Berliner Newcomer

Auf einen Drink mit… Vizediktator!

Auf einen Drink mit… Vizediktator!
Drei der vier Bandmitglieder von Vizediktator: Benjamin, Marco und Max (v.l.n.r.).
Wir ziehen durch die Bars der Stadt und laden uns Berliner Newcomer als Trinkgäste ein. Diesmal trafen wir die drei Jungs der Deutschpunk-Band Vizediktator auf ein, zwei, drei Bier in ihrer Kreuzberger Lieblingsbar.

Dass Kreuzberg „ihr“ Kiez ist, haben wir uns fast schon gedacht. Schließlich handelt eines der bekanntesten Lieder von Vizediktator, Kreuzbergs Scherben, vom 1. Mai und was daraus geworden ist. Vom Demonstrationstag der Arbeiterbewegung zum Riesenbesäufnis mit Musik: „Ein, zwei, drei, vier Bullen sind dabei, wenn wir unseren Kiez vollkotzen, hier am 1. Mai“, singt Benjamin, begleitet von Max‘ Gitarre und Marcos Schlagzeug. Die Band, die in anderer Konstellation als Folkpunk-Duo in einer alten Fabrik von Berlin-Moabit entstand und heute Deutschpunk macht, will richtiges politisches Engagement statt Protest-Saufen.

QIEZ: Was stört euch am 1. Mai?

Benjamin: „Ich finde jede politische Motivation zu demonstrieren und auf die Straße zu gehen voll okay – aber die Ausmaße, die der 1. Mai angenommen hat, sind nicht gut. Es wird so viel Müll produziert und alle kotzen nur rum.“

Marco: „Es ist halt vollkommen sinnentleert, nur wie ein großes Volksfest!“

Wann habt ihr das letzte Mal zu tief ins Glas geschaut?

Benjamin: „Gestern Abend beim Chromeo-Konzert im Festsaal Kreuzberg.“

Stellt euch vor, ihr wärt selbst als Band ein Drink, was wäre da drin?

Benjamin: „Ich kann das nur für mich sagen: Ich wäre definitiv ein Aperol Spritz.“

Marco: „Du bist doch nicht so ein fancy süßer Drink! Nee, du wärst eher ein Pastis.“

Benjamin: „Aber ich fühl mich richtig Aperol Spritz. Seit zweieinhalb Monaten ist das mein Lieblingsgetränk, davon wird man nicht müde und es ist so erfrischend.“

Nach einigem Hin und Her einigen sich die Jungs auf das Bandgetränk. Standardmäßig trinkt jeder von ihnen zwar gerne Gin Tonic, aber ihre eigene Kreation ist die Wasserstoffbombe, eine Mischung aus Sekt, Whisky und Energy Drink. Und die hat es in sich: Laut Benjamin ist man „nach einer Wasserstoffbombe völlig im Eimer.“

Die Band und die Journalistin sitzen mit Bier um den Tisch in einer Bar.

Fast wie im eigenen Wohnzimmer. Im Franken trifft sich die Band gerne.

Was sie auf einer Tour immer vor dem Auftritt trinken, ist ein Sekt auf Eis hinter der Bühne. Das ist dann aber schon ihr einziges Ritual. Naja, vielleicht noch ein kleiner Schnaps kurz vor dem Auftritt, aber: „Wir liegen uns jetzt nicht klassisch in den Armen wie Footballer oder so“, sagt Benjamin. Aufgeregt sind sie aber schon noch manchmal vor einem Gig – vor allem, wenn Freunde oder Familie im Publikum sind. Wobei Marco betont, dass diese Aufregung dann eher eine Art Vorfreude sei. Um ein schwieriges Publikum anzuheizen, haben die Jungs natürlich so ihre Tricks, wie den Hauptact anzuteasern und beliebte Lieder anderer Bands zu singen. Manchmal sei es sogar ganz gut, wenn das Publikum nicht richtig mitgehe, weil sie dann auf der Bühne umso mehr Power geben würden und es da ein gewisses Knistern geben würde, erzählt Benjamin.

Der Sänger der Band, Benjamin, sitzt auf der Bank und unterhält sich mit der Interviewerin.

Benjamin und Marco düsen gerne mit ihren Mopeds durch die Stadt.

Ist das Franken eure Stammkneipe?

Benjamin: „Wir gehen hier gerne hin, hier arbeiten Freunde von uns, es ist aber vor allem so etwas wie Max‘ Wohnzimmer. Ich glaube, das erste Mal war ich mit 13 hier in der Kneipe nach einem Konzert von Terrorgruppe im SO36 gegenüber.“

Kein Wunder, denn Benjamin ist in Kreuzberg geboren, im Urban-Krankenhaus, das er im Laufe seiner Jugend vor allem in der Notaufnahme wiedersah, wenn es mal wieder zu wild wurde mit den Freunden. Marco kommt ursprünglich aus Cottbus und wohnt inzwischen im Wedding. Max ist aus Freiburg nach Berlin gezogen „wegen der Liebe und wegen der Band, es hat alles gepasst zu dem Zeitpunkt“. Neben Vizediktator hat Max noch ein eigenes musikalisches Projekt namens MaxPaulMaria. Mit 30 ist er der „Jüngste“ in der Band, doch obwohl Benjamin und Marco, beide 33, schon Papas sind, gehen sie noch gerne zusammen feiern nach dem Proben in ihrem Neuköllner Studio.

