Interview

Jürgen Vogel: "Dass Berlin so geil ist, konnte ich ja nicht ahnen!"

Jürgen Vogel:
Nur Kriminalkommissarin Olga (Maria Simon) kann dem geheimnisvollen Lennard (Jürgen Vogel) im Film ein Lächeln entlocken. Zur Foto-Galerie
Dass Jürgen Vogel ein großartiger Schauspieler ist, beweist er wieder einmal im neuen Polizeiruf "Demokratie stirbt in Finsternis“ als grimmiger Verschwörungstheoretiker. Er sprach mit uns über dicke Autos, Berlin zur Wendezeit und den Weltuntergang.

Wir treffen Jürgen Vogel im schicken Restaurant Einstein, das fast um die Ecke jener Wohnung liegt, in der er lebte, als er 1985 ganz frisch nach Berlin gekommen ist. Ein bisschen müde wirkt der geborene Hamburger am Anfang noch, aber genauso sympathisch und offen, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Sogar ein typisches Jürgen-Vogel-Lachen bekomme ich geschenkt.

QIEZ: Du hast einmal im Interview gesagt: „Ich glaube an die Chaostheorie. Und deswegen hoffe ich, dass das passiert, worauf ich schon lange warte: Alles bricht zusammen und wird dann wieder komplett neu aufgebaut.“ Fast so etwas passiert ja im Polizeiruf: Stromausfall, Anarchie und Chaos. Findest du so eine Dystopie echt reizvoll?

Jürgen Vogel: „Ich finde das Thema super spannend und es gibt ja wirklich diese Prepper-Szene, die sich selbst Keller baut und auf den Weltuntergang vorbereitet. Gerade in Amerika ist das stärker verbreitet. Prinzipiell kann ich natürlich verstehen, dass solche Verschwörungstheorien existieren: Es gibt Zeiten, in denen sich die Leute wohl und sicher fühlen und es gibt Zeiten, wo das nicht so ist. Und da momentan auf der Welt so viel passiert ist und immer noch passiert, ist da so eine Angst bei den Menschen.“

Hast du auch einen Notfallvorrat zu Hause?

J.V.: „Nein, ich selbst nicht. Wen das beruhigt, der soll das aber natürlich tun. Immerhin stärkt das den Einzelhandel.“ (lacht)

Im echten Leben gar nicht grimmig, sondern sehr sympathisch. ©QIEZ

 

Nach welchen Kriterien suchst du dir deine Rolle aus?

J.V.: „Eigentlich nach der Geschichte des Films. Als mich der Regisseur Matthias Glasner gefragt hat, ob ich beim Polizeiruf mitspielen will, war ich gerade mit einem anderen Dreh fertig, ziemlich erschöpft und wollte erstmal kein neues Projekt. Aber als ich das Drehbuch gelesen habe, dachte ich mir, das ist eigentlich eine geile Geschichte. Der Hof im Film ist so eine Art Mikrokosmos, der eine eigene Realität erschafft. Es geht auch um Familie, den Verlust von Familie und unser Gesellschaftssystem – passt man sich an oder nicht? Der Charakter, den ich spiele, ist sehr spannend. Er hat all diese Verschwörungstheorien in sich, aber versucht, damit relativ gemäßigt umzugehen. Dadurch entsteht eine interessante Energie und das ist richtig gut erzählt.“

Warum bist du damals 1985 als Jugendlicher aus deiner Heimat Hamburg nach Berlin gezogen?

„Ich hatte keinen Bock auf Bundeswehr. Ich hatte damals schon als Schauspieler gearbeitet und hab überlegt: ‚Wenn ich jetzt 18 Monate lang Wehrplicht mache, wo ich gerade mit der Schauspielerei angefangen habe, dann werde ich nach so einer langen Pause nie wieder in dem Beruf arbeiten.‘ Und dann dachte ich: ‚Auf keinen Fall‘ und bin nach Berlin gefahren. Dass Berlin so geil ist, weil alle Bundeswehr-Flüchtlinge da waren, konnte ich ja nicht ahnen. (lacht) Ich bin dann in eine WG in die Kurfürstenstraße gezogen, also direkt hier ums Eck.“

Wie hast du die Zeit um die Wende herum erlebt? Hast du selbst auch Häuser besetzt?

„Nee, aber wir wohnten gegenüber von einem besetzten Haus. Das war eine wahnsinnig aufregende Zeit damals, Berlin im Befreiungsmodus sozusagen. Nicht nur Ostberlin, auch Westberlin war ja befreit – von dieser Transitstrecke, der Mauer und der Isolation. Die Stadt wurde durch die Einheit viel grüner und hatte auf einmal richtige Wälder. Ich war auf jeden Fall sehr happy über die Wiedervereinigung. Die Wende hat meiner Meinung nach Berlin und überhaupt Deutschland sehr gut getan.“

Du lebst ja schon lange in Berlin: Wie hat sich die Stadt für dich verändert?

„Ich finde, Berlin macht das eigentlich ganz gut. Es gibt ja das alte Klischee hier, das alles was neu ist, nicht gut ist. Eine bestimmte Gruppe von Menschen findet es schlimm, dass auf Grundstücken gebaut wird, wo vorher nichts war. Ich sehe das anders, denn ich vergleiche das mit anderen Metropolen. Dass eine Stadt sich entwickelt, ist einfach normal, man kann das ja nicht künstlich aufhalten. Man muss aber natürlich dafür sorgen, dass bestimmte Regeln eingehalten werden und der Kiez geschützt wird. Man darf aber auch nicht anfangen, die Menschen zu entmündigen und ihnen zum Beispiel vorschreiben, wie viele Bäder ihre Wohnung haben darf. Da sind wir ja wieder im Urkommunismus. ‚Kinder, bleibt hinter der Wohnungstür‘ – das ist so die Grenze für mich für die Bestimmung durch den Staat im persönlichen Bereich, außer bei Gewalt natürlich.“

Hast du ein paar Lieblingsorte in deinem Kiez?

