartig in der Stadt

Berlins außergewöhnlichster Sackpfeifer

Berlins außergewöhnlichster Sackpfeifer
Matthias Branschke in seiner Dudelsackmanufaktur in Berlin. Zur Foto-Galerie
Komponistenviertel - Man könnte meinen, so etwas gibt es nur in Schottland oder Irland, aber diese Kunst hat auch in Deutschland Tradition. Und in einem Hinterhof in Weißensee sitzt der einzige Mann Berlins, der sich wirklich mit "Osthupe", "Marktschwein" und "Sessionprotz" auskennt ...

Dudelsäcke assoziieren viele mit den schottischen Highlands oder irischen Pubs. Als uns an diesem Tag die Töne aus der sogenannten Sackpfeife zu Ohren kommen, sitzen wir allerdings in einem Hinterhof in Weißensee. Dort steht die kleine Werkstatt von Matthias Branschke. Sie ist Berlins einzige Dudelsackmanufaktur, in ganz Deutschland gibt es nur rund zwanzig Hersteller. Außerdem ist Matthias einer der erfolgreichsten Sackpfeifer des Landes – so heißen seit Jahrhunderten die Männer, die das Instrument beherrschen.

Die Ossis haben den lautesten

Immerhin gehört der Dudelsack zu den ältesten Musikinstrumenten der Welt. Zwischen dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit war er europaweit besonders verbreitet. Aber noch heute klingt ein schottischer Dudelsack anders als ein spanischer und der sieht anders aus als ein tschechischer. Selbst im deutschen Raum gibt es unterschiedliche Szenen. Grund ist vor allem die Teilung zwischen Ost und West.

„Dudelsäcke, die man heute auf Mittelaltermärkten spielt, sind eher eine Ost-Erfindung“, klärt uns Matthias auf. Mit dem Revival der Folk-Musik in den 70er Jahren wolte man auch in Ostdeutschland Dudelsack spielen, dazu hatte man aber kaum Zugang. Also erfand man im Osten eine eigene Sackpfeife, die besonders laut war. Das Modell wurde entsprechend „Marktschwein“ oder „Osthupe“ gennant. „Die Namen hört man in der Szene im Osten nicht mehr gerne. Ich finde das schade. Das sind doch coole Begriffe“, so Matthias. Insgesamt fasziniert die Geschichte des Instruments den 28-Jährigen noch heute: „Der Dudelsack ist ein traditionelles Ding, das zur deutschen Volksmusik gehört. Das ist also mein Background. Und man muss damit nicht unbedingt irische Musik machen. Das können die Iren besser.“ Wie sich eine traditionelle deutsche Melodie anhört, zeigt er übrigens in diesem Video.

Matthias Liebe zum Dudelsack entflammte auf einem Mittelaltermarkt in seiner Heimatstadt Wittenberg, als er acht war. Mit 12 Jahren reiste er nach Bayern, um einen Dudelsack-Workshop zu besuchen und blieb seitdem auf dem Instrument hängen. Für ein Leben mit der Musik, ohne als armer Künstler zu enden, lag eine Ausbildung zum Dudelsackbauer nahe. Dabei ist das Leben als solcher nicht so romantisch, wie man denkt: „Die Erwartung ist, dass man bei Kerzenschein ein mundgeklöppeltes Instrument pro Jahr herstellt. Aber wenn man nicht wirklich drauf steht, ist das ein Stressjob.“ Matthias ist allerdings auch nach der Ausbildung mit Begeisterung auf der Suche nach der perfekten Sackpfeife. „Seit 2010 bin ich alleene hier“, sagt er zufrieden.

Auf der Warteliste fürs Dudelsack-Karma

Hier, das heißt in Weißensee. „Weil man hier seine Miete noch bezahlen kann.“ Die Gentrifizierung lässt auf sich warten. Und es beschwert sich auch keiner, wenn Matthias auf einem seiner drei Modelle probedudelt. Die unterscheiden sich durch die unterschiedliche Anzahl der Pfeifen, die aus dem Ledersack ragen. Sie entscheiden, wie satt der Bordun, der permanente Brummton, und die hohen Töne klingen. Außerdem hat Matthias einen Dudelsack entwickelt, der einen Halbton mehr als andere und außerdem stakkato spielen kann. Ob es daran liegt, dass die Warteliste für die Dudelsäcke aus Berlin-Weißensee so lang ist, dass man aktuell zweieinhalb Jahre auf einen handgefertigten Dudelsack warten muss, der zwischen 950 und 3000 Euro kostet? Nicht nur! Denn auch bei gleicher Herstellungstechnik klingen die Instrumente von jedem Dudelsackbauer anders. Wir scherzen über Karma, aber Matthias meint es ernst, wenn er sagt: „Ich hoffe, dass ich irgendwann mal komplett dahintersteigen werde, wie das funktioniert.“

An der Drechselmaschine bearbeitet er das Holz. (c) Thomas Kühn
Matthias beim Zusammensetzen der Blasrohre. (c) Thomas Kühn

Dudelsackpspieler Matthias Branschke mit dem "Sessionprotz" in seiner Werkstatt. (c) Wernicke


Mehr Infos über die Dudelsackmanufaktur erfährst du auf dieser Homepage. Wenn du Matthias live spielen sehen möchtest, halte nach Auftritten der Duos Branschke Zloch oder T.K.P. Ausschau. In der Adventszeit spielen T.K.P. auch ein Weihnachtsprogramm: am 01.12. in Sepp Maiers 2Raumwohnung, am 11. 12. im Haus der Sinne und am 18.12. 2015 in der Wabe.

Foto Galerie

Dudelsackmanufaktur Matthias Branschke, Berliner Allee 150, 13088 Berlin
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