Tagesspiegel-Serie zu Berliner Plätzen

Innsbrucker Platz: Hier regiert der Verkehr

Innsbrucker Platz: Hier regiert der Verkehr
Hier rollt der Verkehr. Von Nord nach Süd, von West nach Ost - über den Innsbrucker Platz müssen fast alle.
LKWs und andere Brummis haben am Innsbrucker Platz Vorfahrt. Die Interessen der Fußgänger hingehen sind unter die Räder gekommen. Zu einer Verbesserung der Lage fällt selbst dem Bezirk kaum etwas ein.

Wie kann der Innsbrucker Platz gerettet werden? Sibyll Klotz (Grüne), Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung antwortet nur zögernd: „Vielleicht kann man die Situation für Fußgänger und Fahrradfahrer erträglicher machen.“ Doch am Innsbrucker Platz fährt nun einmal „in alle Richtungen Verkehr“. Und dort wo sie eigentlich nötig wären, wie am nördlichen Rand des Kreisverkehrs, wo es ein kleines Eiscafé gibt, Bänke und den Eingang zur U-Bahn – sogar da wurden die Schatten spendenden Bäume einfach entfernt.

Dass es noch nicht einmal einer grünen Stadträtin für Stadtentwicklung möglich ist, den Verkehr am Innsbrucker Platz zumindest wegzudenken, das macht die Zwangslage dieses Ortes im Süden Schönebergs deutlich.

Die Hauptstraße um eine Spur schmaler machen, um den Verkehr zu beruhigen? Daran ist nicht zu denken – und schon gar nicht daran, die Zufahrt zur Autobahn zu verlegen. Der Innsbrucker Platz hat einen zu wichtigen Stellenwert: für die Verkehrsaufteilung von Nord nach Süd sowie von Ost nach West.

Verkehr statt Kiezkultur

Der Platz ist nicht nur Kreuzungspunkt von Autobahn und Hauptstraßen, auch von S- und U-Bahn. Man steigt um, wechselt die Spur oder die Richtung. Wer hat schon Lust, an einer lärmenden Kreuzung zu verweilen, über die alle nur hinwegeilen? Lebendige Kiezkultur sieht anders aus – und die Anwohner regen sich immer wieder über den vielen Müll auf.

In der nahe gelegenen Hauptstraße stehen ungezählte Geschäfte leer. Und die, die es noch gibt, versuchen mit Gags und Tiefpreisen Kunden zu gewinnen: „Hair-tie“ heißt ein Friseursalon, der preiswerte Haarschnitte anbietet. Ein Kaufhaus mit gutsortiertem Angebot gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Hingegen eine Berliner Bank-Filiale und eine Apotheke. Ferner ist die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft degewo stolz auf das historische Gebäude, das sie hier besitzt. Es sei der erste Wohnturm Berlins, 1926 von Paul Mebes und Paul Emmerich errichtet – und damals von den Kritikern gefeiert.

Laut degewo sind alle 183 Wohnungen im Wohnturm und in den angrenzenden Blöcken vermietet, abgesehen von renovierungsbedingtem Leerstand bei Mieterwechsel. „Die Mieter schätzen die verkehrsgünstige Lage“, so Sprecher Lutz Ackermann. Und sie sind auch bereit, ordentlich dafür zu zahlen: monatlich 5,70 Euro pro Quadratmeter netto kalt, das liegt fast zehn Prozent über dem Mietspiegeldurchschnitt.

Einst königlicher Highway und ruhiges Fleckchen

Nicht ganz so gut läuft das Geschäft beim Verwalter des Bürohauses südlich des S-Bahnhofes. Hier gibt es noch einiges zu vermieten. Dabei dürfte beim Blick aus den oberen Stockwerken des Turmes der verborgene Reiz des Innsbrucker Platzes erkennbar werden: Aus der Vogelperspektive sollen die konzentrischen Kreise zu sehen sein, die von den Rändern zur Platzmitte verlaufen. Allerdings ist im Zentrum des Innsbrucker Platzes, aus der Nähe betrachtet, nichts – nichts als lärmender Verkehr. Aber war das nicht zu erwarten, nachdem die Hauptstraße schon vor 240 Jahren zur ersten befestigten Chaussee Preußens ausgebaut wurde? Friedrich Wilhelm II. diente die Verbindung nach Potsdam im Jahr 1792 als königlicher Highway. Nur, dass es damals weniger Verkehr gab. Ruhe herrschte noch 100 Jahre lang, so dass noch 1877, als hier der neue S-Bahn-Ring geschlossen und der Bahnverkehr vollständig in Betrieb genommen wurde, der Innsbrucker Platz nicht einmal eine Haltestelle bekam. Diese wurde erst 1933 eingerichtet.

Zuvor lebten zu wenig Menschen in den Dörfern Schöneberg und Steglitz, an deren Grenze der Platz sich damals befand. Das wurde anders, als Reichsbeamte und Bürgersleute kamen und vor 140 Jahren, auf der Suche nach einer Oase weit weg von Lärm und Geschäftigkeit der Großstadt Friedenau gründeten. Der „Landerwerb- und Bauverein auf Actien“ machte ihnen den Bau des Quartiers möglich. Zu seinen Mitgliedern zählten Pensionäre, Lehrer und Künstler.

Vernichtet im Namen der autogerechten Stadt

An den Stadtvillen in Friedenau lässt sich die Qualität der Gründerzeit-Bauten erkennen, die auch den Innsbrucker Platz bis zum zweiten Weltkrieg geprägt haben müssen. Zerstört wurden sie im Bomben- und Granatenhagel des „Kampfes um Berlin“. Für den hatte das Terrorregime der Nazis den S-Bahnring als letzte Verteidigungslinie bestimmt.

Auf die Verwüstung des Stadtplatzes folgte die Vernichtung der Urbanität im Namen der „autogerechten Stadt“. Auf fünf Ebenen verteilten die Planer in den 1970er Jahren den Verkehr. Über der Erde bekamen die Autos Vorfahrt. Fußgänger sollten ursprünglich ganz im Untergrund verschwinden, in einem „Fußgängerverteilergeschoss“.

Nahe dem S-Bahnhof kann man einen Teil dieser Anlage noch heute besichtigen: Ein Discounter hat sich im neonbeleuchteten Untergrund niedergelassen, mit langen Öffnungszeiten, auch an den Sonntagen. Unter dieser Etage verläuft der Tunnel für die Autobahn. Dieser zerteilt wiederum die ehemalige U-Bahn-Trasse gen Süden. Eine neue Linienführung, die U 10, sollte sie ersetzen und den Potsdamer Platz mit Steglitz verbinden. Den Rohbau für einen Bahnhof ließen die Planer schon einmal bauen. Dabei ist es geblieben.


Quelle: Der Tagesspiegel

Innsbrucker Platz: Hier regiert der Verkehr, Innsbrucker Platz, 10827 Berlin

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