„Ich geh gern ins Kuchi und ins Dudu zum Essen, aber allgemein bleib ich nicht nur in meinem Kiez, sondern bin gerne überall in Berlin unterwegs.“

Warum hat es dich gerade in den Prenzlauer Berg verschlagen?

J.V.: „Ich finde es super, dass im Prenzlauer Berg so viele Kinder sind. Als ich dort das erste Mal mit den Kindern auf dem Spielplatz war, gab es einen riesigen Anteil an Vätern. Das ist im Prenzlauer Berg mehr als in Charlottenburg und Wilmersdorf. Vielleicht gibt es mehr Selbstständige im Prenzlauer Berg, die sich ihre Arbeit selbst einteilen können. Aber ich finde gut am Bezirk, dass du noch spürst, dass das mal eine Arbeitergegend war.“

Woran erkennst du das?

J.V.: „Es wohnen noch viele Leute da, die schon zu Ostzeiten hier gelebt haben. Das ist auch in Mitte ganz krass, in der Linienstraße. Da gibt es diese ganzen Plattenbauten, die zwar einen neuen Anstrich bekommen haben, in denen aber immer noch die alten Mieter wohnen. Ich stelle mir vor, dass die Alteingesessenen sich das auch nie erträumt haben, dass sie auf einmal irgendwann aus ihrer Platte aussteigen und dann auf einmal in einem In-Kiez landen, wo es keinen Zucker zum Kaffee gibt, weil das ungesund ist und der Filterkaffee vier Euro kostet. Die Vorstellung finde ich ziemlich lustig und so was siehst du da eben nicht nur in Mitte, sondern auch im Prenzlauer Berg. Da gehen die Omis neben den ganzen hippen Leuten mit ihrem kleinen Taschenwagen zum Einkaufen.“

Und gibt es etwas in deinem Kiez, das dich nervt?

J.V.: „Wenn du ein dickes Auto hast, guckt keiner, aber wenn er guckt, dann so als ob du was verbrochen hast. Das ist natürlich eine krasse Spießigkeit. Mich nervt diese pseudo-linksliberale Einstellung von Leuten, die nicht mal annähernd Bildung im Kopf haben. Man muss sich doch fragen, was es eigentlich bedeutet, wenn jemand ein neues Auto fährt, das ja ökologisch schon mal hundertmal besser ist als so ein alter Ford Taunus, der dann zwar cool ist und antik, bei dem man sich aber denkt: ‚Ja Alter, das Ding fährt aber auch noch mit Blei.'“

In Neukölln wäre das ja eher: Wenn du ein dickes Auto fährt, hast du es geschafft…

J.V.: „Ja, aber das ist doch geil. Das bringen doch auch die südländischen Charaktere so rein, die feiern das eben auch ab, wenn man was erreicht hat. Das ist mir tausend Mal lieber, aber da kann man auch die Prenzlberger hinerziehen, das ist schon okay. Dafür bin ich dann da.“ (lacht)

In welchen Bezirken hast du denn sonst noch so gewohnt in Berlin?

J.V.: „Neben Steglitz und Mitte auch in Charlottenburg und Wilmersdorf. Also lange Zeit im Westen. Ich mag Bezirke, wo sich alles so mixt: fette Autos und Leute mit Geld, aber auch Arme und Arbeiter. Neukölln zum Beispiel war lange eine Monokultur und es gefällt mir, dass da jetzt ganz viele internationale Leute wohnen und sich das langsam ganz unpolitisch auflöst. Das bringt frischen Wind, auch gastronomisch. Berlin hat da echt lange hinterhergehinkt. Es ist doch gut, wenn es mal neue Läden gibt. Denn nur weil irgendwas alt ist und es das schon lange gibt, ist es noch lange nicht geil. Ich finde es toll, wenn die Auswahl größer ist und es auch auch vegane Restaurants und Saftläden gibt.“

Was nervt dich an Berlin?

J.V.: „Die Verkehrsminister. Also was die mit den Baustellen machen, ist krass. Wir haben ja eigentlich in Berlin den Vorteil, dass unser Straßensystem aus Parallelstraßen besteht, dass man also ausweichen kann. Aber Berlin schafft es, eine wichtige Straße zu bebauen und die Parallelstraße gleichzeitig auch zu sperren. Das ist ein Berlin-spezifisches Problem. Vielleicht sollte sich Berlin mal in Holland umgucken: Die Holländer haben da ein super System, dort werden feste Preise bei Ausschreibungen vereinbart, aber wenn die Baustelle früher fertig wird, kriegen sie einen Bonus und wenn sie länger brauchen, bekommen sie weniger Geld. Das wäre doch mal was für Berlin.“

Wie nennen dich deine Freunde, hast du einen Spitznamen?

J.V.: „Echt nicht, nein. Einfach nur Jürgen. Ist ja jetzt auch nicht der geilste Name, aber nee, leider nicht. Lustige Frage.“

Dankeschön für das Gespräch!

 

Die ARD zeigt den neuen Brandenburg-Polizeiruf „Demokratie stirbt in Finsternis“ mit Maria Simon, Lucas Gregorowicz, Jürgen Vogel und Matthias Glasner am 29. April um 20.15 Uhr.

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