Was ist euer Tipp gegen Kater?

Benjmain: „Vomex oder Eiswürfel mit Mineralwasser und Zitrone. Vomex ist ein wahres Wundermittel. Eigentlich ist das ein Mittel gegen Reiseübelkeit, aber ich glaube, das ist nur eine Tarnung.“

Was darf bei einer Tour nicht fehlen?

Max: „Badehose, Kopfschmerztabletten, Boombox, Tupperware und Kühlbox.“

Da Marco mit einem Buch über linke Theorien zum Treffen auftaucht, das er gerade auf der Straße gefunden hat, können wir ja auch gleich über Revolutionen sprechen. Schließlich heißt ihr neues Album Kinder der Revolution. In der gleichnamigen Single singen sie über die Generation der Nach-68er, die die Revolution selbst nicht mehr miterlebt haben.

Benjamin: „Kinder der Revolution ist kein Aufruf zur Revolution, sondern eine Bestandsaufnahme. Wir sind eine Generation, die alles noch vor sich hat. Uns geht es gut, wir haben viele Möglichkeiten, aber eigentlich sogar viel zu viele. Man kann alles nicht mehr so genau einordnen, oft endet das dann mit Feierei. Es ist auch eine sehr kritische Auseinandersetzung mit linker Thematik.“

Benjamin: „Genau, für ist uns ist das ja so romantisch verklärt, niemand von uns hat eine Revolution erlebt.

Marco: „Revolution findet nicht mehr im Großen statt und diese kleinen Ideen werden oft einverleibt in den Mainstream und dadurch entschärft. Ein Beispiel ist die Band Rage against the machine. Die Marketing-Leute sagten sich: ‘Hey diese Band macht Revolution, die Kids stehen auf Revolution, also verkaufen wir ihnen die Revolution.‘ Aber wo ist dann die richtige Revolution?“

Was wäre euer Vorschlag?

Marco: „Weiter mitdenken, weiter dranbleiben.“

Auch außerhalb des politischen Systems?

Benjamin: „Es ist superwichtig, sich außerhalb zu engagieren. Aber mir fällt immer auf, dass die Szene sich super schnell abkapselt und in einer Blase lebt. Ich habe oft das Gefühl, dass viel gegeneinander statt miteinander gearbeitet wird.“

Das Gesicht von Gitarrist Marco im Vordergrund, im Hintergrund die Band.

Marco wohnt eigentlich im Wedding, ist aber oft in Kreuzberg und Neukölln unterwegs.

In einem Song singt ihr „Halleluja, liebe Sünde, ich bin dein Kind“: Was habt ihr für ein Laster?

Benjamin: „Max hat ein Motorrad und das empfinde ich inzwischen als Laster. Denn er erzählt schon seit zwei Jahren davon und ich habe es noch nie gesehen.“

Max: „Ich hab’s gerade heute fertig gebaut.“

Benjamin: „Mein Laster wäre vielleicht, dass ich mir immer Platten kaufe, auch wenn ich kein Geld habe. Generell ist das mit dem Laster aber schwierig zu sagen: Ich meine, Alkohol ist ja auch ein Laster, aber das macht voll Spaß.“

Benjamin, was war deine letzte neue Platte?

Benjamin: „Ich habe eine Sleaford Mods Platte geschenkt bekommen.“

Dass der Musikstil der Band oft mit Die Nerven verglichen wird, finden die Jungs gar nicht so schlimm, schließlich finden sie die Band aus Stuttgart selbst ganz gut. Oft findet man auch ein paar abgewandelte Textbausteine der Band Ton Steine Scherben in den Songs von Vizediktator. „Die Texte finde ich super, Rio Reiser ist für mich der beste deutsche Texter. Viele Songs sind zwar musikalisch einfach schlecht, aber Rio Reiser war eine echte Persönlichkeit und ich finde es wichtig, das mit ein paar Zitaten weiterzutragen. Ton Steine Scherben muss man aber kritisch sehen, das ist so Hausbesetzerromantik, das muss ein bisschen umgedacht werden“, sagt der sympathische Sänger der Band.

Der Schlagzeuger Max vors einem Bier beim Zuhören.

Max ist extra für die Band von Süddeutschland nach Berlin gezogen.

Derzeit arbeitet die Band auch schon an ihrem zweiten Album. Bisher war hauptsächlich Benjamin fürs Songwriting zuständig, für ihr zweites Album wollen sie ihre bisherigen Strukturen jedoch etwas öffnen und schauen, was dabei raus kommt.

Marco: „Okay, bisher kommen wir rüber wie eine unorganisierte Alkoholiker-Band.“

Benjamin: „Aber wir haben sauviel Spaß.“

Marco: „Eigentlich nur Spaß.“

Benjamin: „Musik machen wir ab und zu auch mal.“ (lacht)

Ein schönes Schlusswort, denn Spaß hatten wir eine Menge und viel gelernt, Stichwort Vomex, haben wir auch. Wir bedanken uns für das Gespräch, trinken aus – und ziehen gemeinsam weiter in den nächsten Späti. Denn Kreuzberger Nächte sind lang und es ist noch früh.

Franken Bar, Oranienstraße 19A, 10999 Berlin

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