Alltagsheld*innen

Kinderärztin Eva: "Die Situation schweißt uns Kollegen zusammen"

Die Kinderärztin Eva sitzt vor ihrem Computer.
Kinderärztin Eva gehört zu den vielen Alltagsheld*innen unserer Stadt.
Eva arbeitet als Kinderärztin in einem großen Berliner Krankenhaus: Jeden Tag fährt sie in die Klinik, um Kinder zu behandeln - trotz fehlender Schutzausrüstung. Doch sie hat Hoffnung, dass Deutschland mit dem Coronavirus fertig wird und verrät, was du tun kannst um zu helfen.

Bundesweit sind laut Robert-Koch-Institut derzeit bereits über 2.3000 Pfleger*innen und Ärzt*innen mit dem Coronavirus infiziert. Trotz der Ansteckungsgefahr jeden Tag zur Arbeit zu gehen und Menschenleben zu retten – das macht diese Menschen zu Held*innen des Alltags. Wir haben mit Kinderärztin Eva über ihre Arbeit und die aktuellen Zustände in einem Berliner Krankenhaus gesprochen.

QIEZ: Wie hast du die vergangenen Tage erlebt?

Eva: „Ich bin erst vor eineinhalb Wochen von einer längeren Reise aus Südamerika zurückgekommen, in den vergangenen Wochen war dort bereits von Corona zu hören, aber es schien weit weg und so absurd. Nun trifft man auf die harte Realität. Ich habe gerade noch einen Rückflug bekommen. Dass jetzt alles so schnell geht und die Grenzen dicht sind, Flüge nicht mehr gehen, das war vor Kurzem nicht abzusehen. Ich bin froh wieder in Berlin zu sein. Noch letzte Woche hat man deutlich gespürt, dass die meisten Menschen dachten: Na gut, dann hängen wir eben im Park ab. Das hat sich jetzt geändert, wenn ich abends mit meinem Hund spazieren gehe. Ich treffe so gut wie niemanden mehr.“

Wie fühlt es sich an, weiter jeden Tag zur Arbeit zu gehen?

„Die Krankenhäuser bereiten sich auf das Schlimmste vor, täglich gibt es Krisensitzungen und Ablaufpläne, um Szenarien wie in Italien oder Spanien mit unzureichenden Beatmungsplätzen zu verhindern. Wir alle haben noch keine Idee, wie das volle Ausmaß ausfallen wird. Momentan fühlt es sich auch ein bisschen gruselig an zu arbeiten. Man fährt in einer fast leeren S-Bahn zur Arbeit. Um das Krankenhausgelände haben Anwohner Plakate aufgehängt, sie sind dankbar, dass wir weiter arbeiten. Man geht rein und fragt sich, bin ich jetzt wirklich diejenige, die hier weiter arbeitet?“

Wie hat sich deine Arbeitssituation geändert?

„Auf den Fluren in der Klinik ist es seltsam ruhig, fast gespenstisch, man wartet immer auf den großen Knall. Rettungsstellen sind leer, weil endlich nur noch die Kinder gebracht werden, die wirklich krank sind, und nicht wie sonst mit jedem kleinen Wehwechen und Fieber seit 30 Minuten vorgestellt werden. Niemand will das Risiko auf sich nehmen im Krankenhaus zu sein, wenn es nicht wirklich sein muss. Es gibt immer wieder Corona-Verdachtsfälle, dann heißt es: in volle Schutzmontur schlüpfen (so lange wir diese noch haben) und einen Abstrich machen. Momentan warten wir vier bis fünf Tage auf die Ergebnisse, weil die Labore überlastet sind. Glücklicherweise sind Kinder und Jugendliche scheinbar viel weniger von Covid-19 Infektionen befallen. Wir als Kinderärzte werden trotzdem zügig in den Erwachsenenbereichen eingesetzt um dort zu helfen, jede Hand wird nötig sein.“

Kannst du die Anspannung nachvollziehen?

„Ja! Ich war die ganze Zeit entspannt und dachte: Das wird schon, bei uns kann das nicht so schlimm ausfallen. Dann habe ich die Bilder der Panzer in der italienischen Stadt Bergamo gesehen und mich überkam ein ungutes Gefühl. Dem lasse ich nicht soviel Platz, ich denke immer noch, dass wir aktuell den entscheidenden Vorteil haben, uns vorbereiten zu können und aus Regionen wie Wuhan zu lernen, wo das Virus und die Ansteckungszahlen schon stagnieren. Menschen und Freunde mit denen ich sprach geben vor allem ein Gefühl der Ohnmacht an, ‚man könne ja nichts machen‘. Aber das stimmt so nicht, man leistet einen riesigen Beitrag für alle, die weiter arbeiten, indem man zu Hause bleibt. Denn das Hauptproblem der Versorgung ist die gleichzeitige Erkrankung von Menschen.“

Wie schützt du dich bei der Arbeit?

„Bei Verdacht auf eine Covid-19 Infektion tragen wir Schutzkittel, Handschuhe, Schutzbrille, um einen Infektionsweg über die Augen auszuschließen, sowie Atemschutzmasken. Alle werden in speziellen ISO-Räumen untersucht.“

Was forderst du für den Beruf des Pflegers/Arztes?

„Ich würde mir wünschen, dass wir vernünftig ausgestattet werden um langfristig gesund zu bleiben. Wir alle werden in den nächsten Wochen und Monaten über das Maß hinaus arbeiten, aber was wir alle wollen, ist dabei selbst gesund bleiben und nichts mit nach Hause bringen, um unsere Familien zu schützen. Ich wünsche mir, dass mit gesundem Menschenverstand gehandelt werden kann und keine Panik ausbricht. Wir werden das hinbekommen und den Mut nicht verlieren – zwischen Kollegen habe ich das Gefühl es schweißt uns alle mehr zusammen.“

Wie kann man helfen?

„Die wichtigste Hilfe: zu Hause bleiben. Wirklich nur rausgehen wenn es nötig wird und nicht alles hamstern. Und die Zeit zu Hause mit kreativen Ideen zu nutzen. Aktuell müssen einige Bereiche in Krankenhäusern permanent Mundschutz tragen – wir haben aber schon jetzt nur wenige von den normalen, die man aus dem OP kennt. Daher haben einige von uns begonnen, Mundschutz aus Stoff zu nähen, die helfen uns im Alltag wenn wir nicht mit Corona-Patienten zu tun haben, sie können mit Kochwäsche gereinigt und so wiederverwendet werden. Diese könnte man nähen, um sich die Zeit zu Hause zu vertreiben – die Kliniken, Altenheime, Kassiererinnen und Rettungsdienste freuen sich sehr.“

Weitere Artikel zum Thema